Porträt

Eine Freiburger Youtuberin gibt psychologische Tipps für die Krise

Maya Schulz

Pandemie, Lockdown und Home-Office gehen nicht spurlos an uns vorbei. Die psychische Belastung ist für viele sehr groß. Die Freiburger Psychologin Eva gibt auf ihrem Youtube-Kanal Tipps, warum es gerade jetzt wichtig ist, auf das Bauchgefühl zu hören.

Die 32-jährige Eva ist BookTuberin und betreibt seit etwa einem halben Jahr ihren eigenen YouTube-Kanal "Herz auf der Zunge". Dort gibt sie nicht nur Romantipps, sondern spricht auch über psychische Gesundheit und zeigt Bücher, die beim mentalen Genesungsprozess helfen können.

Eva kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, ist aber schon seit 2008 Wahl-Freiburgerin. Dass sich das Leben nicht immer planen lässt, hat Eva im Laufe ihres Studiums gelernt: Zuerst studierte sie einige Semester Psychologie, aber weil ihr der pädagogische Teil am meisten Spaß machte, wechselte sie zum Lehramtsstudium und einige Semester später doch wieder zurück zur Psychologie. Was dabei eine entscheidende Rolle spielte, war eine Angststörung, die Eva im Zuge des Lehramtsstudiums entwickelte und über die sie auch offen auf ihrem YouTube-Kanal spricht. Als es ihr in dieser Zeit nicht so gut ging, halfen ihr psychologische Ratgeber und Erfahrungsberichte zusätzlich zu einer Therapie dabei, wieder auf die Beine zu kommen. "Irgendwann realisierte ich, dass nicht das Was mein Problem in Bezug auf mein Studium war, sondern das Wie. Ich habe mich viel zu sehr vom Erwartungsdruck anderer abhängig gemacht und mir war das Urteil von außen viel zu wichtig. Nach dieser Erkenntnis und meinem Weg aus der Angststörung fand ich die Idee ziemlich gut – nach allem was ich erlebt hatte – doch Psychotherapeutin zu werden, weil ich anderen nun mit viel mehr Empathie und Verständnis begegnen konnte."

"BookTube war für mich eine totale Offenbarung." Eva
Diese Erkenntnis spielte auch bei Evas Entscheidung, im Herbst 2020 einen YouTube-Kanal zu eröffnen, eine Rolle. "Für mich persönlich hat sich durch den Lockdown nicht so viel verändert. Ich habe im letzten Jahr meine Masterarbeit geschrieben und so war der YouTube-Kanal ein ziemlich guter, kreativer Ausgleich. Für mich ist das Aussprechen von Dingen ganz wichtig, weil ich mich auf diese Weise viel besser ausdrücken kann, als wenn ich zum Beispiel Texte runtertippe." BookTube, also die YouTube-Community, die sich auf den Austausch über Bücher spezialisiert hat, ist für Eva ein schöner Raum, um sich kreativ und konstruktiv mit anderen auszutauschen. Die Community sei ganz besonders liebevoll und unterstützend, sagt sie, was sehr viel dazu beigetragen habe, dass sie sich mit dem YouTube-Kanal immer mehr getraut habe. "BookTube war für mich eine totale Offenbarung, weil man sich genau das heraussuchen kann, was perfekt zum eigenen Buchgeschmack passt. Seitdem ich das für mich entdeckt habe und BookTuberInnen folge, die Bücher empfehlen, habe ich kaum ein Buch gelesen, das mir nicht gefallen hat."

Bücher als Gamechanger

Auf die Frage, warum ausgerechnet Bücher eine gute Unterstützung sein können, um psychisch (wieder) fit zu werden, hat Eva eine klare Antwort: "Ich denke, wenn es einem schlecht geht, dann ist es ganz wichtig, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Aber in der Therapie geht es um eine ganz andere Form von Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Erfahrungen. Sachbücher gaben mir darüber hinaus die Möglichkeit, ganz viel zusätzlich zu lernen und bei einigen Themen inhaltlich so richtig in die Tiefe zu gehen." Evas liebstes psychologisches Buch ist "Verletzlichkeit macht stark" von Brené Brown, von der es auch spannende TedTalks zu diesem Thema gibt. "Das Buch war für mich ein totaler Gamechanger. Es hat mir gezeigt, dass wir als Gesellschaft fast schon verlernt haben, verletzlich zu sein. Wenn man aber in den Kontakt mit Menschen tritt und sich öffnet, dann macht man sich ganz automatisch verletzlich." Auch für den YouTube-Kanal war diese Erkenntnis für Eva sehr wichtig: "Es ist schon ein sehr seltsames Gefühl, sich die eigenen Videos anzusehen und sich selbst sprechen zu hören. Es ist nichts geskriptet und ich rede in meinen Videos einfach vom Herzen weg. Besonders bei meinen Psychologie-Videos ist es also schon herausfordernd, das hinterher nochmal anzuschauen."

Dass Eva ein optimistischer Mensch ist, zeigt sich auch bei ihren Gedanken zu den psychischen Auswirkungen des Lockdowns: "Ich denke prinzipiell, dass alles eine positive und eine negative Seite hat. Für Menschen, die sowieso schon psychische Probleme haben und jetzt eben auch noch viel mehr alleine sind, ist die Belastung gerade sehr groß und da würde ich mir von der Politik schon mehr Aufmerksamkeit wünschen. Was ich mir aber auch vorstellen kann, ist, dass wir vielleicht ein bisschen mehr weg kommen vom Perfektionsstreben. Gleichzeitig finde ich es total wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass wir alle in unserer jeweiligen Bubble leben. Manche leiden mehr, manche weniger. Vergleichendes Leiden ist einfach der Oberbullshit."

Was sich Eva auch in Zukunft für ihren Kanal wünscht, ist der Austausch mit Menschen. "Ich weiß, wie viel Mut es Betroffenen geben kann, von anderen zu hören, die etwas ähnliches hinter sich haben und inzwischen vielleicht schon ein bis zwei Schritte weiter sind. Für solche Gespräche möchte ich mit dem YouTube-Kanal gerne einen Raum schaffen."
Info:

Eva hat auch einen Lesekreis gegründet ("Herzens-Buchclub"), der für alle offensteht. Mitmachen könnt ihr über Goodreads oder einfach unter den entsprechenden YouTube-Videos mitdiskutieren. Eva freut sich auch über Ideen, Fragen, Anregungen oder Mitmachwünsche für ihren YouTube-Kanal über herzens-buchclub@web.de.

Herz auf der Zunge: