Sexualität

Feuerzeug-Gründer: "Für die weibliche Masturbation gibt es noch zu wenig Bilder"

Gina Kutkat

Kein Aprilscherz: Das Freiburger Porno-Start-Up Feuerzeug veröffentlicht am 1. April seinen zweiten Film "Seeseiten". Gedreht wurde der feministische Porno am Kleinen Opfinger See, inhaltlich geht es um Masturbation. fudder hat mit Kira Kurz und Leon Schmalstieg gesprochen.

Wie wirkt sich die aktuelle Lage auf euer junges Porno-Start-Up Feuerzeug aus?

Leon Schmalstieg: Wir sind nicht im Krisenmodus. Bei uns macht es noch keinen großen Unterschied, da wir eh im Homeoffice arbeiten. Zwar wurde unsere Premiere abgesagt, aber das ist angesichts der Situation natürlich verständlich. Mit dem Geld, das wir dadurch gespart haben, haben wir Gutscheine bei lokalen Läden wie der Kleiderei, dem Café Auszeit oder dem Café Pow gekauft, die uns unterstützt haben.
Kira Kurz: Ich glaube, es gibt durchaus andere Bereiche, die gerade betroffen sind. Aber das Medium Online-Porno verspürt gerade keinen Nachfrage-Rückgang. Wir sind in einer recht privilegierten Position, da sich für unser Produkt nichts ändert, es wird ja online verkauft. Uns beschäftigt vielmehr die Frage, wie wir unser Projekt nutzen können, um denen zu helfen, die uns geholfen haben.
Feuerzeug

Feuerzeug ist ein studentisches Porn-Start-Up aus Freiburg, das den Fokus auf fairproduzierte und feministische Pornos legt. Kira Kurz und Leon Schmalstieg haben das Projekt 2018 ins Leben gerufen. Mittlerweile sind etwa 15 bis 20 Personen beteiligt: Vom Drehbuch über Regie bishin zur Postproduktion. Im Februar 2019 feierte der Film "Retour" Premiere, im Oktober wurde der zweite Film "Seeseiten" gedreht. Beide Filme sind auf der Seite von Arthouse Vienna veröffentlicht.

Seit heute ist euer zweiter Film online. "Seeseiten" beschäftigt sich mit dem Thema Masturbation. Was hat euch dazu motiviert?

Kira: Die ästhetische Grundüberlegung war, dass wir was Melancholisches drehen wollten. Und gleichzeitig hatten wir einen politisch-motivierten Ansatz, indem wir die Masturbation thematisiert haben.

"Wir haben uns gefragt, wie wir Masturbation im Film in ihrer Vielfalt darstellen." Kira Kurz

Warum ist euch das wichtig?

Kira: Wir haben uns gefragt, wie wir als Gesellschaft Masturbation sehen. Es gibt für die weibliche Masturbation oder die Masturbation von Menschen mit Vulva nur wenig Bilder. In manchen Kreisen wird das stark tabuisiert, in feministischen Kreisen ist es präsenter und wird viel mit Selbstliebe und Selbstfürsorge verbunden. Es ist aber immer noch eine Nische.
Kira Kurz ist 26 und studiert Global Studies im Master an der Uni Freiburg. Bei Feuerzeug ist sie für Management und Marketing zuständig. Leon Schmalstieg, 24, studiert Medienkulturwissenschaft und Philosophie und kümmert sich bei Feuerzeug um alles, was mit Produktionsorganisation zu tun hat.

Weil Frauen nicht gezeigt wird, wie sie masturbieren können?

Kira: Genau. Als Frau habe ich, wenn ich groß werde, nicht viele Bilder für die Masturbation, Anleitungen sowieso nicht. Ich muss es selber lernen und es fehlen auch die Worte. Ich kann "masturbieren"oder "onanieren". Bei einer Veranstaltung neulich wurde noch "klitten" vorgeschlagen, das fand ich super, kannte ich aber vorher auch nicht. Was die männliche Masturbation angeht, ist diese zwar gesellschaftlich präsenter, aber zumeist auch nicht positiv belegt. Oft geht das einher mit Dingen wie "Triebbefriedigung", oder es hat etwas sehr Technisches. Auch die Worte dafür sind nicht besonders schöne Worte.
"Seeseiten", eine Produktion von Feuerzeugfilms ist seit Mittwoch, 1. April über das Portal arthousevienna.at online zu sehen. Der Film dauert 18 Minuten und kostet 5,90 Euro.

Wie habt ihr das nun für euch umgesetzt?

Kira: Wir haben uns gefragt, wie wir Masturbation im Film in ihrer Vielfalt darstellen. Wie auch männliche Masturbation mit Selbstliebe in Verbindung gebracht werden kann. Moment und Gefühle, die da mit reinspielen, können unterschiedlich sein.

Welche Geschichte erzählt "Seeseiten"?

Leon: Wir haben drei Performende, zwei von ihnen spielen ein Pärchen, aber es ist nicht so ganz klar, wohin die Beziehung geht oder ob sie vielleicht schon vorbei ist. Da ist auch wieder der melancholische Aspekt mit drin. Es geht auch um das Fluide der sexuellen Orientierung. Neben dem Pärchen ist noch eine dritte Person an diesen "Seeseiten" und daraus entwickelt sich eine spannende Situation.
Kira: Es geht auch um die Frage, inwieweit man andere Personen anziehend findet, selbst wenn man in einer Beziehung ist. Ist sexuelle Orientierung was Festes oder kann sich das ändern? Auch das Thema Bisexualität spielt eine Rolle.



Beim ersten Porno "Retour" gab es Sex in einer Freiburger Studentenbude, jetzt habt ihr in der Natur an einem See gedreht. Was steckt dahinter für eine Idee?

Leon: Es hat sich einfach so ergeben, dass wir am Kleinen Opfinger See gedreht haben. Dadurch hatten wir einen großen logistischen und organisatorischen Vorteil. Es sollte sommerlich angepasst sein und wir hatten Glück, dass es warm war, obwohl wir im Oktober gedreht haben. Wir hatten tatsächlich über 20 Grad tagsüber.

"Es geht auch um das Fluide der sexuellen Orientierung." Leon Schmalstieg

Was habt ihr dieses Mal anders gemacht und was vom ersten Dreh gelernt?

Kira: Immer, wenn man etwas zum ersten Mal macht, lernt man ganz viel draus. Wir haben nach dem ersten Film viel Feedback bekommen, positives und konstruktives. Wir haben uns extrem in der Logistik und der Organisation professionalisiert. Wir haben uns auf einen Drehort beschränkt, was es einfacher gemacht hat. Beim ersten Mal haben wir uns noch gefragt, wie man Sex eigentlich filmt. Und dieses Mal waren wir einfach sicherer, weil wir für uns eine Art gefunden haben, wie es funktioniert und wie wir es organisieren, zum Beispiel mit einer Awareness-Person am Set.
Leon: Das klingt zwar immer blöd, aber wir hatten viel mehr Selbstvertrauen in uns und ins Team. Wir waren uns in dem, was wir gemacht haben, einfach sicherer. Allein schon dadurch, dass wir es schonmal gemacht haben. So entwickeln wir uns auch immer weiter. Der erste Dreh war zwar schon sehr professionell, aber der zweite nochmal professioneller.



Gab es Kritik zum ersten Film, die ihr euch zu Herzen genommen habt?

Kira: Jemand hat zum Beispiel gesagt, dass mehr Totalen schön wären. Oder dass wir an einigen Stellen ruhigere Schnitte hätten machen sollen. Was natürlich auch eine Stilfrage ist. Und da unser zweiter Film ein anderer Stil ist, mit anderen Menschen und einem anderen Ansatz, haben wir da viel mitgenommen.
Leon: Worüber wir auch viel gesprochen haben und was uns auch oft erreicht hat ist die Frage, was erotisch ist. Eine ganz komplizierte, subjektive Frage. Die haben wir sehr viel besprochen, auch bezüglich des Drehbuches.

Wie sah der Prozess des Drehbuchschreibens dieses Mal aus?

Leon: Kira und ich haben das Thema vorgegeben, Regisseur und Regieassistentin haben dann das Drehbuch geschrieben. Wir haben es gelesen und Anmerkungen gemacht und so entwickelt sich dann das Drehbuch nochmal neu. Dann wird das Drehbuch an die Performenden geschickt, die auch noch Vorschläge mit reingebracht haben. Das ist ein ganz langer Prozess, bis das fertige Drehbuch steht.

Faire Produktion ist euch ja sehr wichtig. Wie habt ihr den Film finanziert, wie wurden die Darsteller bezahlt?

Kira: Unseren letzten Film hatten wir privat vorfinanziert mit rund 1000 Euro, dieses Mal war es dann deutlich entspannter, weil wir die Einnahmen vom ersten Film und von den Filmvorführungen hatten. Die Aufwandsentschädigung für die Performer haben wir letztes Mal im Nachhinein gezahlt, dieses Mal ging das direkt.

Habt ihr das Gefühl, dass sich seit dem letzten Film gesellschaftlich was getan hat, was Sexualität angeht?

Kira: Auf jeden Fall. Es gibt spannende Entwicklungen und Veranstaltungen, die von unterschiedlichen Leuten auf die Beine gestellt werden – besonders auch in Freiburg. Da passiert viel im Bereich Sexualität und Aufklärung und die Vernetzung untereinander ist groß. Wir waren bei einer Veranstaltung, bei der Vulva-Fotografien gezeigt wurde, die extrem voll war. Sowas freut uns.
Leon: Freiburg ist extrem vernetzt. Projekte wie die "Aufgeklärt"-Woche haben das zum Beispiel gezeigt. Dass Stücke wie "The Vagina Monologues" wiederholt wurden, ist total cool. Vor zwei Jahren ging da noch nicht so viel, aber da ist richtig viel im Kommen und das ist schön zu sehen.

Was: Vorführung von "Seeseiten" mit anschließender Diskussion
Wann: 4. und 18. Mai 2020 (unter Vorbehalt)
Wo: Café Pow

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