France vs Italie à Neuf-Brisach

David Weigend

Wir haben gestern Abend die letzte Chance genutzt, ein Frankreichspiel während der EM 2008 in Frankreich zu schauen. Trotz der 0:2-Niederlage gegen Italien war es ein lohnender Ausflug. Eine Private-Viewing-Reportage aus Neuf-Brisach, mit Foto-Galerie.



Neuf-Brisach, 20.30 Uhr, kurz vor Anpfiff des entscheidenden Frankreichspiels: Nichts weist auf ein nationalrelevantes Ereignis hin. Keine Public Viewing-Leinwand auf dem riesigen Marktplatz, keine fahnenschwenkenden Jugendlichen. Das Vaubansche Bastions-Achteck der 2500-Seelen-Gemeinde wirkt ausgestorben und würde eine prima Kulisse abgeben für die Elsässer Version von "Für eine Handvoll Dollar" mit Clint Eastwood. Beim "Au Lion de Belfort", eine der wenigen geöffneten Pinten, geht der Kellner mit provozierender Langsamkeit über die Türschwelle und stellt sich den Espresso auf den vordersten der fünf leeren Tische am Trottoir.



Wir latschen ziellos durch die tote Bastion. Im Dönerladen hängt ein Fernseher, aber da läuft Avrasya. Ein Mofafahrer im Polyester-Trainingsanzug sagt uns, wir sollten zur Gendarmerie gehen. Da gegenüber sei die Bar „Le Vauban“, die würden das Spiel bestimmt zeigen.

Wir folgen dem Rat und treten in Spielminute 9 in die Sportbar, in jenem unglücklichen Moment also, als Ribery mit Unterschenkelbruch vom Platz getragen wird. Erste Lektion: Elsässer betonen den Namen des Verletzten auf der ersten Silbe, also RIbery. Wir gehen an die Bar und ordern zwei Amstel. Erst viel später lesen wir das Schild über der Theke mit der Aufschrift „Pendant matchs de l’équipe de France – toutes les Heineken à Demi-Tarif.“ Egal, das Amstel läuft gut runter, ebenso die Stimmung im „Vauban“, als Abidal nach 24 Minuten wegen Notbremse rausfliegt und Pesto-Pirlo daraufhin den Elfer versenkt. 1-0 Italien.



Die zehn Kneipenkiebitze raunen vor sich hin und machen abschätzige Handbewegungen. Rasch richtet sich ihre Aufmerksamkeit dann aber auf die andere Straßenseite der Rue de Belfort: Irgendwas läuft da vor der Gendarmerie, Personen wuseln herum, und, soviel Klischee muss sein, die hübsche Polizistin steht rauchend vorm Dienstwagen. Allein Wirt James Matton, 52, lässt sich davon nicht beirren und macht die Pastisgläser mit feinem Ricard voll.



In der Halbzeit inspizieren wir das Lokal mit seinen Details (das eingerahmte Mannschaftsfoto von A.S. Neuf-Brisach 1921 samt Wimpel, Top-Hingucker) und kommen mit den Gästen ins Gespräch. Da ist zum Beispiel Frantz, Autoschlosser im Ruhestand und leiderfahrener Anhänger der Équipe: „Ich war letzte Woche bei Frankreich-Rumänien im Stadion in Zürich. Auf jäde Fall ischs ä großi Scheiß gsi“, sagt Frantz und schaut hinab auf seine Sandalen. Neben ihm sitzt Fernando. Er trägt Holzfällerhemd, ist Kesselschmied und sagt: „Im Fußball geht’s doch bloß noch ums Geld, ischs wohr oder nit. Un, die müsse endlich emol de Videobewiis ifihre, isch mine Uffasung.“ James, machsch uns deux bière.



Zweite Halbzeit. Als die M6-Moderatoren die Führung der Niederländer gegen Rumänien vermelden (54.) und obendrein De Rossi das zweite Tor für Italien erzielt (62.), verlieren die ersten Vaubanbesucher bereits das Interesse am Kick. Sie wenden sich lieber den Pferdewetten zu, in dieser Lokalität das Hauptmetier. Überhaupt laufen auf einem zweiten Fernseher parallel zum football die ganze Zeit Aufzeichnungen von Trab- und Galopprennen, akribisch verfolgt von schirmbemützten Kiebitzen mit Panzerglasbrillen um die 70, die Wetten im Fünf-Euro-Bereich abgeben.

Auch wir hören auf den Rat eines Goldkettchenträgers, setzen zwei Euro auf „Platz“ für nen Pariser Gaul und hauen die Zeche für zwei Amstel raus. Wenigstens ein kleiner Erfolg in Neubreisach. Wobei Thekenchef James die schlechte Laune schon im Keim erstickt, indem er augenzwinkernd eine Lokalrunde Pizza serviert.



Zum Schluß erscheint der heisere Domenech auf dem Bildschirm, Frantz ruft „Catastrophe!“ und Frankreich scheidet mit 1:6 Toren aus dem Turnier. Schön war’s trotzdem bei den Nachbarn. Wir stromern noch ein wenig durch den Ort und sehen an einer Pinnwand ein gelbes Plakat mit der verlockenden Aufschrift: "Grand Grempel Tournoi, 29 Juin 2008, Volgelsheim (...) plus Projection de la Finale de l'Euro 2008".



Dann verlassen wir Neuf-Brisach und sind nicht mal sicher, ob hier bei einem Weiterkommen der französischen Mannschaft irgendjemand gehupt hätte.

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