Erotik im Netz: Wer kauft eigentlich noch im Sex-Shop?

David Seitz

Bestellt man einen Vibrator übers Internet, bezahlt man 9,99 Euro. Im Sexshop kostet er das dreifache, auch Gleitgel und Handschellen sind viel teurer. Und dann sind da auch noch die Sexfilmchen, die das Internet geradezu inflationär bevölkern. Eine Frage drängt sich auf: Wovon lebt ein Erotik-Markt überhaupt noch? David hat sich in drei Freiburger Erotik-Shops umgehört.

Mit einem fast unschlagbaren Angebot lockt der Erotikmarkt in der Leo-Wohleb-Straße: „Sex für 1 Euro,“ steht in weißen Buchstaben auf der Glasscheibe. Wer darauf anspringt, wird in eine der dunklen Kabinen geschickt und darf ein paar Minuten lang Video gucken. „Natürlich versuchen wir die Leute irgendwie anzulocken,“ sagt Robert Weibelzahl (Bild unten). Er steht an der Theke seines Erotik-Marktes und sortiert Rechnungen. Es ist Montagmorgen, der Laden ist leer, nichts ungewöhnliches: „Um diese Zeit arbeiten sie alle, da kommt keiner“, sagt der Ladenbesitzer.

Die Kasse neben der Tür fügt sich nahtlos in die kitschig-bunte Optik des Ladens ein: Pink, hellblau und schwarz glitzernd schimmert es aus allen Ecken. Silikonbrüste stehen neben Apparaturen, die an Folterapparate erinnern – dabei sollen sie doch das genaue Gegenteil bewirken.

„Den hier hört man gar nicht und trotzdem geht er richtig ab.“ Weibelzahl hält einen u-förmigen Vibrator in der Hand und erklärt, warum gerade dieses unförmige Gummiteil zum ultimativen Orgasmus führt. „Kostet zwar 70 Euro, dafür kann man ihn an der Dockingstation immer wieder aufladen, braucht keine Batterien und ist top verarbeitet.“

Anfassen, Anschalten, Ausprobieren

Wenn der junge Mann von den Vorzügen seiner Produkte erzählt, klingt es wie die Bauanleitung für ein Ikea Regal: Sachlich, ruhig, kompetent. „Es gibt kein Produkt in diesem Laden, mit dem ich mich nicht auskenne,“ sagt er. Das ist sein Trumpf, das kann keine noch so professionelle Seite im Internet bieten. „Ich kann den Kunden alles genau zeigen, sie können die Produkte in die Hand nehmen und ausprobieren.“ Mit "Ausprobieren" meint er An- und Ausschalten.

„Die Vibratoren verkaufen sich definitiv am besten,“ sagt der Verkäufer –  vor allem Frauen sorgen für den Umsatz im Erotik-Markt am Schwabentorring. Viele davon haben ihre Sextoy-Premiere noch vor sich und kommen nach einer kurzen, unangenehmen Orientierungsphase auf die Beratungskünste Weibelzahls zurück. „Die sagen mir dann wo und wie es funktionieren soll, und ich helfe ihnen, das richtige Produkt zu finden.“ Viele dieser Kunden kommen irgendwann wieder, weil sie sich gut beraten fühlen. Immer wieder fallen die Worte Beratung, Service, Kundenkontakt - für Weibelzahl das wichtigste Mittel um sich über Wasser halten zu können. „Einen Handwerker mit einem schlechten Service buche ich doch auch nicht mehr.“



Ein Beratungsgespräch im Erotikmarkt fühlt sich anders an, als im Elektroladen. Viele sprechen zum ersten Mal ganz offen über Sexspielzeug, Gleitgel und intime Vorlieben. „Der stationäre Ladenhandel wird dort seinen Platz behaupten, wo dem Kunden ein besonderes Einkaufs- und Unterhaltungserlebnis geboten wird,“ glaubt Uwe Kaltenberg vom Bundesverband Erotikhandel e.V.. Wenn Weibelzahl mit seinem Berliner Einschlag über Sex spricht, hat das tatsächlich höchsten Unterhaltungswert.

Konkurrenz: Erotik-Filme im Internet

Doch Unterhaltung ist nicht alles. Weibelzahl drängt seinen Kunden die Beratung nicht auf; Diskretion ist fast genauso wichtig wie guter Service. „90 Prozent aller Kunden sagen zunächst nein, wenn ich frage, ob ich weiterhelfen kann.“ Irgendwann kommen sie dann aber doch. Ist das  Vertrauensverhältnis zum Verkäufer hergestellt, packen viele richtig aus. „Ich bin hier nicht nur Verkäufer, sondern auch Sexualtherapeut, Seelenklempner und Mädchen für alles.“ So hat er sich über Jahre hinweg einen Kundenstammm aufgebaut, der ihm den Job sichert. Trifft er seine Kunden auf der Straße, grüßt er grundsätzlich nicht, sondern wartet ab wie sie reagieren. Grüßen sie, grüßt er zurück. Diskretion bedeutet für Weibelzahl mehr als nur unauffällige Plastiktüten.

Bewegt man sich weg von dem kleinen Tischchen, auf dem Vibratoren und anderes Stimulationswerkzeug liebevoll angeordnet sind, kommt man in den Bereich, der Robert Weibelzahl Sorgen bereitet. Eine vier Meter lange Wand voller Filme, deren Titel die ganze Bandbreite von beunruhigend bis belustigend abdecken. Frauen und Männer in diversen Stellungen sollen den Kunden zum Griff ins Regal animieren – das klappt kaum noch. „Einzig die aufwendig produzierten Filme, die man sich auch als Paar anschauen kann und die Fetisch-Sachen werden noch gekauft,“ sagt Weibelzahl. An die komme man im Internet nicht so leicht.

Google sagt zumindest in Sachen Fetisch etwas anderes. Von Bondage bis Vintage findet dort mittlerweile jeder was er sucht. Das macht nicht nur dem Erotikmarkt an der Schwabentorbrücke Probleme: „Zum einen kann der potenzielle Kunde heutzutage im Internet beliebig viele Pornostreifen direkt über seinen Computer konsumieren, zum anderen werden aber auch DVDs in großer Menge und teilweise zu äußerst geringen Preisen über Internet-Versandhandel angeboten,“ erklärt Kaltenberg stellvertretend für tausende Sex Shops Deutschlandweit.

"Höhere Diskretion im Internet ist ein Trugschluss"

Jakob Wälde, Filialleiter des Manhatten Media Store auf der Haid wirbt mit „Erotik auf 600 Quadratmeter Fläche.“ Über die Hälfte davon nehmen Sex-Filme ein. Auch Wälde erkennt einen Rückgang, der auf die Konkurrenz durch das Internet zurückzuführen ist. Für ihn ist das jedoch kein Grund zur Sorge. „Vor allem die günstigen Filme um fünf Euro werden noch gut gekauft, da ist die Hemmschwelle nicht so groß – ist ja im Prinzip auch nicht mehr als ein Päckchen Zigaretten,“ sagt der 29-Jährige. In einem großen Wühltisch liegen rund 200 VHS Kassetten, auch die muss er regelmäßig nachbestellen. Sie sind vor allem bei den älteren Kunden heiß begehrt.

Wäldes wichtigste Umsatzquelle im Erwachsenenbereich seines Ladens sind „die kleinen Sachen, die man einfach mal spontan mitnimmt." Minivibratoren, Gleitgel, Kondome, Penisringe. Auch die Gummipuppen verkaufen sich gut. „Für Jungesellenabschiede oder für einen Freund ist da die gängige Anmerkung,“ sagt Wälde und lacht. „Solche Spontankäufe gibt es im Internet kaum, da sucht man eher gezielt,“ weiß Verbandssprecher Kaltenberg.

Das Internet als diskreter Platz für den Kauf von Erotikartikeln? - Ein Trugschluss, meint Jakob Wälde. „Im Internet muss man für den Versand Namen und Adresse angeben, man kann nie sicher sein, was mit den Daten passiert. Im Laden sehen einen wenn's hoch kommt zehn Leute. Das ist vielen lieber.“ Vor allem Kunden der Generation 30 Plus meiden das Internet und kommen lieber persönlich vorbei. Pornos können in neutralen Filmhüllen ausgeliehen werden, es gibt keine Rechnung und zwischen vier anderen familientauglichen Spielfilmen geht ein Schmuddelfilmchen schnell mal unter. Doch es gibt auch Ausnahmen: „Neulich hat der Mann den Porno ausgeliehen und die Frau hat ihn wieder zurückgebracht.“

Einen Pornostar ins Geschäft einladen

Auch Sabine Ruh, Inhaberin des Sexshop Angelique in der Habsburgerstraße leidet unter der Konkurrenz aus dem Netz. „In unserer Existenz bedroht fühlen wir uns noch nicht. Da war der Bau der Straßenbahnlinie schlimmer. Das hat man stärker gespürt,“ sagt sie – die Einbußen verteilen sich in ihrem Shop auf alle Artikel. Sie hat gelernt, mit der Wettbewerbssituation umzughen, ärgert sich aber regelmäßig über bestimmte Kunden. „Da kommen Leute zu uns in den Laden und fassen die Sachen an, schauen sich um und bestellen dann daheim übers Internet. Das finde ich schon fast frech.“ Dennoch sieht auch sie den großen Vorteil des Sexshops im direkten Kontakt zu den Kunden. Wer sich gut beraten fühlt, kommt wieder. Sie könnte sich aber auch vorstellen, einen Pornostar in den Sexshop einzuladen um den Umsatz wieder etwas anzukurbeln.

Zurück am Schwabentorring: Seit die Videos dort nicht mehr für den großen Umsatz sorgen, und die Frauen das Geld in den Laden tragen, hat Robert Weibelzahl sein Interieur langsam verändert.  Vor einigen Jahren noch leuchteten im Erotik-Markt nur die Hälfte der Lampen, es war dunkel, rötlich, leicht verrucht – das hat den Männern gefallen. „Heute ist das alles etwas heller und einladender – man kann nicht mehr ausschließlich von den Männern leben.“ Ein Radio dudelt, das Klingeln der Straßenbahn bricht durch den roten Vorhang an der Tür – eigentlich nicht anders als im 1-Euro-Shop in der Kajo.

Weibelzahl hat ein Gefühl dafür entwickelt, wie er mit seinen Kunden umgehen muss, um sie nicht zu vergraulen. Als der erste Kunde des Tages mit gezieltem Griff eine 10er-Packung Kondome kauft, beschränkt er die Kommunikation bewusst auf das Wesentliche. „Hallo. Vielen Dank. Tschüss. Schönen Tag.“ Der Mittfünfziger im grünen Regenponcho dankt ihm mit einem Lächeln. Dann ist wieder eine Weile tote Hose im Erotik-Markt am Schwabentorring. Trotzdem macht sich Robert Weibelzahl keine Sorgen um seinen Job. „Samstags stehen wir manchmal zu zweit da und werden fast nicht fertig mit dem Ansturm.“



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