Extravaganca 2010: Fotos & Nightlife-Guru

Nightlife-Guru & Dominic Rock

Zwölf DJs, unzählige Glitzercreolen von der dm-Drehsäule, coole Fingerverknotungen von Kleinstadt-Ganoven, Ibiza-Gebretter der örtlichen Platten-Prominenz, Kampf-Raver-Rudel, Polizei-Paranoia und denkbar knappe Hot Pants: Willkommen zur Extravaganca im Güterbahnhof.



An der Tür

Über rutschig-nasse, ehemalige Abstell-, Rangier- und Ladegleise stolpere ich auf den mit bunten Scheinwerfern angestrahlten Güterbahnhof zu. Die Einlass-Schlange ist kurz. 15 Euro kostet der Eintritt. Freundlich verlangt diesen eine blondhaarige Frau gestandenen Alters. Preisverhandlungen werden nicht zugelassen. Meckern darf der Regio-Raver wirklich nicht. Für sein Geld bekommt er vier Floors, vier Headliner, insgesamt zwölf DJs und obendrein eine Modenschau serviert.

Weithin sichtbar prangt ein weißer Zettel: „Kein Wiedereinlass“, gängige Praxis und man sollte meinen, dass diese im Jahre 2010 endlich allgemein bekannt ist. Weit gefehlt. Immer wieder gibt es Leute, die davon – angeblich – nichts gewusst haben und das Sicherheitspersonal auch in dieser Nacht mit Beleidigungen überziehen.



Inneneinrichtung und Deko

Die alte Güterbahnhofshalle, ein mehrschiffiger, roter Backsteinbau aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, ist aufgrund ihrer architektonischen Erscheinung beeindruckend. Die Höhe und raumgreifende Tiefe des Gebäudes lässt sich aufgrund des knappen Betrachtungsabstands nur teilweise erfassen. Die raue, sandene Oberfläche, bröckeliger Mörtel, Stahlträger, die an manchen Stellen altersbedingt silbrig-grau verfärbte Holzdecke, sind für sich genommen genug Deko.

Eine Videoleinwand dominiert den arenaähnlich gestalteten Main Floor. Auf diese wird ein sich in einer Endlosschleife wiederholender Kurzfilm geworfen. Er bewirbt unablässig die Headliner des heutigen Abends, die Disco Boys, und weist zudem auf die im Juli stattfindende Sea of Love hin. Namen wie Ellen Allien, Tiga oder DJ Hell ziehen in schneller Abfolge über die Leinwand genauso wie ekstatisch tanzende, halbnackte Leiber. Trashperle.



Auf dem Tech-House-Floor bestrahlen vier Beamer die Wände mit kaleidoskopartig sich zueinander hin- und voneinander fortbewegenden pinken Blumenmustern in Abwechslung zu einem stilisierten Plattenteller sowie einem schraffiert gezeichneten Gesicht. Es erinnert ein wenig an Frankensteins Monster. Steigt man die paar Stufen der schmalen, steilen Treppe hinab in den Keller, umgibt einen nahezu vollständige Dunkelheit. Hierher, wo allzu hochgepitchter Minimal-Techno läuft, passen weder Visuals noch Deko, denn für letzteres sorgen schon die hin und wieder larvenartig starren Visagen, äh, Gesichter.

Wer war am Start?

„Foto, Foto. Ey, mach mal Foto von uns!“ Eine Gruppe junger Mädels umlagert einen der an diesem Abend zahlreich vertretenen Partyphotographen. Aufgeregt trippeln sie von einem Fuß auf den anderen, winken ihm hektisch zu und versuchen, ihn mit überdreht pubertärem Gekreische in ihre Richtung zu bewegen. Ausnahmslos alle tragen Glitzercreolen in Crashoptik.



Um diese ausfindig zu machen, haben sie wahrscheinlich stundenlang die Drehsäulen bei Müller oder DM belagert und waren überglücklich, sie endlich gefunden zu haben. Freudestrahlend auch ihre Gesichter, wenn sich endlich einmal ein Kameraobjektiv auf sie richtet. So viel Leidenschaft in ihr Erscheinungsbild hat auch Madleen aus Emmendingen investiert. Denkbar knappe Hotpants verhüllen ihren rave-gestählten Arsch.

Das bewusst eine Nummer zu klein gewählte Oberteil gibt den Blick frei auf ihr Steißbein-Tattoo und das blaufunkelnde Bauchnabelpiercing. Ihre Haarfarbe ließe sogar H.P. Baxxter vor Neid erblassen. Es fällt auf, dass beinahe alle Mädels sich altersmäßig zwischen 18 und 21 Jahren bewegen, wobei manch ein zartes, gazellenhaft sich bewegendes Geschöpf Zweifel an der strikten Einhaltung einer Alterskontrolle aufkommen lässt.

In demselben Altersrahmen hält sich auch der Großteil der Jungs auf. Sie treten gerne in Rudeln von wenigstens fünf Mann auf, ohne dass sich eine spezifische Rangordnung unter ihnen ausmachen lässt. Chef ist, wer am lautesten krakeelt, die coolsten Fingerverknotungen drauf hat, am grimmigsten dreinblickt oder sprachlich den Fäkal-Express anführt. Kampf-Raver, wie man sie von anderen überregionalen Veranstaltungen her kennt, finden sich ebenfalls ein.

Zu meinem größten Erstaunen halten sie sich bevorzugt auf dem Mainfloor, bei den Disco Boys, auf. Einige von ihnen tragen auch bei diesem Regenwetter eine weiße Jeans oder Leinenhose. Stilechtes Auftreten ist für sie eine Frage der Ehre.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Diese ständig ansteigenden Streicher-Arpeggien, Harfenglissandi und Synthesizer-Melodiebögen. Seit Tiestos Eröffnungsset zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen habe ich derartige Klänge nicht mehr gehört. Kaum betrete ich jedoch den Hauptbereich der alten Güterbahnhofshalle, brechen solcherlei Klangkaskaden über mir herein. An den Decks steht das durchaus nachterfahrene Freiburger DJ Tag-Team Daniel S. und Robert Heart. Erstgenannter macht einen ziemlich gelangweilten Eindruck.

Der zweite ist ein Vollblutrocker. Die Crowd stets im Blick, gibt er ihr, was sie von ihm verlangt: käsigen Vocal House, Ibiza-Gebretter und eben Trance-Passagen. Nicht zu schade ist er sich, gestische Elemente in sein Set miteinzubetten. Das Partyvolk ist begeistert. Es geht mit, wirft die Hände in die Luft, reckt geballte Fäuste zur Hallendecke empor. Schrille Pfiffe erklingen. Volles Party-Programm.

Musikalisch und auch sonst spielt Robert Heart die Disco Boys an die Wand. Seine Performance können die beiden Hamburger nur noch mit dem derzeitigen Konsensträger No. 1, Paul Kalkbrenner, toppen. Kaum eine Hand bleibt am Körper. Selbst knutschende Pärchen unterbrechen ihr Zungenspiel für die Dauer des Sirenentechnosongs. Kalki ist einfach der Größte. Wie muss es da erst abgehen, wenn uns’ Paulchen an der Sea Of Love live auftritt?

Raumwechsel. Hinter dem schwarzsamtenen Vorhang betritt man eine andere Welt. DJ SPR und Tony Touch stehen an den Reglern und Freiburgs um Realness bemühte Kleinstadt-Ganoven auf der Tanzfläche. Hier halte ich es keine zehn Minuten aus.

Beide spielen irgend so einen Brei aus Einheitselektro und leicht synkopiertem Retortenpop, der von süßlichen Refrainbrücken durchsetzt ist. Grauenvoll. Hat mit Black Music so viel zu tun, wie Andre Rieus „Champagnermelodien“ mit klassischer Musik. J-Dilla und Keith „Guru“ Elam, R.I.P., würden sich im Grab rumdrehen. Zudem haben die Jungs auf der Tanzfläche eine Extraportion Testosteron intus. Für sie zählt nur, Bitches abgreifen und „coole“ Gesten in jede Ecke zu machen, in der sie eine Kamera vermuten.

Ein weiteres Mal wechsle ich den Raum. Tech-House-Floor. Soeben hat Bee Lincoln an Mr. Mückenschwarm, Oliver Koletzki, abgegeben. Dieser sieht gut fertig aus. Niemand kann es ihm verdenken, ist er doch den ganzen Monat Mai nahezu täglich im Einsatz. Doch er knattert munter drauflos und überzieht die Tanzenden mit einer Ladung stampfender Kickdrums, schnarrender Bässe und fiepender Synthies.

Die Raumluft ist stickig und verbraucht. Es ist fast unerträglich heiß. Schweißnasse T-Shirts kleben durchsichtig an den Körpern. Jungs und Mädels gleichermaßen fächeln sich beim Tanzen Kühlung zu. Kaum ein Durchkommen gibt es auf der Treppe hinab in den Keller, wo Mandibula, 41° Fieber und Super Flu das Haus rocken dürfen. Hier spricht mich eine kesse Brünette an. Ob ich ihr etwas „zum Ziehen“ besorgen könne. Verneinend schüttle ich den Kopf. Sie solle Vodka trinken, gebe ich ihr mit auf den Weg. „Vom Vodka saufen bin ich längst weg, Süßer“, lacht sie mich aus.

Ich gebe zu: ein Energetikum tut hier unten Not. Es ist noch heißer als oben, und Mandibula sowie Super Flu geben richtig Gas. Gefühlte 140 bpm. Das elektronische Flirren und Zirpen geht durch Mark und Bein. Wer hier das (Wasser-)Trinken vergisst, landet alsbald erschöpft auf den vielen Sitzgelegenheiten.



Catering und Getränkekarte

Bier kostet drei Euro, Rivella zwei, weitere Softdrinks 2.50 Euro, alkoholische Mischgetränke 5.50.

Aufregerle

„Ey, bisch du Bulle oder was?“ Diesen Satz darf ich mir in der heutigen Nacht sehr oft anhören, und zwar meist dann, wenn ich an einer Bar Nachschub – Bier! – hole. Die Paranoia unter den Techno-Hartnacken scheint groß zu sein. Damit komme ich noch zurecht. Nur schwer ertrage ich aber, dass solche Typen immer handgreiflich werden müssen und einen entweder auf das Schulterblatt oder vor den Brustkorb schlagen.

Aufheiterle

Ebenfalls an einer Bar. Ein kleines süßes Blondchen kommt angetorkelt. Herausfordernd schaut sie mich von der Seite an. „Wetten, dass der Typ an der Bar schwul isch?“, fragt sie mich und zeigt auf einen der Mitarbeiter. „Des sieh ich nämlich voll, weisch?“, bekräftigt sie ihre Aussage. Zwei weitere Gäste gesellen sich an die Bar.

Dasselbe Spiel treibt sie nun mit diesen. Herausfordernder Blick, Fragestellung, minutenlanges Gekichere. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um. „Ich geh jetzt ficken“, lässt sie uns wissen. Wir wünschen ihr dabei viel Vergnügen. Sie wiederum bleibt gleich beim ersten Treppenabsatz hängen und knallt auf den Boden.

Fazit

Von den kleineren verbalen Ausrutschern manch eines Partybesuchers und dem aggressiven Verhalten vieler Techno-Atzen einmal abgesehen, ist die Extravaganca ein gut organisiertes und durchstrukturiertes Event, das Großraumdisko und Rave an einem baulich ansprechenden Ort zusammenführt. Dringend überdacht werden müsste jedoch der Black Music-Bereich.

Mehr dazu:


Foto-Galerie: Dominic Rock