Engagement

Eine Nacht im Klimacamp am Freiburger Rathausplatz

Anne Herrmann

Seit Anfang Juli steht das Klimacamp auf dem Freiburger Rathausplatz. Jede Nacht schlafen Aktivistinnen und Aktivisten in den Zelten. Wir haben einen Abend voller Plena und Gespräche im Camp verbracht.

Das Plenum ist in vollem Gange. Gerade sind die Straßenlaternen angesprungen und verteilen ihr milchig-warmes Licht. Jemand hat Kekse mitgebracht, Laptops ruhen auf Schößen. Etwa zwanzig Menschen sitzen im Kreis und diskutieren: Wie die Signal-Gruppen möglichst hierarchiefrei, aber effektiv gestalten? Wie viele Flyer drucken? Wie das hunderttägige Bestehen am 10. Oktober feiern? Nebenan sitzen noch einmal so viele Menschen und planen den anstehenden Großstreik von Fridays for Future am morgigen 23. September.

Es ist Abend geworden im Klimacamp auf dem Rathausplatz, und das zum 75. Mal. So lange schon halten die Klimaaktivistinnen und -aktivisten Stellung, seit sie das Camp am 3. Juli 2022 unter dem Motto "Wir campen bis ihr handelt! Für klimagerechte Maßnahmen in Freiburg und global" ins Leben gerufen haben. Vorschläge für besagte Maßnahmen finden sich ausgeschrieben auf der Website und aufgepinselt auf Schildern am Infostand: Sie reichen von einem verpflichtenden CO2-Budget auf internationaler Ebene über Windkraftausbau in Baden-Württemberg bis hin zu Ausrufung des sozial-ökologischen Notstands, mehr Solarenergie und Stopp des Stadttunnel-Baus in Freiburg.

Das Sommerloch scheint auch im Klimacamp überstanden

Dass sommerliche Temperaturen Herbstschauern weichen mussten, tut der Aktivität im Klimacamp an diesem Abend keinen Abbruch. Im Gegenteil: Zwar sind im offiziellen Schichtplan nur zwei Menschen eingetragen, tatsächlich herrscht aber reges Treiben auf dem Platz. Das gefürchtete "Sommerloch" der Ferienzeit scheint überstanden. Während dieser Wochen sei es keine leichte Sache gewesen, das Camp durchgehend mit zwei Personen zu besetzen, sagen die Aktivisten.

"Es ist entspannter zuhause mit echtem Bett. Aber ich finde die Sache wichtig genug, um hier zu sein." Medizinstudent Benedikt Wolf
An diesem Abend finden hingegen gleich mehrere Plena sowie ein Sommerfest statt, immer wieder gesellen sich neue Leute dazu. Von der einen Seite hallen angeregte Diskussionen über Entlastungspaket und Zukunft der Klimabewegung, in einer anderen Gruppe wird bis in die späten Abendstunden eine anstehende Aktion geplant. Die einen teilen Pizza, die anderen ziehen sich zum ungestörten Arbeiten ins Sofazelt zurück.

Pro Nacht sollen mindestens zwei Menschen im Camp bleiben

Einer derjenigen, die auch nachts die Stellung halten, ist der Medizinstudent Benedikt Wolf. Für den Zwanzigjährigen ist es erst die zweite Nachtschicht, beim Camp dabei ist er als Aktivist der Gruppe Students for Future jedoch schon seit Beginn. Dass nicht alle ihr heimisches Schlafzimmer gegen den Rathausplatz tauschen würden, ist ihm bewusst: "Es ist entspannter zuhause mit echtem Bett. Aber ich finde die Sache wichtig genug, um hier zu sein."

Das geht auch anderen Anwesenden so. "Es wird eine gemeinschaftliche Utopie gelebt. Die Klimabewegung fließt hier zusammen, man kommt in Kontakt miteinander", meint Sina von der Heyde, 29, Studentin. Für sie waren die städtischen Auflagen jedoch ein Einschnitt: "Seit dem Abbau der Sofas und des Klaviers fehlt der soziale Raum und die einladende und gemütliche Infrastruktur. Es ist Kultur verlorengegangen, die hätte gelebt werden können."

Han Kiet, 25, Chemielaborant, ist neu in der Klimabewegung: "Ich bin hier drübergestolpert und dachte, ich könnte gleichzeitig etwas fürs Klima tun und Leute kennenlernen." Für Miriam Strake, 32, die sich schon lange für Klimagerechtigkeit einsetzt, war das Camp lang ersehntes Lebenzeichen: "Corona hat viel Engagement plattgemacht. Diesen Sommer war es schön zu sehen, dass die Bewegung aus dem Schlummer erwacht."

Um 9 Uhr ist Schichtwechsel im Klimacamp

Während sich immer mehr Menschen aufs Rad schwingen und das Camp sich leert, bereitet Benedikt Wolf mit Unterstützung der wenigen, die noch etwas länger bleiben, alles für die Nacht vor. Transpis werden eingerollt, Zelte zugemacht, die Spenden des Tages gezählt und Regenplanen ausgebreitet. Außerdem wird das mit Matratzen ausgelegte Schlafzelt von innen mit einem Schloss gesichert. "Ich habe mich hier immer sehr sicher gefühlt", meint Benedikt Wolf. "Aber andere berichten von Betrunkenen, die nachts ihren Kopf ins Zelt gesteckt haben, ohne vorher nett zu fragen."
Aktivist vom Freiburger Klimacamp: "Im Winter wollen wir bleiben"

Kurz vor Mitternacht kehrt endgültig Ruhe ein, zumindest fast: Der Brunnen plätschert weiter, Regen prasselt auf die Zeltplanen. Nachts sind zwei Mal grölende Gruppen zu hören, die jedoch vorbeiziehen. Um 9 Uhr ist Schichtwechsel. Der 76. Tag im Klimacamp bricht an.

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