Foto-Galerie & Nightlife-Guru: Scooter in der Rothausarena Freiburg

Janos Ruf & Nightlife-Guru

Die Vorfreude auf den ersten Auftritt von Scooter in Freiburg war groß. Bereits am Freitag wurde im Kamikaze der schönste H.P. Baxxter-Doppelgänger gekürt (gewonnen hat der frisch blondierte Cruel) und gestern cruiste eine Gruppe Partywilliger im VAG-Partywagen gen Rothausarena. War das Konzert den Hype wert? Unser kundiger Nightlife-Guru war dabei und hat natürlich eine Meinung.

Vor der Tür

Kurz nach sieben vor der Rothausarena. Ich bin ja einiges gewöhnt, was das Schlange stehen angeht, (Hier könnte der Muss-in-jedem-Nightlife-Guru-vorkommen-Satz über diesen einen Club in Berlin stehen, aber den spare ich mir dieses Mal.) aber der Zustand vor den Türen von Freiburgs Mehrzweckhalle ist am Sonntagabend, nunja, Hardcore. Die Schlange zieht sich in fünf Menschen starken-Reihen zwei Mal über den Parkplatz.

Zum Glück habe ich Connections. Meine Begleitung und ich finden einen Weg in die Halle, ohne uns hinten anstellen zu müssen.



Wer war da?


Dieses Publikum macht es einem leicht, zu leicht, sich überlegen zu fühlen. So leicht, dass es gar keinen Spaß mehr macht, sich überlegen fühlen zu wollen.

Kleine Zuschauerinventur aus der zu gut beleuchteten Vorhalle:
  • eine Frau mittleren Alters in einem großlöchrigen Netz-Top in Neon-Pink;
  • ein Mann Mitte Zwanzig, der sicher eins dieser T-Shirts mit der Aufschrift "Bier formte diesen Körper" besitzt, ebendieses heute aber Zuhause gelassen hat und heute seine Fellweste direkt auf seinem untrainierten Oberkörper trägt;
  • diverse Menschen, die mich an die Kandidaten der Sendung 'Bauer sucht Frau' erinnern;
  • Männer in zu engen kurzärmeligen karierten Hemden; und
  • Männer in Scooter-T-Shirts mit H.P. Baxxter-Frisuren, die sich diese Frisuren nicht für den Lookalike-Contest am Freitag im Kamikaze angeschafft haben.
Ich befinde mich offensichtlich in einer Parallelwelt.

Mir ist dabei - durchaus schmerzlich - bewusst, dass diese Parallelwelt mit der realen Welt, mit dem Mainstream, höchstwahrscheinlich deutlich mehr zu tun hat, als das, was ich im allgemeinen als normal empfinde.

Zum Glück sind aus meiner normalen Welt auch einige Menschen anwesend:
  • die gut gelaunte Baggage, die wohl aus dem Partywagen der Herren Peng und Pornoladenerbe stammt;
  • eine Rotte Typen in Warnwesten, auf denen irgendwas mit Geschlechtsvekehr draufsteht; sie tragen Vokuhila-Perücken und Schmuck aus Knicklichtern; und
  • eine Posse in Jogginghose und selbst gestalteten weißen T-Shirts mit jeweils einem Buchstaben auf Brust und Rücken. Sieht man sie von vorne, liest man: HYPER!, von hinten: WICKED
Es sind deutlich mehr Männer als Frauen da. Das Durchschnittsalter kann ich jedoch kaum schätzen. Es sind viele Menschen da, die 1995, als 'Hyper Hyper' herauskam, so um die 20 gewesen sein dürften, und einige von ihnen haben offensichtlich ihre Kinder dabei. Aber es sind auch reichlich Landjugend-Mitglieder anwesend, die so um die 20 sein dürften, aber so aussehen, als wären sie schon 1995 20 gewesen.

Ich bin fasziniert. Und ich brauche dringend Alkohol.

Catering & Getränkekarte

Bier und Radler kosten 3 Euro, Cocktails 5 Euro, jeweils plus 2 Euro Pfand für den Scooter gebrandeten Becher in drei Motiven. Neben mir debattiert eine Gruppe hübscher Mädchen aus meiner normalen Welt, wie viele Becher sie für ihre WG behalten wollen.

Ich erwerbe einen Long Island Iced Tea (mein Becher zeigt H.P. Baxxter in Rückansicht), nehme einen Schluck und fühle mich sofort besser. Ich bin so weit aus meiner Comfort Zone 'raus, dass dieser Abend eigentlich eine anthropologische Exkursion ist. Alkohol verschafft mir Komfort.

Vorband, Bühnendeko & Pyrotechnik

In diesem Moment ertönen Geräusche aus der Halle. Gibt es etwa eine Vorband? Ich begebe mich in die Halle, und bleibe kurz hinter dem Eingang stehen. Tatsächlich, da ist eine Vor- nein, keine Band - man nennt das wohl einen Act. Es handelt sich um einen Kirmestechno-Act. Ich habe sofort Lust, Boxauto zu fahren, oder - noch besser - Breakdancer.



Nur einer der drei Männer auf der Bühne scheint aktiv Musik zu machen. Er steht hinter Plattentellern, den Kopfhörer an die rechte Schulter geklemmt, und...IST DAS ETWA FUDDER-MANN MACISTE?!?! Beinahe in Panik bewege ich mich in Richtung Bühne. Puh! Nein! Das Plattenteller bedienende Mitglied dieser Combo - sie heißen übrigens 'House Rockerz' (diesen Namen brüllen sie zumindest immer wieder) - sieht dem guten Maciste nur sehr, sehr ähnlich.

Die anderen beiden Mitglieder der Gruppe scheinen primär eine Cheerleading-Funktion zu haben. Sie sind rechts und links neben dem Maciste-Doppelgänger auf der Bühne platziert und springen knapp neben dem Takt der Beats, wedeln mit den Armen und werfen irgendwelche Sachen von der Bühne.

Das ist alles lustig und lenkt davon ab, dass die Musik nicht sonderlich spannend ist. Irgendwann kommt tatsächlich aber doch noch jemand mit einem Instrument - einem Saxophon - auf die Bühne. Sowas aber auch!

Von der vielleicht fünfundvierzigminütigen Performance bleibt ein Song immerhin in Erinnerung: Herzrasen. Könnte der Hit der Frühjahrsmesse 2011 werden.



Danach ist Pause. Meine Begleitung und ich stehen in der halbdunklen Halle herum. Wir wollen uns nicht mehr überlegen fühlen, und versuchen deshalb, nicht mehr über das Publikum zu lästern. Stattdessen sinnieren wir über das Kulturphänomen Großkonzert und was genau eigentlich 'Live' bedeute. Als ich gerade meine These darlege, dass

BUMM!

Es knallt so laut, dass ich meinen Satz nicht beenden kann. Eine Hunderstelsekunde lang ist das Publikum um uns herum ganz still, dann beginnt es zu gröhlen. Ein Intro läuft. BUMM! Es knallt noch einmal. Und genau in dem Moment passieren gleich mehrere Dinge: die Hallenbeleuchtung wird ausgeknipt, Nebel wabert über die Bühne, die Bühnenbeleuchtung leuchtet auf, die LED-Videowände werden angeknipst und unter der Decke der Rothausarena ein kleines Feuerwerk gezündet. Tänzer kommen auf die Bühne. Dann Scooter.

So sagen Scooter also 'Hallo'.



Konzertatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Die Chronologie der nächsten zwei (?) Stunden Performance (Ich will nicht das Wort Konzert benutzen, denn Musikinstrumente haben an diesem Abend primär dekorativen Charakter)   bekomme ich nicht zusammen. Aber die Chronologie ist auch unwichtig. Dieses Erlebnis nimmt alle meine Sinne gefangen.

Denn dieses Erlebnis? Ist gegen Ende so.

Scooter mit Maria beim Konzert in Freiburg, am 12.12.2010

Quelle: YouTube
[youtube iAJXhnSroTU nolink]
[via @dreisampirat]

Folgende Fragmente des Abends können trotzdem irgendwo in meinem Hirn Halt finden:
  • Die Musik ist auf eine sehr angenehme Weise sehr, sehr, sehr laut: Meine Kleidung vibriert an meinem Körper, der Bass wummert im Zwerchfell. Trotzdem: keine Ohrenschmerzen, kein Übelkeitsgefühl. Das ist Lautstärke vom Fachmann.
  • H.P. ist eine Maschine. Aber er wirkt ein klitzekleines bisschen müde. Es ist aber auch der letzte Auftritt dieser Mini-Tour.
  • Die Herren Jordan und Simon hüpfen meist mit ausgestreckten Armen auf den Synths auf und ab oder wedeln ihre Handtücher, während H.P. sich eher im vorderen Bühnenbereich abrackert.
 
  • H.P. spricht fast nur Englisch zwischen den Songs. Das ist sehr albern, aber ihm verzeiht man das sofort. Ich kann mir absolut gar nicht erklären, warum. Wahrscheinlich, weil man H.P. alles verzeiht. H.P. ist toll!
  • Die Pyrotechnik ist auch toll. Es gibt Flammenwerfer und Feuerbälle, deren Wärme man auch noch 15 Meter von der Bühne entfernt spüren kann.
  • Mit dem Licht ist auch irgendwas. Sehr viel auf jeden Fall. Laser und Kram! Wer lichtempfindliche Epilepsie hat, der darf hier nicht sein, nein, nein!
 
  • Die Songs sind für Nicht-Scooter-Fans kaum zu unterscheiden. Die Musik ist ein energiereicher Brei aus Wumms, Bumms, Song-Versatzstücken, Slogans, Beat, Ohrwurm-Melodiefetzen. Alles kommt einem vage bekannt vor.
  • Erst durch das Einfügen des Scooter-Universal-Wort 'raven' scheint ein Song zum Scooter-Song zu werden: "Ravin' all over the world', "I'm ravin', I'm ravin" und so weiter und so fort.
 
  • Shout-Chöre sind essentieller Bestandteil einer Scooter-Show. Woher wissen die Menschen im Publikum, was sie schreien müssen? Waren die alle schon mal hier? Lernen die das im Musikfernsehen? Haben die vielleicht Anweisungszettel bekommen?
  • Die mediale Dokumentation des Konzerts scheint den meisten Zuschauern mindestens so wichtig zu sein, wie die tatsächliche Wahrnehmung. Ein kleines Universum leuchtender Handy- und Kamera-Display-Sterne funkelt beständig über den Köpfen der Zuschauer.
  • Es gibt auch hier Cheerleader! Zwei Tanzjungs, die beim 'Supertalent' sicher vorne dabei wären und zwei Mädchen mit wenig Klamotten. Alle wechseln mehrfach die Outfits.
  • Mittendrin schmust und fummelt direkt vor mir ein Pärchen. Romantik bei Scooter!
  • Döp Döp Döp Dödödöp Döp Döp Döp Döp Döp Dödödöp Döp Döp!


Das Gesamterlebnis ist sehr befremdlich - und sehr faszinierend. Und es macht - verdammt noch mal, das wollte ich doch eigentlich vermeiden! - SPASS. Ich wollte cool in der Ecke herumstehen, stattdessen verbringe ich die erste halbe (?) Stunde damit, meine Kinnlade mit einer Hand nach oben zu drücken; danach versuche ich kurzzeitig, den Bewegungsdrang in meinen Füßen zu unterdrücken. Sehr bald gebe ich beides auf. Den Rest der Zeit hüpfe ich, meine Arme in die Höhe gereckt.

Es ist wirklich super.

 

Auf dem Klo während des Konzerts

Es ist wenig los; alles ist sauber und erstaunlich ruhig. Meine überreizten Sinne sind von diesem reizarmen Ort verwirrt. Auf dem Rückweg durch die Vorhalle kaufe ich noch einen Long Island Iced Tea.

Aufheiterle

H.P. zieht sich vier Mal um. Jedes neue Glitzer-T-Shirt ist schöner als das davor.



Aufregerle

Nach dem Konzert will ich mir dringend ein Scooter-T-Shirt kaufen. Dummerweise ist das Angebot am Merch-Stand sehr spärlich. "Ist der letzte Termin der Tour, ich hab schon fast alles abverkauft", sagt der freundliche Typ am Stand entschuldigend und reicht einen Flyer mit einem Gutschein-Code für den Scooter-Online-Shop. Da gibt es die gleichen wenigen Sachen. Schade.

Fazit

Gelobt sei meine Anonymität. Sonst würde mich die fudder-Redaktion sicher zu einem 'Ich steh' dazu' verpflichten. Denn ich bin jetzt Scooter-Fan.

Mehr dazu:

  • Argh.de: http://www.argh.de/archives/2362/" titel="">Scooter, Columbiahalle, 20080406, oder: Ein Versuch über Wickedness

Foto-Galerie: Janos Ruf

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