Tag 2

Ersti-Tagebuch: "Irgendwann sollte ich mir abgewöhnen, ständig die Vorlesungen zu pausieren"

Johanna Wildi

Gerade für Erstsemester ist das digitale Wintersemester eine Herausforderung. Kontakte knüpfen war noch nie so schwer. Die Biologie-Studentin Johanna Wildi schreibt Tagebuch über ihren Uni-Start.

Partys, Ersti-Programm, Freunde fürs Leben finden, jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Uni radeln, mensen gehen, in der UB Lerngruppen bilden: So hat sich Johanna Wildi ihr Uni-Leben ausgemalt. Doch die Corona-Pandemie macht das gerade unmöglich. Auf fudder wird die 19-jährige Biologie-Studentin regelmäßig beschreiben, wie es sich anfühlt, in der Corona-Pandemie frisch an der Uni zu sein.

Mittwoch, 25. November 2020

Mittwochmorgen, 8 Uhr. Mein Wecker klingelt. Das Aufstehen fällt mir heute recht einfach, da ich mittwochs nur zwei Vorlesungen habe und das meine liebsten sind. Nachdem ich gefrühstückt und den ersten Kaffee getrunken habe, gehe ich direkt an den Computer. Offiziell beginnt meine Vorlesungen zwar erst um 10 Uhr, aber weil, alles asynchron stattfinden, fange ich gerne früher an, damit ich am Mittag und Abend weniger zu tun habe.

Meine erste Vorlesung heißt "Grundlagen der Zellbiologie" und, wie der Name sagt, beschäftigen wir uns dabei mit dem Gewebe, Zellen und deren Funktionen. Da wir seit einer Woche alle Zellorganellen im Detail durchnehmen, geht es in dieser Vorlesungen um Mitochondrien und Vakuolen. Ich kann mir einiges von der Schule ableiten kann, da ich mein Abitur in Biologie geschrieben habe. Trotzdem merke ich wieder einmal, wie groß die Unterschiede zwischen der Schule und einem Studium sind. Unser Dozent erzählt immer sehr viel zu den Folien. Auf diesen sind allerdings meist nur Abbildungen und kein Text. Das macht es einem manchmal schwer, die richtigen Notizen zu machen. Aber so ist studieren wohl: viel Selbstständigkeit und Nachbearbeitung.

Irgendwann sollte ich mir aber abgewöhnen, ständig die Vorlesungen zu pausieren, da ich sonst in den Präsenz-Semestern beim Mitschreiben Schwierigkeiten bekomme.

Diese Vorlesung ging knapp 60 Minuten, etwas länger als üblich. Oft lässt die Konzentration bei mir nach den ersten 20 Minuten nach, aber zum Glück kann ich mir auch zwischendurch eine kleine Pause einbauen oder eine Runde nach draußen gehen, wenn gar nichts mehr an Informationen in meinen Kopf passt.

Die zweite Vorlesung "Genetik und Molekularbiologie" höre ich mir meist direkt danach an. Dann habe ich es hinter mir und kann mich auf meine wöchentlichen Übungsblätter konzentrieren oder einfach was Schönes machen wie kochen, lesen oder mit meinem Freund raus an die frische Luft gehen.

Freitag, 20. November

Mein Name ist Johanna Wildi, ich bin 19 Jahre alt und bin dieses Jahr nach Freiburg gezogen, um an der Albert-Ludwigs-Universität mein Studium zu beginnen.
Ich habe vergangenes Jahr die Schule abgeschlossen und bin danach für ein paar Monate nach Norwegen, um dort auf Huskyfarmen und Höfen mit anderen Tieren zu arbeiten. Außerdem habe ich noch in einer Camphill-Einrichtung Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag begleitet und betreut. Notgedrungen musste ich aber im März von Trondheim heimfliegen – und in Quarantäne.

Dass ich an die Uni gehen würde, war lange klar für mich. Anfangs wollte ich Umweltnaturwissenschaften studieren. Leider habe ich dafür keinen Platz bekommen. Neben den Umweltnaturwissenschaften hat mich die Biologie auch immer interessiert und dort bin ich angenommen worden und studiere nun seit dem 2. November Bio in Freiburg. Für den Studiengang habe ich mich entschieden, da mich die Versuche in den Laboren und die Experimente der Physik und Chemie beeindruckt haben.

"In meiner Schulzeit haben wir nie mit moderneren Geräten als einem Tageslichtprojektor gearbeitet."

Das digitale Studium hat gute sowie schlechte Seiten. Die größte Umstellung für mich ist das Arbeiten am Laptop. In meiner Schulzeit haben wir nie mit moderneren Geräten als einem Tageslichtprojektor gearbeitet. Somit bin ich auf Lernen mit Blatt und Papier eingestellt. Nun sitze ich pro Tag im Durchschnitt fünf bis neun Stunden vor dem Laptop. Ich habe gemerkt, dass ich enorme Schwierigkeiten habe, mich lange auf ein Thema zu konzentrieren. Bei einem "normalen" Studium finden die Vorlesungen in unterschiedlichen Räumen statt, wodurch man Abwechslung bekommt. Man gerät nicht so leicht in Versuchung, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

In meiner Wohnung gilt dagegen: Kurz aufs Sofa legen, die Pausen länger machen als nötig, ein bisschen Serie hier und einen Kaffee da. Außerdem ist es schade, dass uns praktische Erfahrungen wie das Mikroskopieren fehlen. Inwiefern uns das in den höheren Semestern einschränken wird, wird man sehen.

Aber ich habe auch schon die positiven Seiten des Online-Studiums kennengelernt. Das Beste ist, dass man sich seinen Stundenplan so zurechtlegen kann, wie es einem gerade passt. Man muss sich an keine festen Vorlesungszeiten halten, da bei mir alles asynchron stattfindet. Das heißt, die Vorlesungen werden hochgeladen und wir können sie anschauen, wann und wo wir wollen. Man kann für ein paar Tage nach Hause fahren und verpasst nichts.

Ursprünglich komme ich vom Bodensee, aus einem kleinen Dorf und bin somit das Stadtleben nicht gewöhnt. Davon bekomme ich auch gerade weniger mit, als gedacht. Mal kurz in die Unibibliothek fahren oder mit Kommilitonen in der Mittagspause treffen, ist nicht drin, stattdessen sitzt man Tag für Tag in seinem Zimmer, mit gekrümmter Haltung vorm PC, hört sich Vorlesungen an und macht seine Hausaufgaben.

"Das Studentenleben sollte eine spaßige, wilde und aktive Zeit werden."
Das ist auf Dauer nicht nur einseitig und langweilig, es kann einen schnell das Gefühl von Einsamkeit überkommen. Das Studentenleben sollte eine spaßige, wilde und aktive Zeit werden, doch wegen der Pandemie, sehen meine Abende eher so aus, dass ich schnell etwas zu essen mache und dann sofort müde ins Bett falle. Macht ja nichts, denn abends geht draußen ja nichts.

Freunde finden, erweist sich als eher schwierig. In der Ersti-Woche haben wir Studierenden uns nur an einem Tag persönlich getroffen. Ich habe noch keine Kommilitonen im realen Leben näher kennengelernt. Genau wie das Studium, findet auch das Kontakte knüpfen dieses Jahr digital statt. Jeder von uns Anfängern ist in verschiedenen WhatsApp-Gruppen. Dort tauschen wir uns viel über das Studium aus. Man bekommt dadurch zwar ein Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit, aber seine Kommilitonen auf diese Weise kennenzulernen ist eher eine Illusion.

Trotzdem macht es Freiburg einem nicht besonders schwer, diese Zeit zu überbrücken. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, dann flüchte ich mich am liebsten in die nahegelegene Natur. Ansonsten fahre ich gerne mit dem Fahrrad in die Altstadt und gehe in ein paar kleine Läden, auf den Münstermarkt oder hole mir bei einem der leckeren Restaurants was zum Essen. Alles in allem kann ich mich nicht beklagen. Aber natürlich freue ich mich schon, wenn das Studentenleben mit all seinen Facetten wieder möglich ist.