Tag 5

Ersti-Tagebuch: Meinen ersten Labor-Versuch habe ich daheim gemacht

Johanna Wildi

Gerade für Erstsemester ist das digitale Wintersemester eine Herausforderung. Kontakte knüpfen war noch nie so schwer. Die Biologie-Studentin Johanna Wildi schreibt Tagebuch über ihren Uni-Start.

Partys, Ersti-Programm, Freunde fürs Leben finden, jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Uni radeln, mensen gehen, in der UB Lerngruppen bilden: So hat sich Johanna Wildi ihr Uni-Leben ausgemalt. Doch die Corona-Pandemie macht das gerade unmöglich. Auf fudder wird die 19-jährige Biologie-Studentin regelmäßig beschreiben, wie es sich anfühlt, in der Corona-Pandemie frisch an der Uni zu sein.

Freitag, 18. Dezember

Diese Woche hat mein Genetik-Praktikum begonnen.
Zunächst hieß es noch, dass es eventuell in Präsenz stattfinden könnte, aber jetzt wurde es natürlich abgesagt. Die Einführung in die verschiedenen Geräte, wie die Mikropipette, sowie den ganzen Versuchsaufbau und die Durchführung hat die Uni jedoch in kleinen Clips für uns aufgenommen, damit wir den Versuch wenigstens einmal gesehen haben. Das ist natürlich sehr schade, da das Praktikum unser erster richtiger Versuch im Labor gewesen wäre. Uns fehlen nun nicht nur die praktischen Erfahrungen im Mikroskopieren, sondern auch Erfahrungen in der Molekularen Genetik.

Als Kompensation sollen wir nun selbst einen Versuch daheim machen. Man kann ihn mit ein paar Haushaltartikeln und in kurzer Zeit selber durchführen. Bei dem Versuch sollen wir aus Früchten DNA isolieren. Dafür muss ich einfach ein bisschen Banane mit der Gabel zerkleinern und einen Isolationspuffer erstellen, welcher aus heißem Wasser, Kochsalz und Spülmittel besteht. Diese zwei Komponenten müssen miteinander vermischt und durch ein Sieb in ein Reagenzglas gefüllt werden. Später habe ich dann noch eiskaltes Ethanol darüber gegeben. Dadurch wurden die klumpigen DNA- Fäden sichtbar. Das war schon ziemlich eindrucksvoll, da man nicht täglich DNA zu sehen bekommt und beim Essen einer Banane eher vergisst, was dahintersteckt.

Beim ersten Mal hat es bei mir nicht funktioniert, da das Desinfektionsmittel nicht kalt genug war. Beim zweiten Versuch hat es geklappt. Die weißen Schlieren im Reagenzglas sind die DNA der Banane. Zu diesem Versuch sollten wir ein Protokoll schreiben, das erklärt, welche Komponente für was zuständig ist. Zum Beispiel das Spülmittel welches die Membranen der Zelle auflöst und somit die DNA freilegt. Das war im Vergleich zum ursprünglich geplanten Praktikum nur ein kleiner Versuch, aber es hat trotzdem sehr viel Spaß gemacht und mir wieder gezeigt, wie fasziniert ich von der Biologie bin.

Mittwoch, 9. Dezember 2020

Schon in der Schulzeit habe ich mich über den Stoff und die Hausaufgaben aufgeregt. Aber jetzt weiß ich: Das war nichts im Gegensatz zum Lernpensum im Studium!

Natürlich variiert es von Studiengang zu Studiengang. Aber bezogen auf mein Biologie-Studium kann ich sagen, es ist eine Menge Stoff, den man sich in kurzer Zeit aneignen und vertiefen muss. In der Schule wurde der Stoff präsentiert und es wurde nichts abgefragt, das nicht auch im Unterricht behandelt wurde. Im Studium gibt es zwar Vorlesungen und Tutorate, in denen man wöchentlich Fragen stellen und Hausaufgaben besprechen kann, aber ansonsten ist man auf sich allein gestellt.

Insgesamt habe ich pro Woche rund 19 Stunden Vorlesungsmaterial, täglich mindestens ein Tutorat und drei Pflicht-Hausaufgabenblätter, die ich abgeben muss, um an den Prüfungen teilnehmen zu dürfen.
Das klingt zunächst machbar, allerdings muss ich theoretisch jede Vorlesung nacharbeiten, um den Stoff richtig zu vertiefen. Das habe ich in den ersten zwei Wochen noch fleißig gemacht. Allerdings war das ein bisschen zu viel und deshalb versuche ich jetzt, einfach nicht hinterher zuhängen und alles abzugeben, was abzugeben ist. Ich habe mit einer Studentin aus einem höheren Semester gesprochen und wir haben festgestellt, dass das Lernpensum nicht so viel höher ist. Auf uns Erstis wirkt es aber erdrückend, weil wir nicht an das ausschließliche Arbeiten am Laptop gewöhnt sind. Man kann schnell den Überblick verlieren.

"Das war ein merkwürdiges Gefühl, einen Raum, in dem normalerweise 300 Studierende sitzen, komplett verlassen und dunkel zu sehen. "

Bisher habe ich mich drei Mal mit Kommilitoninnen zum Lernen getroffen und das ist besser, als allein zu lernen, da man motivierter ist und sich gegenseitig die Dinge erklären kann. Mir hilft das besonders in Mathe und Physik. Die anderen drei Module, die ich belege – Zellbiologie, Chemie, Genetik und Molekularbiologie – machen mir fachlich mehr Spaß und daher fällt es mir leichter, mich dran zusetzten. Es ist schön, langsam die Zusammenhänge zwischen den Fächern zu verstehen und sich Dinge aus dem Alltag erklären zu können. Beispielsweise was hinter den Jahresringen von Bäumen steckt, aus was ein Weinkorken besteht oder was zellulär passiert, wenn beim Schälen von Zitrusfrüchten Saft entgegen spritzt. Alles in allem macht mir das Studium Spaß und es tut gut, nach einem Jahr Pause, etwas zu lernen und ein Ziel vor Augen zu haben.

Diese Woche habe ich mich mit der Studentin aus dem höheren Semestern getroffen. Sie hat mich motiviert in Mathe und Physik am Ball zu bleiben. Und sie hat mir erzählt, wie das Studium für gewöhnlich aufgebaut ist. Ich durfte auch Hörsäle mit ihr besichtigen. Das war ein merkwürdiges Gefühl, einen Raum, in dem normalerweise 300 Studierende sitzen, komplett verlassen und dunkel zu sehen.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Die ersten Wochen in Freiburg habe ich mich gar nicht mit Kommilitonen getroffen, da ich mich voll auf’s Studium konzentrieren wollte und man wegen Corona ohnehin nichts Schönes unternehmen kann. Aber vor anderthalb Wochen habe ich endlich neue Leute kennengelernt. Das tut so gut mal wieder unter Menschen zu sein und sich vor allem auch mit Leuten aus dem gleichen Studiengang zu treffen, um sich austauschen zu können. Am liebsten gehe ich an die frische Luft, wenn ich mich mit neuen Leuten treffe. So verringert man das Ansteckungsrisiko und ich fühle mich einfach etwas wohler so.

Allerdings habe ich mich vergangene Woche mit einer Kommilitonin zum Kochen getroffen. Wir haben uns über Whatsapp, in der Gruppe für die Biologie-Erstis, kennengelernt. Es ist keine Seltenheit, dass man fremde Leute anschreibt oder angeschrieben wird. Wir haben miteinander Kontakt aufgenommen, weil wir uns beide mit Mathe schwer tun und uns zum Lernen treffen wollten. Am Ende haben wir aber kein bisschen Mathe gemacht, sondern bei einem Herbstspaziergang gequatscht. Das war witzig, weil es sich für uns beide ein wenig wie ein Tinderdate angefühlt hat. Für mich ist das eine neue Art Leute kennenzulernen. Aber ich musste echt aus meiner Komfortzone raus und was Neues erleben.

"Man sollte sich zwar an die Regeln halten, aber sich komplett zu verschanzen, geht einfach nicht."

Wir haben einen "Wizard"-Spielabend veranstaltet und selber Glühwein zusammengebraut. Wir interessieren uns beide sehr für die vegane Ernährung und wollen langsam umsteigen. Daher treffen wir uns nun häufiger, um aus unserem veganem Lieblingskochbuch alle möglichen Gerichte auszuprobieren, zum Beispiel vegane Dumplings.

In der Winterzeit, in der es schnell dunkel wird und man aufgrund der Kälte eigentlich gar nicht raus möchte, merke ich, wie wichtig es ist, mindestens eine oder zwei Freunde zuhaben, mit denen man sich ab und zu treffen kann. Man sollte sich zwar an die Regeln halten, aber sich komplett zu verschanzen, geht einfach nicht. Ich versuche einen guten Kompromiss zu finden, so dass ich mich weiterhin an die Regeln halte, ich allerdings noch einige wenige Leute treffen kann.

Abgesehen davon, kann man sich die Vorweihnachtszeit mit kleinen Dingen schön machen. Viele Plätzchen backen, die Wohnung weihnachtlich dekorieren und gemütliche Filmabende veranstalten. Ich habe zum Glück eine gute Freundin kennengelernt, mit der ich all das machen kann, mehr brauche ich gerade nicht. Trotzdem hoffe ich sehr, dass Feiern gehen im nächsten Sommer wieder möglich ist.

Mittwoch, 25. November 2020

Mittwochmorgen, 8 Uhr. Mein Wecker klingelt. Das Aufstehen fällt mir heute recht einfach, da ich mittwochs nur zwei Vorlesungen habe und das meine liebsten sind. Nachdem ich gefrühstückt und den ersten Kaffee getrunken habe, gehe ich direkt an den Computer. Offiziell beginnt meine Vorlesungen zwar erst um 10 Uhr, aber weil, alles asynchron stattfinden, fange ich gerne früher an, damit ich am Mittag und Abend weniger zu tun habe.

Meine erste Vorlesung heißt "Grundlagen der Zellbiologie" und, wie der Name sagt, beschäftigen wir uns dabei mit dem Gewebe, Zellen und deren Funktionen. Da wir seit einer Woche alle Zellorganellen im Detail durchnehmen, geht es in dieser Vorlesungen um Mitochondrien und Vakuolen. Ich kann mir einiges von der Schule ableiten kann, da ich mein Abitur in Biologie geschrieben habe. Trotzdem merke ich wieder einmal, wie groß die Unterschiede zwischen der Schule und einem Studium sind. Unser Dozent erzählt immer sehr viel zu den Folien. Auf diesen sind allerdings meist nur Abbildungen und kein Text. Das macht es einem manchmal schwer, die richtigen Notizen zu machen. Aber so ist studieren wohl: viel Selbstständigkeit und Nachbearbeitung.

Irgendwann sollte ich mir aber abgewöhnen, ständig die Vorlesungen zu pausieren, da ich sonst in den Präsenz-Semestern beim Mitschreiben Schwierigkeiten bekomme.

Diese Vorlesung ging knapp 60 Minuten, etwas länger als üblich. Oft lässt die Konzentration bei mir nach den ersten 20 Minuten nach, aber zum Glück kann ich mir auch zwischendurch eine kleine Pause einbauen oder eine Runde nach draußen gehen, wenn gar nichts mehr an Informationen in meinen Kopf passt.

Die zweite Vorlesung "Genetik und Molekularbiologie" höre ich mir meist direkt danach an. Dann habe ich es hinter mir und kann mich auf meine wöchentlichen Übungsblätter konzentrieren oder einfach was Schönes machen wie kochen, lesen oder mit meinem Freund raus an die frische Luft gehen.

Freitag, 20. November

Mein Name ist Johanna Wildi, ich bin 19 Jahre alt und bin dieses Jahr nach Freiburg gezogen, um an der Albert-Ludwigs-Universität mein Studium zu beginnen.
Ich habe vergangenes Jahr die Schule abgeschlossen und bin danach für ein paar Monate nach Norwegen, um dort auf Huskyfarmen und Höfen mit anderen Tieren zu arbeiten. Außerdem habe ich noch in einer Camphill-Einrichtung Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag begleitet und betreut. Notgedrungen musste ich aber im März von Trondheim heimfliegen – und in Quarantäne.

Dass ich an die Uni gehen würde, war lange klar für mich. Anfangs wollte ich Umweltnaturwissenschaften studieren. Leider habe ich dafür keinen Platz bekommen. Neben den Umweltnaturwissenschaften hat mich die Biologie auch immer interessiert und dort bin ich angenommen worden und studiere nun seit dem 2. November Bio in Freiburg. Für den Studiengang habe ich mich entschieden, da mich die Versuche in den Laboren und die Experimente der Physik und Chemie beeindruckt haben.

"In meiner Schulzeit haben wir nie mit moderneren Geräten als einem Tageslichtprojektor gearbeitet."

Das digitale Studium hat gute sowie schlechte Seiten. Die größte Umstellung für mich ist das Arbeiten am Laptop. In meiner Schulzeit haben wir nie mit moderneren Geräten als einem Tageslichtprojektor gearbeitet. Somit bin ich auf Lernen mit Blatt und Papier eingestellt. Nun sitze ich pro Tag im Durchschnitt fünf bis neun Stunden vor dem Laptop. Ich habe gemerkt, dass ich enorme Schwierigkeiten habe, mich lange auf ein Thema zu konzentrieren. Bei einem "normalen" Studium finden die Vorlesungen in unterschiedlichen Räumen statt, wodurch man Abwechslung bekommt. Man gerät nicht so leicht in Versuchung, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

In meiner Wohnung gilt dagegen: Kurz aufs Sofa legen, die Pausen länger machen als nötig, ein bisschen Serie hier und einen Kaffee da. Außerdem ist es schade, dass uns praktische Erfahrungen wie das Mikroskopieren fehlen. Inwiefern uns das in den höheren Semestern einschränken wird, wird man sehen.

Aber ich habe auch schon die positiven Seiten des Online-Studiums kennengelernt. Das Beste ist, dass man sich seinen Stundenplan so zurechtlegen kann, wie es einem gerade passt. Man muss sich an keine festen Vorlesungszeiten halten, da bei mir alles asynchron stattfindet. Das heißt, die Vorlesungen werden hochgeladen und wir können sie anschauen, wann und wo wir wollen. Man kann für ein paar Tage nach Hause fahren und verpasst nichts.

Ursprünglich komme ich vom Bodensee, aus einem kleinen Dorf und bin somit das Stadtleben nicht gewöhnt. Davon bekomme ich auch gerade weniger mit, als gedacht. Mal kurz in die Unibibliothek fahren oder mit Kommilitonen in der Mittagspause treffen, ist nicht drin, stattdessen sitzt man Tag für Tag in seinem Zimmer, mit gekrümmter Haltung vorm PC, hört sich Vorlesungen an und macht seine Hausaufgaben.

"Das Studentenleben sollte eine spaßige, wilde und aktive Zeit werden."
Das ist auf Dauer nicht nur einseitig und langweilig, es kann einen schnell das Gefühl von Einsamkeit überkommen. Das Studentenleben sollte eine spaßige, wilde und aktive Zeit werden, doch wegen der Pandemie, sehen meine Abende eher so aus, dass ich schnell etwas zu essen mache und dann sofort müde ins Bett falle. Macht ja nichts, denn abends geht draußen ja nichts.

Freunde finden, erweist sich als eher schwierig. In der Ersti-Woche haben wir Studierenden uns nur an einem Tag persönlich getroffen. Ich habe noch keine Kommilitonen im realen Leben näher kennengelernt. Genau wie das Studium, findet auch das Kontakte knüpfen dieses Jahr digital statt. Jeder von uns Anfängern ist in verschiedenen WhatsApp-Gruppen. Dort tauschen wir uns viel über das Studium aus. Man bekommt dadurch zwar ein Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit, aber seine Kommilitonen auf diese Weise kennenzulernen ist eher eine Illusion.

Trotzdem macht es Freiburg einem nicht besonders schwer, diese Zeit zu überbrücken. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, dann flüchte ich mich am liebsten in die nahegelegene Natur. Ansonsten fahre ich gerne mit dem Fahrrad in die Altstadt und gehe in ein paar kleine Läden, auf den Münstermarkt oder hole mir bei einem der leckeren Restaurants was zum Essen. Alles in allem kann ich mich nicht beklagen. Aber natürlich freue ich mich schon, wenn das Studentenleben mit all seinen Facetten wieder möglich ist.