Solidaritätsaktion

Freiburger Ärztin: "Niemand kann sich von Applaus seine Miete leisten"

Gina Kutkat

Mit Plakaten fordert das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg mehr Personal in Krankenhäusern. Katharina Rühlmann erklärt, worum es bei der Aktion vor Freiburger Kliniken geht.

Sie nennen sich "Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg". Was verstehen Sie darunter?

Wir sind ein Zusammenschluss von einigen Initiativen, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen und setzen uns – wie es der Name sagt – für ein solidarisches Gesundheitssystem ein. Das bedeutet für uns vor allem, dass es basisdemokratisch, bedürfnisorientiert und nicht profitorientiert ist. Wir denken Gesundheit nicht nur als Fehlen von Krankheit, sondern als ganzheitliches Konzept, in dem wir beispielsweise soziale Determinanten von Gesundheit mitdenken.

"Unserer Meinung nach gehört Gesundheit in die öffentliche Daseinsvorsorge und wir fordern, dass die Fallpauschalen abgeschafft werden."

Was läuft falsch am Gesundheitssystem in Deutschland und was müsste sich als Erstes ändern?

Wir kritisieren die zunehmende Privatisierung und Ökonomisierung des Gesundheitswesens und das Fallpauschalensystem, das 2003 eingeführt wurde. Das gruppiert Patienten mit Diagnosen in "Fallgruppen" und vergütet diese pauschal. Leider führt dieses System aber zunehmend zu einem Nebeneinander von Unter,- Über- und Fehlversorgung. Gesundheit gehört in die öffentliche Daseinsvorsorge und nicht in die Hände profitorientierter privater Krankenhauskonzerne.

Momentan ist es aber so, und das bedeutet, dass Pflege vor allem auch ein Kostenfaktor ist – es kam also in den letzten Jahren trotz Zunahme der Patientenzahl zum Abbau von Pflegestellen, deshalb auch der Pflegenotstand. Bei den Streiks der Charité Berlin hatten die Beschäftigten in den letzten Jahren den Slogan "Mehr von uns ist besser für alle". Das passt sehr schön, denn während der Coronakrise sehen wir nun, dass diese Berufe systemrelevant sind.

"Es ist toll, dass Menschen sich dankbar zeigen und dass diese Berufe endlich gesehen werden. Aber es reicht nicht."

Kann die Krise da förderlich sein, dass sich etwas tut?

Es kann eine Chance sein, weiter Druck zu machen und das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. In den großen Medien und in der Politik ist schon angekommen, dass wir einen Pflegenotstand haben. Jetzt merken immer mehr Menschen, wie wichtig diese Berufe sind und fragen sich, warum die Pflegeberufe so schlecht bezahlt werden.
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Deutschland und auch Freiburg haben die Tradition übernommen, auf dem Balkon Beifall zu spenden für Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten. Was halten Sie davon?

Dieser Applaus ist schön, das will ich gar nicht runterspielen. Es ist toll, dass Menschen sich dankbar zeigen und dass diese Berufe endlich gesehen werden. Aber es reicht nicht: Niemand kann sich von Applaus seine Miete leisten. Es wäre schön, wenn aus Applaus und Dank mehr werden würde und sich mehr Menschen solidarisieren, zum Beispiel, indem sie bei Streiks unterstützen.

Geplant ist jetzt eine Solidaritätsaktion vor den Krankenhäusern Freiburg. Was genau soll da passieren?

Wir wollen Transparente vor den Kliniken in Freiburg aufhängen, auf denen steht, dass unser Klinikpersonal mehr wert ist als Applaus. Wir wollen damit ausdrücken, dass es nach Corona nicht einfach so weitergehen kann, sondern dass man sich überlegen muss, wie das Gesundheitssystem aufgebaut werden soll.

"Das ist kein kurzfristiger Kampf für uns; wir und die Beschäftigten kämpfen schon lange für eine Änderung."

Was sind die konkreten Forderungen?

Unserer Meinung nach gehört Gesundheit in die öffentliche Daseinsvorsorge und wir fordern, dass die Fallpauschalen abgeschafft werden. Außerdem soll es mehr Entlohnung, mehr Wertschätzung und mehr Entlastung für das Krankenhauspersonal geben.

Was wäre ein erstes Ziel für die kommenden Wochen? Wann würden Sie sagen, war die Aktion erfolgreich?

Das ist kein kurzfristiger Kampf für uns; wir und die Beschäftigten kämpfen schon lange für eine Änderung. Wenn das Problem in der breiten Gesellschaft ankommt und wir beim nächsten Streik für die Reinigungsberufe oder das Pflegepersonal mehr Unterstützung bekommen, können wir auch mehr Druck aufbauen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, die Organisationen oder auch unser Netzwerk zu unterstützen.

Wenn man nicht Teil eines Netzwerkes ist, was kann man als Individuum in dieser Ausnahmesituation tun?

Ich glaube, dass der Hashtag #flattenthecurve seine Berechtigung hat. Sonst würden wir schnell an die Grenzen des Gesundheitssystems stoßen. Deswegen macht es schon Sinn, auf die ganz normalen Standards wie Hygiene, Social Distancing oder den Schutz der Risikogruppen zu achten, damit wir möglichst viele Menschen vor einer schweren Erkrankung bewahren können.
Katharina Rühlmann, 35, arbeitet in Freiburg als Ärztin und ist Teil des Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg.

Das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg ist im Großraum Freiburg aktiv und vernetzt verschiedene Gruppen und Einzelpersonen. Alle zwei Wochen gibt es mittwochs um 19 Uhr eine Videokonferenz.

Web: sol-ges.de

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