Kunst

Feministische Botschaft an einem Freiburger Baugerüst

Annette Hoffmann

Eine Baustelle als feministisches Manifest: Die österreichische Künstlerin Katharina Cibulka hat am Freiburger Goethe-Gymnasium eine ihrer "Solange"-Installationen realisiert.

Die Ferien sind noch nicht einmal zu Ende, doch am Freiburger Goethe-Gymnasium gibt es schon Diskussionsstoff. Gut sichtbar steht dort auf der Staubschutzplane an der Baustelle "Solange Visionen dort enden, wo unsere Zukunft beginnt, bin ich Feminist:in.". Der Satz ist ebenso ein Statement wie der pinkfarbene Tüll der Großbuchstaben, die im Kreuzstich ausgeführt sind.

Es ist die 22. Arbeit von Cibulka an einem Baugerüst

Es ist eine Arbeit der Innsbrucker Künstlerin Katharina Cibulka. Bereits zum 22. Mal hat sie auf diese Weise eingerüstete öffentliche oder private Gebäude als weißes Blatt verwendet. Und es wird nicht das letzte Mal sein. "Wie lange ist denn solange, Frau Cibulka?" "In 269 Jahren werden wir Geschlechterparität erreicht haben", sagt sie. Sie wird also ihr Projekt getrost kommenden Generationen von Kunstschaffenden vererben können. Und dann wären ja vielleicht sogar Männer daran beteiligt, denn dass Gleichberechtigung und Chancengleichheit ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sind, dürfte mittlerweile Allgemeingut sein.

Anfangs befürchtete die 1975 in Innsbruck geborene Künstlerin, dass sich die Reichweite ihrer Installationen auf Tirol beschränken würde. Dort lebt sie wieder, nachdem die Ausbildung zur Dokumentarfilmerin sie nach New York führte und das Kunststudium später nach Wien. In Innsbruck startete 2018 ihre "Solange"-Reihe, doch die siebte Baustelle befand sich bereits in Marokko. Ihr Projekt verbreitete sich enorm schnell über die Medien. Es hat das, was man "Instagrammability" nennt: Es ist pittoresk und liefert den Nachrichtenwert sozusagen frei Haus.

Dass in Freiburg nun – bis zum 31. Dezember – die Fassade des Goethe-Gymnasiums genutzt werden kann, hat mit der partnerschaftlichen Verbindung der beiden Städte zu tun. Das Kulturamt Freiburg war ganz auf Cibulkas Seite, konnten doch beide nur gewinnen. Nach einer Reihe glückloser bis peinlicher Entscheidungen und Aktionen, was die Kunst im öffentlichen Raum betrifft, kann sich die Stadt diesmal zumindest auf der Höhe des Diskurses fühlen. Auch das Stadtmarketing dürfte sich freuen. Es ist immer noch ein Schritt, wenn Frauen im öffentlichen Raum die Deutungshoheit beanspruchen, gerade an Gebäuden, in denen sie marginalisiert werden. Bis Ende Oktober ist am Turm der Stadtkirche Klagenfurt zu lesen: "Solange manche Herren glauben Gott zu sein, bin ich Feminst:in". Wie aufgeladen das F-Wort immer noch ist, zeigte sich für Cibulka auch in Diskussionen mit ihrer 15-jährigen Tochter, für die Feminismus kein Thema ist, während es für ihre Mutter eins wurde, als sie ein Kind bekam.

Katharina Cibulka ist in den letzten drei Jahren so etwas wie die Managerin ihres Projektes geworden. Sie verhandelt mit den Bauträgern. Den Verantwortlichen werden Beispiele vorgelegt, die im Team der Künstlerin, in dem sich auch eine Texterin befindet, entstehen. Gestickt werden sie von Vivian Simbürger. Die Sätze hängen, solange die Baustelle besteht, und lehnen sich an die Funktion des Gebäudes wie an die aktuelle politische Diskussion an. In Freiburg war dies ein Sommer voller Krisen – Klima, Corona, Afghanistan – und der Umstand, dass am Holzmarkt Schülerinnen und Schüler für ihre Zukunft lernen. Schönes Detail am Rande: Die Schule wurde 1891 als Mädchenrealgymnasium gegründet, und man darf davon ausgehen, dass die Schülerinnen damals den Kreuzstich lernten.

Katharina Cibulka ist nicht die erste Künstlerin, die im öffentlichen Raum sichtbar die Stimme erhebt. Laurence Weiner und Jenny Holzer sind nicht die schlechtesten Vorbilder. Ihre Interventionen waren ein Beitrag in der Diskussion der 1970er und -80er Jahre darüber, wem die Städte gehören. Insofern sind es keine schlechten Zeiten für den öffentlichen Diskurs.