Straßenmusik mit Sax-Appeal

Freiburger Band Äl Jawala: "Unsere Nische ist ein Universum"

Alexander Ochs

Seit 20 Jahren bringt die Freiburger Band Äl Jawala ihre Balkan-Beats auf Straße und Bühne. Über die Anfänge, die verrücktesten Erlebnisse, die Heilkraft von Musik und ihr Filmprojekt hat fudder mit Perkussionist und Schlagzeuger Markus Schumacher gesprochen.

Könnt ihr euch daran erinnern, wie ihr zum ersten Mal auf der Straße Musik gemacht habt? Wie hat sich das angefühlt? Wie waren die Reaktionen?

Das war so: Nachdem wir uns bei einer Lagerfeuer-Session auf dem Schönberg kennengelernt und dort riesigen Spaß zusammen hatten, beschlossen wir, uns wieder zu treffen, um noch mehr Musik zusammen zu machen. Meine WG-Küche in einer Mühle in Mundingen war unser erster Proberaum. Und nach drei bis vier Treffen wollten wir das Ganze in Freiburg gleich auf die Straße bringen.

Damals waren immer wieder auch weitere Musiker dabei – Percussions, Kontrabass, Bombarden – und so waren wir ein ziemlich großer Haufen. Wir bauten also direkt am Bertoldsbrunnen auf und begannen zu spielen. Ich kann mich noch an den ersten Moment erinnern, als ich hochschaute und um uns herum plötzlich eine riesige Menge von Menschen stand. Es waren Straßenpartys, aber gleichzeitig richtig entspannt. Die Menschen waren teilweise echt baff, weil sie so einen Sound vorher noch nie gehört hatten. Ich würde sagen, es war eine köchelnde Aufbruchsstimmung damals auf der Straße. Für uns war es ein Gefühl von Freiheit und eine sehr schöne Art der Begegnung: spontan, ohne Rahmen, ungefiltert, direkt. Hört sich unspektakulär an, beinhaltet aber vieles von unschätzbarem Wert!
"Gefühlt haben wir jetzt mehr Power als zuvor, aber wir wollen diese Energie nun endlich auch wieder auf der Bühne ausleben."

Was waren eure Träume oder Ziele damals in Bezug auf die Musik – oder war das eher "just for fun", nach dem Motto: einfach mal machen?

Tatsächlich war der Spaß, den wir zusammen beim Musikmachen hatten, die größte Motivation für uns. Und ich glaube, die Einstellung "Einfach mal machen" hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Aber es hat uns sicher auch einen extra Antrieb gegeben, dass wir immer wieder die Freude und die Zustimmung so vieler Zuhörer erleben konnten. Wir spielten fast jede Woche in der KaJo, und als die Leute irgendwann nach CDs fragten, haben wir die ersten Live-Aufnahmen einfach selbst gebrannt und jeden Freitag vor der Straßenmusik eine kleine Bastel- und Brenn-Session veranstaltet. Mit dem Verkauf dieser ersten Demos konnten wir dann das erste Studioalbum "Urbanâtya" im Öle-Studio bei St. Peter aufnehmen. Gleichzeitig bekamen wir immer häufiger Anfragen für Hochzeiten, für Ausstellungen und von Festivals. Und so kam eins zum anderen.

Ein Ziel oder einen Masterplan hatten wir aber nicht. Und so gingen wir Schritt für Schritt weiter, bis wir eines Tages auf einer riesigen Festivalbühne, mitten in Bukarest standen; auf der Weltausstellung in Shanghai spielten; den Deutschen Creole-Preis für Weltmusik gewonnen haben nach einer durchgemachten Nacht auf einem Partyschiff in Basel oder auf der Hauptbühne nach Sido bei Das Fest in Karlsruhe aufgetreten sind. Mancher Aspekt unseres Schaffens hätte sich eventuell mit mehr Ziel und Plan noch positiver entwickeln können.



Wie siehst du eure musikalische Entwicklung? Äl Jawala damals, Äl Jawala heute – was macht den Unterschied?

"Same same but different" könnte da unser bisher unausgesprochenes Motto sein. Wir haben unsere Instrumentierung über die Jahre erweitert. Bass und Gitarre kamen dazu. Synthesizer. Und später auch Gesang. Seit 2020 spielen wir wieder in unserer Urbesetzung – zu viert. Mein Percussion-Set ist nun um zwei Synthies erweitert, und Steffi spielt nicht nur Saxophon, sondern singt auch. Die Grundeinstellung und das, was die Musik zusammenhält, ist aber die gleiche: Vielfalt, Offenheit, Spaß und Groove! Im Grunde drücken wir jetzt das, was wir schon immer gefühlt haben, mit einer größeren Soundpalette aus. Der Kern aus Saxes, Percussions und Drums bleibt aber derselbe.
"Wir sind also mit ziemlich lockeren Zügeln unterwegs."

Ihr sprecht ja gerne von "Balkan Big Beats" in Bezug auf eure Musik. Hattet ihr mal Angst, irgendwann in einer Nische oder Schublade festzustecken?

Wir hatten ja das Glück, dass wir als kleiner Schmetterling den großen Balkanbeat-Sturm mit auslösen durften. Den Zauber des Anfangs miterlebt und verinnerlicht zu haben... Von Beginn an haben wir uns aber auch gerne an den Grenzen – und jenseits – der typischen Balkan-Klischees bewegt. Das Wort "Big" hat uns da – abgesehen von der schönen Alliteration, die es mit sich bringt – ganz gut gefallen. Es steht für großen Sound, Beat-betonte Arrangements und vor allem für große Vielfalt. Ein großes Herz, in dem Platz für die ganze Artenvielfalt der Musik ist. Der kulturelle Schmelztiegel "Balkan" steht für Offenheit, Weiterentwicklung, für traditionellen Reichtum und Seele! Die "Beats" verbinden all dies miteinander und offenbaren, dass Äl Jawala in den 90ern mit urbaner Club- und Sample-Culture aufgewachsen sind.

Wir sind also mit ziemlich lockeren Zügeln unterwegs. Unsere Nische ist ein Universum – was manchen Äl-Jawala-Fans der ersten Stunde vielleicht hier und da etwas Zeit zum Eingrooven abverlangt, wenn sie die neuen Songs hören. Bei uns ist daher vielleicht sogar die "Angst" größer, etwas zu offen mit unserem Stil umzugehen.



Wie viele Gigs habt ihr insgesamt gespielt?

Wir haben ca. 1.200 Bühnen Gigs gespielt und sicherlich nochmal 300 Straßenkonzerte.

Ihr seid zum Teil auch weit herumgekommen auf euren Tourneen. Was waren die eindrücklichsten oder krassesten Erlebnisse in all den Jahren?

  • Total übernächtigt nach einer wilden Session in einem Jazzclub in Nanjing morgens um halb sieben in einen Bergsee zu steigen um beim Nanjing-Triathlon zu starten.
  • In einem Pariser Gefängnis zu spielen und dafür von oben bis unten durchleuchtet zu werden, bevor wir reindurften. Dann vor 150 Menschen aufzutreten, die nicht aufstehen und tanzen durften, obwohl sie sichtlich bewegt waren. In manchen Momenten waren wir beim Spielen den Tränen nahe.
  • Mit unserem Bandbus bei Vollmond am Schwarzen Meer anzukommen. Stufstock Festival Vama Veche 2005, auf der Bühne direkt am Strand zu spielen und von den Menschen vor Begeisterung regelrecht überrannt zu werden.
  • Das Konzert im Amphitheater Jerash, Jordanien. Historischer Boden, 50 Grad im Schatten, schwer bewaffnete Security, der Gegensatz zwischen westlichem und heimischem Publikum.
  • In Shanghai auf einer Bühne mitten im See spielen zu sollen, und der Moment, als wir realisieren, dass wir nur fünf Karaoke-Mikros als "Bühnentechnik" zur Verfügung haben – da mussten wir ganz schön improvisieren…
  • Die Male, bei denen Einzelne von uns krank – mit Grippe, Schüttelfrost, Bandscheibenvorfall und anderen Gebrechen – auf der Bühne standen und nach dem Konzert oft wieder gesund von ihr herunterkamen...
  • Das allererste Kinderkonzert im Jazzhaus und dabei sooo viel über das Musikmachen zu lernen.
  • Im Tollhaus Karlsruhe Anfang 2021 vor einer riesigen Leinwand mit live zugeschaltetem "Zoom-Publikum" zu spielen.

Apropos Zoom: Wie seid ihr bislang durch die Pandemie gekommen?

Wir nutzen diese Phase, um Neues zu entwickeln, weiterzukommen. Da wir bis jetzt noch nie so etwas wie ein Sabbat-Jahr eingelegt haben, tat uns die Zwangspause teilweise ganz gut, um uns zu sortieren. Wir sind ja seit einem Jahr nur noch zu viert, im Ursprungsquartett, unterwegs. Eine Art Neuanfang. Gefühlt haben wir jetzt mehr Power als zuvor, aber wir wollen diese Energie nun endlich auch wieder auf der Bühne ausleben.

Wieso wollt ihr jetzt einen Film drehen, und was genau ist geplant?

Der Film ist sogar schon gedreht – wir müssen nur noch zusammenfügen, was zusammengehört. Es wird ein Geschenk an uns und unsere Fans! Und eine Art Zeitdokument deutscher, europäischer und nicht zuletzt Freiburger Musikkultur! Wir haben unglaublich viel Filmmaterial gesammelt, vieles davon unveröffentlicht. Die besten "Jawala-Momente" sollen nun zu einer Reise durch unsere wilden Jahre als Band zusammengeschnitten werden.

Wenn das Crowdfunding auf www.startnext.com/aljawalamovie – läuft noch bis 9. Dezember – gelingt, wird Aljoscha Hoffmann, der mit uns vor 20 Jahren die allerersten Filmaufnahmen gedreht hat, dieses Projekt mit uns verwirklichen. Er hat damals alma TV in Freiburg mitgegründet und ist mittlerweile für große Dokumentarfilmformate wie "37 Grad" verantwortlich.

Wie beurteilt ihr die Musikszene in Freiburg?

Die Musikszene in Freiburg ist reich und vielfältig und hat mittlerweile eine beeindruckende Anzahl guter Bands hervorgebracht, die deutschlandweit und international touren. Wertschätzung und Raum für Subkultur werden aber immer knapper und sind leider kein Zufallsprodukt mehr, das muss also aktiv gefördert werden. Mit Multicore, IG Subkultur, Kulturgesichter, dem Freiburger Booking Fonds und dem Popbeauftragten hat sich in den letzten Jahren so viel Positives entwickelt, dass es Hoffnung macht. Wenn es etwas gibt, das wir der Freiburger Szene wünschen würden, dann ist das Mut zu Innovation, Offenheit und Durchhaltevermögen.
Was: Filmpremiere "20 Jahre Äl Jawala"
Wann: Freitag, 4. März 2022 (ursprünglich für 22. Januar 2022 geplant, wurde verschoben)
Wo: Jazzhaus Freiburg
Eintritt: VVK 18,60 Euro, AK 20 Euro

Äl Jawala (aus dem Arabischen: die Reisenden, die Wanderer) sind:
Steffi Schimmer (44): Altsaxophon, Gesang
Krischan Lukanow (42): Altsaxophon, Tenorsaxophon
Markus Schumacher (43): Keyboard, Schlagzeug, Percussion
Daniel Pellegrini (42): Schlagzeug, Percussion, Keyboard, Didgeridoo

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