"Freiburg brennt": Die erste Nacht im besetzten Audimax

Robert Hotop

Diesmal soll alles anders sein. Dieser Studenten-Protest soll nicht einfach so versanden wie 1997 oder 2005. Die vermurkste Studienreform, die Finanzkrise und die deutschlandweit aufbrandenden Proteste scheinen auch die Freiburger Studenten zu motivieren. Bis zu 1000 Studenten waren in der vergangenen Nacht im besetzten Audimax. Impressionen aus der ersten Nacht von "Freiburg brennt".



Ein bisschen genervt sieht er schon aus, findet Jonas. Der 23-jährige Jurastudent meint Heiner Schanz, den Prorektor, der gerade in einer Ecke des KG II-Foyers mit ernster Miene ein Interview gibt. Schanz und sein Begleiter tragen lange schwarze Mäntel, Anzüge, Krawatten und Aktenkoffer und wirken ein bisschen wie zwei Agenten aus der Matrix, allerdings fehlen Sonnenbrillen und Ohrstöpsel. Viel Beachtung finden sie trotzdem nicht.

Die Unibesetzer sind viel zu beschäftigt, um sich für die abseitsstehende Gruppe zu interessieren. Ein paar Studentinnen haben den grauen Fußboden großflächig mit Plakaten in allen Stadien bedeckt, manche sind noch weiß, auf anderen sind in bunten Farben die Forderungen und Parolen zu lesen, altbekannte und neue, es ist noch eine Menge Platz. Dazwischen wird jongliert, musiziert, diskutiert, getrunken, gekocht, gegessen: Hauptgericht ist Bulgur, eine Art Couscous mit allem (Tomaten, Paprika, Bohnen, Zwiebeln, Zucchini). Gegessen wird, was auf den Plastikteller kommt, und es scheint zu schmecken, jedenfalls wird die Schlange immer länger.

Die meisten Studierenden trinken alkoholfreie Getränke oder Bier, das in Sixpacks oder gleich einkaufswagenweise ins KG II geschafft wird. Ein nach dem Vorbild anderer Besetzungen gefordertes Verbot von hartem Alkohol hat eine große Mehrheit mit Hinweis auf das eigenverantwortliche Selbstverständnis zwar zurückgewiesen. Dennoch findet der Tequila-Stand im Foyer kaum Zuspruch. Gegen eine Spende offerieren dort der 20-jährige Forstwirtschaftsstudent Ben und die Waldorf-Abiturientin Sarah giftig-gelbliche Tequila-Sunrises und Shots aus fertig zusammengemixten Flaschen, deren Zutaten sie lieber nicht verraten wollen. Der Hit ist das Eis aus der Thermosflasche. Sarah weiß im ersten Augenblick keine Antwort, als sie erklären soll, warum sie hier ist – mal abgesehen vom eher verlustreichen Spirituosenausschank.

Die 18-Jährige stimmt aber zu, als Daniel für sie spricht: „Na, Du bist hier, weil Du nächstes Jahr studierst und vorarbeiten musst für bessere Studienbedingungen.“ Und Spaß haben beide gehabt, als sie nach Mitternacht die übrig gebliebenen Alkoholika und O-Saft-Tüten zusammenpacken.

Andere geben ihr Debüt als Rednerinnen und Redner – mutig vor vielen hundert Augenpaaren, die auf das Podium gerichtet sind. Der 26-jährige Geschichtsstudent Michael steht nach gelungenem Auftritt draußen vorm KG II und schafft es locker, sich innert 5 Minuten zwei Zigaretten reinzuziehen: Man sieht ihm an, dass er stolz ist, aber er zittert, während Freundin Krissi seinen Arm hält. „Das ist trotz langjähriger Fachschaftserfahrung schon noch etwas Besonderes, vor so vielen Leuten zu sprechen.“ Michael hat sich dafür starkgemacht, die Besetzung „nicht als Selbstzweck, sondern nur als ersten Schritt zur Durchsetzung der studentischen Forderungen“ anzusehen.

Wieder andere formulieren ihre Anliegen auch vor Riesenpublikum längst mit der Routine der Berufspolitikerin, wobei sie das vielleicht nicht gerne hören würden: Die zierliche, aber energiegeladene Julia, seit Jahren als Globalisierungskritikerin auch bei Attac aktiv, erklärt in druckreifen Sätzen die Hauptanliegen der Studierenden aus Sicht des als Hochschulorganisation der „Linken“ neu gegründeten SDS: Erstens, zweitens, drittens.

Bei aller politischen Abgebrühtheit klingt sie doch selbst überzeugt, wenn sie erklärt, dass diesmal eben nicht alles so ist wie in den vergangenen mageren Jahren des Studentenprotests auch: „Selektion an den Schulen und Universitäten, die einseitige Ausrichtung der Bachelor- und Master-Abschlüsse auf die Interessen der Wirtschaft und natürlich die Finanzkrise sorgen diesmal für eine bundesweite Mobilisierung. Früher gab es nur einzelne Besetzungen, mit denen nicht genügend Druck ausgeübt werden konnte.“ Die Sozialistin wünscht sich eine Welle des Protestes, die, ausgehend von den Unis, auch andere Bereiche der Gesellschaft erfasst.

Nicht alle Studierenden sind damit einverstanden, dass der SDS, aber auch andere im Audimax parteipolitisch Flagge zeigen. Eine Mehrheit ist dennoch dafür, dass die Plakate von Parteien und Jugendorganisationen hängenbleiben dürfen. Das freut auch Jusos und Piratenpartei, die ebenfalls die Gelegenheit nutzen, um ihre Solidarität mit der Besetzung unter eigenem Logo zu demonstrieren.

Im Audimax wird die Marathonsitzung bis weit in den Morgen fortgesetzt. Alle Sitzplätze des Audimax sind belegt, auch auf den Treppen und vorne hinterm Pult sitzen und stehen die Studierenden. Zusammen mit den Rauchern, die brav vor die Tür gegangen sind, ist der Protest von 200 Initiatoren noch am frühen Abend um halb zehn auf gut 1000 Studierende angewachsen. Gegen drei Uhr morgens hat sich ein harter Kern von knapp 300 Studentinnen und Studenten herauskristallisiert, der auch die Nacht im Schlafsack verbringen wird.

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Fotos: Martin Neumann

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