Beobachtungen

Ein vorerst letztes Mal Kino: Samstagabend im Friedrichsbau

Matej Snethlage

Ab heute sind die Kinos wieder geschlossen – auch der Friedrichsbau in Freiburg. Was der Betreiber zur Schließung sagt und wie es sich anfühlt, Trailer für Filme zu sehen, die niemand im Kino sehen wird: Das hat Fudder-Autor Matej Snethlage aufgeschrieben.

Als ich am Samstag vor dem Friedrichsbau stand, fühlte ich mich ein wenig verloren. Es ist 17.30 Uhr, der Film, den ich schauen will ("Und morgen die ganze Welt") wird in einer Viertelstunde beginnen. Für mich wird es das letzte Mal Kino sein, bevor die neuen Corona-Maßnahmen in Kraft treten. Bis Ende November sollen sie geschlossen bleiben, solange alles optimal läuft. Genauso wie Wirtschaften, Bars, Tattoo-Studios.


Vor dem Friedrichsbau ist die Luft kalt, es nieselt leicht. Neben mir steht ein junger Mann, etwa Mitte 20. Wie ich schaut er etwas verloren ins Nichts, aber anders als ich wartet er auf jemanden. Ich spreche ihn an, er ist Informatik-Student. Heute sei er nur hier, weil seine Familie eine Karte übrig gehabt habe. Sonst könne er es nicht verantworten, ins Kino zu gehen: "Ich bin in den letzten Wochen nie gegangen. Für mich ist es selbstverständlich, zu versuchen, so wenig wie möglich zu tun."

Im Eingangsbereich dichtes Gedränge – trotz Hinweisen des Personals

Meine Uhr sagt mir, dass es Zeit ist, reinzugehen. Im Eingangsbereich herrscht leichtes Chaos. Jeder Besucher muss ein Kontaktformular ausfüllen, alle drängen sich nach vorne. Es ist so gut wie unmöglich, den Mindestabstand einzuhalten, dafür sind hier zu viele Menschen. Ein Mitarbeiter des Kinos versucht die Besucher voneinander weg zu dirigieren. Seine Aufforderungen, man möge doch bitte ein bisschen mehr Abstand halten, verpuffen ins Wirkungslose. Leider ist ein Hygiene-Konzept auch nur so gut, wie die Menschen, die sich daran halten.

Als ich mein Formular abgebe, werde ich noch kurz über die Do’s and Don’ts aufgeklärt: Man müsse die ganze Vorstellung über eine Maske tragen, dürfe nicht seinen Platz tauschen und nach der Vorstellung den Saal nur durch den Hinterausgang verlassen.

"Ich halte die Schließung für eine Unverschämtheit"Geschäftsführer Ludwig Ammann
Dass Kinos wie der Friedrichsbau trotz dieser Hygiene-Regelungen jetzt für gut einen Monat schließen müssen, frustriert Ludwig Ammann, seit 2012 einer von zwei Geschäftsführern der Kinos Friedrichsbau und Kandelhof sowie des Harmonie-Kinos. "Ich halte die Schließung für eine Unverschämtheit", sagt er. "Wir haben alle Auflagen der Regierung, unter hohen Einbußen, erfüllt." Während Filmvorstellungen sei der Kinosaal zu unter 30 Prozent gefüllt. Jede zweite Reihe bleibe leer, ebenso die benachbarten Plätze.

Ob Kinos Infektionsherde sind, ist schwer zu sagen. Denn nur drei von vier gemeldete Corona-Infektionen lassen sich einem Ansteckungsort zuordnen. In 75 Prozent der Fällen ist laut dem Robert Koch-Institut unklar, wo sich der oder die Infizierte mit dem Virus angesteckt hat.

Sind Kinos Infektionstreiber?

In Sachen Kino gibt es nur Indizien: Die Aerosolenwerte sind zwei Messungen der Technischen Universität Berlin zufolge niedriger als in Büros. Man könne aber nicht ausschließen, dass Verbreitungen stattgefunden haben, möglicherweise vielfach, so die Forschenden. Es gibt einfach nicht genug Daten und Studien.

Ein Trost: Zumindest bei den Friedrichsbau-Kinos sei die Situation nicht existenzbedrohend, erzählt Ludwig Ammann. Durch staatliche Hilfen könne der Großteil des finanziellen Verlustes aufgefangen werden: "Wir werden am Ende des Jahres eher eine rote Null als eine schwarze schreiben, aber wenigstens häufen wir nicht Monat für Monat neue Schulden an", sagt Ludwig Ammann.

Bizarr, dass Trailer für Filme laufen, die niemand im Publikum sehen wird

Als ich im Saal ankomme, läuft die Werbung bereits. Dann kommen Trailer: Für eine Doku über Umweltschutz, für ein iranisches Drama und für eine Komödie, die während des Zweiten Weltkriegs spielt. Bizarr, dass Trailer für Filme laufen, die niemand im Publikum sehen wird. Zumindest nicht im Kino.

Das erste Mal im Kino war ich mit vier Jahren: "Findet Nemo". Inzwischen ist das 17 Jahre her, trotzdem hat mich die Faszination der großen Leinwand nie verlassen. Der Moment, in dem die Lichter gedimmt werden und der Vorhang sich öffnet; das ist für mich Magie. Wenn das Tuscheln langsam verstummt und die Zuschauer sich kollektiv in den Bann der Leinwand ziehen lassen.

Nicht ins Kino zu dürfen, bleibt natürlich eine Luxussorge, keine Frage. Trotzdem ist es frustrierend, dass die Arbeitswelt weiterlaufen kann, aber Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt werden. Gerade in Wochen, in denen es nicht besonders leicht ist, eine gute Zeit zu haben. Ich denke daran, was Ludwig Ammann gesagt hat: "Hier wird stillgelegt, was man für entbehrlich hält, egal, ob es zur Verbreitung beiträgt oder nicht." Zum Glück fängt der Film an und ich kann nicht weiter darüber nachdenken.

Ein Wir-Gefühl im Kinosaal

Der Film "Und morgen die ganze Welt" ist nichts Außergewöhnliches. Das Kino-Erlebnis aber ist es allemal. Ich spüre ein Wir-Gefühl im Raum, vielleicht sogar ein wenig mehr als sonst. Es ist schließlich das letzte Mal für eine lange Zeit. Ein verbindendes Element in einer gespaltenen Welt: Wir, die Zuschauer, leben gemeinsam etwas durch. Wo sonst ist man mit Fremden, die man weder kennt noch wahrscheinlich jemals kennenlernen wird, emotional verbunden?

Der Abspann läuft, der Film ist zu Ende. Ich bleibe noch ein paar Momente sitzen, dann gehe ich an die frische Luft. Dort sehe ich ein älteres Paar, um die 80, die im gleichen Kinosaal waren, Eva und Manfred. Eva erzählt, wie sehr sie der Film bewegt habe und wie schade es doch sei, dass die Kinos jetzt schließen müssen. "Wir waren in den letzten Monaten immer zwei Mal die Woche im Kino, um sie zu unterstützten", sagt sie. Manfred ergänzt: "Wir kommen aus einer Zeit, in der Kino noch eine ganz andere Rolle gespielt hat. Damals, Fassbinder, Nouvelle Vague, das war unsere Zeit."

Sie haben beide kaum Interesse am Internet, weder auf Netflix noch in digitalen Mediatheken fühlen sie sich wohl. "Aber Kino möchte ich, dass es zurückkommt. Ganz bald wieder", sagt Eva.

Die beiden zeigen mir an den Plakaten, die am Friedrichsbau hängen, welche Filme sie in den letzten Wochen gesehen haben. Dann kommt ihre Straßenbahn und ich stehe alleine vor dem Kino. Ich fühle mich wieder ein wenig verloren.

Das war es also, mein vorerst letztes Kinoerlebnis. Und eigentlich kann ich mich Eva, der knapp 80 Jahre alten Frau nur anschließen: Ich hoffe Kinos kommen zurück. Ganz bald wieder. Und ich hoffe, ich werde mich nicht mehr von ihnen verabschieden müssen.

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