ArbeiterKind.de Freiburg

Erschlagen vom "System Uni": Sebastian hat als Erster in seiner Familie studiert

Gina Kutkat

Sebastian Fahner aus Freiburg ist Arbeiterkind und kennt die Hürden für Erstsemester an der Uni. Deshalb hilft er mit dem Team von "ArbeiterKind.de Freiburg" anderen beim Start – und darüber hinaus.

Sie sind der Erste in Ihrer Familie, der studiert hat. Was war für Sie die größte Herausforderung beim Start an der Uni?

Sebastian Fahner: Ich war komplett vom "System Uni" erschlagen. Ich war unsicher bei der Prüfungsanmeldung und den vielen Möglichkeiten, die sich mir boten. Ich habe Geschichte studiert, ein Studium mit einer sehr großen inhaltlichen Bandbreite. Da war es wichtig, dass ich mir Beratung gesucht habe, zum Beispiel bei Studierenden aus höheren Semestern. Von anderen Arbeiterkindern weiß ich, dass es auch finanzielle Hürden gibt, weil beispielsweise das BaföG erst später ausgezahlt wird. Da ist es dann wichtig, dass man eine Überbrückungslösung findet.
ArbeiterKind.de wurde 2008 von Katja Urbatsch gegründet. Mittlerweile engagieren sich bundesweit 6.000 Ehrenamtliche in 80 lokalen Arbeiterkind.de-Gruppen, um Schülerinnen und Schüler über die Möglichkeit eines Studiums zu informieren und sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss und Berufseinstieg zu unterstützen.

Bei ArbeiterKind.de unterstützen Sie Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Familien beim Studium. Warum ist das wichtig?

Sebastian Fahner: Es gibt einfach viele Hürden für Arbeiterkinder, zum Beispiel, weil sie nicht viel über bestimmte Uni-Dinge wissen. Vielen ist beispielsweise nicht bewusst, dass sie für ein Stipendium infrage kommen würden. Es gibt auch Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Alltag an der Uni, das fängt an bei der Frage, wie ich mich für ein Seminar anmelde. Oder wie Diskussionen ablaufen. Für diese Fragen sind wir von ArbeiterKind.de eine Anlaufstelle.

"Vielen ist nicht bewusst, dass sie für ein Stipendium infrage kommen würden."

Wer genau zählt denn eigentlich zu den Arbeiterkindern?

Für uns sind das Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren. Der Begriff "Arbeiterkind" stößt hier im Südwesten immer ein bisschen auf Unverständnis, weil er eher negativ belegt ist. Das Netzwerk wurde vor zwölf Jahren in Nordrhein-Westfalen gegründet: Im dortigen Ruhrgebiet verstehen sich viele als Arbeiter und Arbeiterkind ist ein positiver Begriff. Wenn wir im süddeutschen Raum an Schulen zu Besuch sind, werden wir öfter gefragt, ob es so etwas wie Arbeiterkinder überhaupt noch gibt.
Was: Erstsemestertreffen ArbeiterKind.de Freiburg
Wann: Mittwoch, 11. November, ab 18 Uhr
Wo: Jitsi-Chatroom
Kontakt: freiburg@arbeiterkind.de
Link: https://meet.jit.si/ArbeiterKindFreiburg

Es gibt sie auch 2020 noch. Wie unterscheidet sich der berufliche Weg von Arbeiterkindern von anderen?

Insgesamt ist es nach wie vor so, dass Kinder aus nicht-akademischen Familien sich seltener für ein Studium entscheiden, auch wenn sie die Berechtigung dazu hätten. Man kann es natürlich nicht pauschalisieren, aber Arbeiterkinder bekommen in ihren Familien öfter zu hören, dass sie etwas lernen sollen, das auf einen Beruf ausgerichtet ist. Sie machen also eine Ausbildung oder starten direkt in einen Job. Denn wer studiert, investiert erstmal in einen Studiengang, oft mehrere Jahre. Wer sich nicht gerade für Medizin oder Jura entscheidet wird dann oft gefragt: "Und was willst Du später damit machen?" Außerdem wissen viele nicht, wie sie ihr Studium finanzieren sollen. BAföG-Anträge stellen oft eine hohe bürokratische Hürde dar und die Sätze sind gerade in einer Stadt wie Freiburg nicht ausreichend, um die Miete zu bezahlen und den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Zur Person

Sebastian Fahner, 28 Jahre alt, hat an der Uni Freiburg Geschichte studiert und ist inzwischen Doktorand an einem Graduiertenkolleg. Er engagiert sich ehrenamtlich für ArbeiterKind.de Freiburg.

Der "Kosmos Uni" ist ja für jeden am Anfang erstmal eine neue Welt. Was raten Sie jemandem, der sich fremd fühlt?

Als ich vor neun Jahren anfing zu studieren, haben mir die ganzen Ersti-Veranstaltungen extrem geholfen. Ich habe dort direkt Leute getroffen, die ähnliche Probleme hatten – und schon kam ich mir nicht mehr so dumm vor. Mit einigen von ihnen bin ich heute noch befreundet. Dieses Gemeinschaftsgefühl wollen wir auch mit unseren offenen Treffen erschaffen: Jeder kann zu uns kommen und Fragen stellen. Die Situation ist jetzt durch Corona natürlich verschärft, einerseits können wir unsere Termine nur online anbieten – und auch alle Gruppen-Events und Fachschaftstreffen finden nicht statt. Das ist eine besondere Härte.

Glauben Sie, dass das Corona-Semester Arbeiterkinder abschreckt?

Ich kann mir schon vorstellen, dass die Pandemie bei der ein oder anderen Entscheidung eine Rolle gespielt hat. Schon im Sommersemester konnten Infoveranstaltungen und Berufsmessen nicht stattfinden, es gab also keine Möglichkeit für Arbeiterkinder, sich direkt zu informieren oder sich ein Bild von der Uni zu machen.

Was unternehmen Sie bei Arbeiterkind.de noch, um Studienanfänger zu unterstützen?

Hier in Freiburg sind wir ein ehrenamtliches Team von sechs Leuten und neben unseren offenen Treffen überall dort, wo junge Menschen Infos zum Studium suchen: Auf der Orientierungsmesse "Horizon", auf Infotagen, in Schulen oder auf dem "Markt der Möglichkeiten" der Uni Freiburg. Das fand leider dieses Jahr alles nicht statt. Mehr zum Thema: