Einmal Harry Potter sein: Die Sauschwänzlebahn ist nach Hogwarts gefahren

Matthias Cromm

Mit Dementoren kämpfen, eine Partie Quidditch schauen und dabei mit Rita Kimmkorn vom Tagespropheten plaudern - die Sauschwänzlebahn hat sich in den Hogwarts-Express verwandelt. Einmal Harry Potter sein, dachte sich fudder-Autor Matthias Cromm und und stieg ein:



"Immer was los bei der Sauschwänzlebahn", titelt die Homepage der Museumseisenbahn, die auf dem verschlungenen Streckenabschnitt Blumberg-Fützen-Weizen der Wutachtalbahn verkehrt. Und tatsächlich: Im beschaulichen Wutachtal ruht man sich keineswegs auf der auch für Nichteisenbahnfans interessanten Streckenführung aus, mit diversen Tunneln, Brücken und Kehren aus – nein, von der Whiskeyfahrt über Weinproben, Oktoberfest, Zeitreisen, Halloween bis hin zu Cowboys im Wilden Westen und eben zum Zauberschüler erstreckt sich das Themenspektum, um den Passagieren die fast drei Stunden Fahrt (hin und zurück) zu versüßen.

Die Wahl zwischen Wildem Westen, Whiskey und der Zauberschule Hogwarts fällt schwer, der Kalender aber spricht eindeutig für den Hogwartsexpress. Zum Glück, denn der Tag der Fahrt präsentiert sich immerhin als der gefühlt erste und einzige regenfreie Tag dieses Sommers.

Schon alleine die Fahrt von Freiburg nach Blumberg über Hinterzarten, Höllental und Titisee im strahlenden Sonnenschein ist eine Entschädigung für die Enthaltsamkeit in Sachen Butterbier am Vorabend und das für einen Wochenendtag doch recht frühe Aufstehen.
Am Bahnhof Blumberg-Zollhaus schnauft, faucht und raucht die 1919 ausgelieferte Lokomotive 2455 Posen aus den Linke Hofmann Werken zu Breslau, angespannt vor sieben Wagen aus den 50er Jahren.

Die Stunde bis zur Abfahrt vertreibe ich mir mit der Besichtigung des alten Stellwerkes und des durchaus respektablen kleinen Museums voller lokaler Eisenbahn- und heute auch Zauber-Artefakten. Charmant eingereiht in die Kulisse des Bahnhofes, begegnet man Plakaten, Besen, Koffern, Zaubertränken, magischen Pflanzen sowie einigen Zauberern und Hexen.



Hier stellt sich allerdings die Frage der Aktualität des britischen Zauberschülers aus der Feder von Joanne K. Rowling: Nur wenige Kinder sind gekommen und verkleidet ist kaum eines von ihnen – und das, obwohl noch Ferien sind. Verglichen mit der Euphorie Ende der 90er bis Mitte der 00er Jahre, in denen weltweit Abermillionen Kinder im Zaubererfieber die Buchläden und Devotionalienshops belagerten, scheint es ruhig um Harry, seine Freunde und Feinde geworden zu sein. Während sich die erfolgreiche Buchreihe innerhalb von sieben Bänden und in sieben Jahren vom Kinderbuch zum blutrünstigen Jugendthriller entwickelt hat, ist der Nachwuchs anscheinend über die Vampirwelt irgendwo anders hin unterwegs.

Fahrgäste sind neben einigen Familien vor allem Eisenbahnfans der Generation 60plus, Wochenendausflügler und Touristen aus aller Herren Länder, die wegen der Bahn und nicht wegen Harry dabei sind.

Die Geschichte der Sauschwänzlebahn

Pünktlich stampft das Dampfross los, es verlässt den Bahnhof Blumberg-Zollhaus auf der maßgeblich vom Militär vorangetriebenen Strecke aus dem Jahre 1890.

1870/71 hatte man Frankreich im Krieg besiegt. Um den Ex-Erbfeind in Schach halten zu können, baute man diese Bahnlinie. Schon 1976 legte man sie für den regulären Personenverkehr still. Der mittlere Streckenabschnitt hat viele Steigungskehren und heißt deshalb Sauschwänzlebahn. Dort verkehrte bereits 1977 die Museumsbahn.

Die gewundene Streckenführung kommt von der militärischen Nutzung: Auf 980 Metern Strecke durfte der Höhenunterschied nicht größer als zehn Meter sein. Im Wutachtal müssen zwischen Blumberg und Weizen auf knapp 10 Kilometer Luftlinie ganze 280 Höhenmeter überwunden werden. Das erforderte also eine Streckenlänge von 25 Kilometern.

Während sich der Zug bergauf arbeitet, ist an Zauberer und Hexen erst mal gar nicht zu denken – zu schön ist der Ausblick, zu faszinierend sind die Schwaden der Dampflok, die bei mir im siebten Wagen noch immer deutlich zu sehen und riechen sind. Es mag seltsam klingen, aber über eine Stunde abwechselnd links und rechts aus Zugfenstern zu glotzen, ist in diesem Fall sehr kurzweilig.

Alle acht Kilometer kommt ein Bahnhof – noch so ein Relikt der Militärzeit, denn zur zügigen Nachschubbeschaffung musste alle acht Kilometer ein Bahnhof mit Ausweichgleisen gebaut werden. Mit der absurden Folge diverser Bahnhöfe in vollkommener Einöde. Der Zug hält, die beiden Schaffner steigen aus, laufen ein bisschen rum, ein paar Wanderer winken, Trillerpfeife, Kelle, Türen zu und weiter geht es.

Zauberer, Hexen und Dementoren

Durch die gewundene Streckenführung ergeben sich ständig neue Ausblicke, oft auch auf die Strecke und die Brücken, die hinter oder vor dem kleinen Zug liegen. Die Ankunft in Weizen ist unspektakulär, es lohnt sich nicht, das Bahnhofsgelände zu verlassen. Ein Kiosk biete Snacks an, für die Zauberschüler gibt's Wienerle oder Hexensuppe zur Stärkung für das kleine Quidditch-Spiel, bei dem Kinder, Trainer und Eltern auf Besenstielen reitend einen Ball durch aufgesteckte Ringe werfen. Einige Zauberer, Hexen und Dementoren ruhen sich von der Kinderbespaßung aus und ich nehme mir vor, auf der Rückfahrt das Rahmenprogramm zu erkunden.

Heizer und Lokführer kuppeln die Lokomotive ans andere Ende des Zuges, was aus meinem letzten Wagen den ersten macht und schon ertönt der schrille Pfiff, um Magier, Touristen und Eisenbahnfreunde zurück an Bord zu rufen. Ich habe noch nicht mal meine "Hexensuppe mit Zauberstab" aufgegessen, da kommt auch schon ein Dementor in meinen Wagen und verbreitet Angst und Schrecken, bis ihn schließlich ein paar Zauberer in Schach halten.



Meine Kollegin Rita Kimmkorn vom Tagespropheten kommt mit ihrer giftgrünen Schreibefeder im Anschlag zum Plaudern vorbei und ein junger, wohlfrisierter Zauberer mit dem Ravenclaw-Wappen auf dem Zauberumhang verblüfft Kinder und Erwachsene mit Karten, Gummibändern, Stiften und anderen Alltagsgegenständen. Die Zeit vergeht wie im Flug und schon steht der Sauschwänzlebahnexpress wieder auf Gleis 9 3/4 in Blumenberg.

Mit einem kleinen Rundgang durchs Museum und den Merchandise-Waggon auf dem Abstellgleis beende ich das spektakulär-unspektakuläre Bahnabenteuer. Die Gegend lädt zum Bleiben ein und eine kleine Wanderung in der Wutachschlucht rundet den gelungenen Ausflug ab. Im Licht der untergehenden Sonne geht es zurück nach Freiburg und schon während der Fahrt überlege ich, mit welchem historischen Transportmittel ich als nächstes fahre. Vielleicht mit einem Schiff? Oder ich komme einfach zurück nach Blumberg. Für Whiskey oder den Wilden Westen...

Handy-Video:



Foto-Galerie: Matthias Cromm

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.