Protokoll

Ein Tag am Internat Birklehof in Hinterzarten

Julia Witzku

Frühes Aufstehen, strenge Lehrer und Übernachtungspartys? Wie es sich in einem Internat lebt, weiß fudder-Autorin Julia Witzku. Sie ist Schülerin am Birklehof in Hinterzarten und hat einen typischen Schultag protokolliert.

Hanni und Nanni, Harry Potter und Schloss Einstein – das ist es, woran man denkt, wenn man das Wort "Internat" hört. Die einen denken an eine unendliche Übernachtungsparty, die anderen haben Bilder von langen Schlafsälen und strengen Lehrern im Kopf.


Nicht nur in Filmen und Büchern existieren Internate. Ganz in der Nähe von Freiburg steht in Hinterzarten der Birklehof – ein Internat, in dem knapp 200 Schülerinnen und Schüler leben und jeden Tag in die Schule gehen. Es handelt sich um ganz normale Jugendliche, ihr Tagesablauf ist es wohl eher nicht.
fudder-Mitarbeiterin Julia Witzku lebt auf dem Birklehof und hat für fudder ein Tagesprotokoll geschrieben.

6.55 Uhr

Es ist fünf vor sieben. Noch schlafen all am Birklehof – doch nicht mehr lange. Pünktlich um sieben starten die Hauserwachsenen ihren Rundgang durch die Zimmer. In allen Häusern versuchen sie, die Schülerinnen und Schüler zum Aufstehen zu bewegen – nicht immer eine leichte Aufgabe. Jeder Lehrer hat seine eigene Methode entwickelt. Manch einer informiert jeden Morgen zuverlässig über das Wetter oder überzeugt mit aggressivem Klopfen an die Tür. Bis um 7.30 Uhr müssen dann auch alle beim Frühstück im Esssaal erscheinen. Geheimtipp: mittwochs immer besonders früh kommen – dann gibt es Frühstückseier.

7.55 Uhr

Danach beginnt der A-Block. Das heißt 85 Minuten Unterricht. Theoretisch soll man sich so besser auf ein einzelnes Fach konzentrieren. Das funktioniert meistens auch. Nur können 85 Minuten Mathe am Stück auch schnell ziemlich anstrengend werden. Um 9.20 Uhr ist dann endlich Pause – am Birklehof bedeutet das Brotausgabe. Jeder macht sich auf den Weg zu einem Küchenfenster, aus dem belegte Brote, Obst und Getränke gereicht werden. Besonders lang ist die Schlange, wenn vom Vortag noch ein wenig Pizza übrig geblieben ist. Die wollen nämlich alle haben. Den Rest der Pause verbringen die meisten in ihren Zimmern. Die Bücher für die nächste Stunde werden eingepackt und ein letzter Blick wird in den letzten Hefteintrag geworfen. Dann beginnt der B-Block und nach zehn weiteren Minuten Pause der C-Block.

13 Uhr

Mittagessen im Esssaal. Bevor man allerdings beginnen kann zu essen, stehen erst einmal alle vor ihren Stühlen und warten auf das Anklingeln. Erst, wenn die kleine goldene Glocke geklingelt wurde, darf jeder Tisch seine Schüsseln holen. Während des Essens versorgt man sich dann gegenseitig mit den neuesten Infos. Erstaunte Blicke werden ausgetauscht. Gerüchte sprechen sich hier besonders schnell herum. Besonders am Montag bekommt jetzt auch der Letzte mit, wer am Wochenende wieder einmal zu viel Alkohol getrunken hat.

Nach einer halben Stunde wird dann auch wieder abgeklingelt und Lehrer machen ihre Ansagen. Sie informieren über AG-Zeiten oder Klausurtermine. Außerdem wird jetzt der unnütze Fakt des Tages verkündet. Dank dem weiß heute die ganze Schule, dass der beliebteste Pizzabelag in Costa Rica Kokosnuss ist. Satt und bestens informiert verlassen die Birklehofer den Esssaal wieder. Für die Mittelstufe gibt es jetzt Handys. Die müssen sie nämlich jeden Abend um 22:00 Uhr abgeben.

Kurz nach dem Mittagessen trifft man so das ganze Haus im Flur und verabredet sich für den Nachmittag zwischen genervten Blicken auf die Uhr, weil der Hauserwachse wieder einmal zu lange braucht. Überall werden die Sachen für die nächsten beiden Blöcke eilig zusammengepackt. Diejenigen, die keinen Nachmittagsunterricht mehr haben, bleiben oft noch etwas länger im Gemeinschaftsraum ihres Hauses sitzen und genießen ihre freie Zeit.

Die Schülerwohnhäuser

Doch was heißt "Haus" eigentlich? Auf dem Gelände des Birklehofs stehen acht Schülerwohnhäuser. Anders als in Hogwarts sind sie aber nicht nach irgendwelchen Charaktereigenschaften, sondern nach Jahrgang und Geschlecht aufgeteilt. Im Unterhaus wohnen die Klassen fünf bis sieben. In Klasse acht ziehen dann die Mädchen in den Petersbau und die Jungen ins Neubirkle um. Die Zehntklässler wohnen im Studio oder im Kopphaus und in der Oberstufe wohnen die Mädchen dann in der Wolffsburg und die Jungen im Neuen Hirschen. In jedem Haus gibt es einen Hauserwachsen. Gemeinsam mit seiner Familie wohnt dieser Lehrer in einem Schülerhaus und ist für fast alles dort verantwortlich.

Er weckt, sammelt die Handys ein, sorgt für Ordnung und tröstet bei Heimweh. Das eigene Haus ist nicht einfach nur der Ort, an dem man schläft und seine Hausaufgaben erledigt. Für mindestens ein Jahr wird es für alle Internatsschüler zu einem Zuhause und die Mitbewohner werden zu einer zweiten Familie. Hier kann man zusammen lachen aber auch weinen.

17.30 Uhr

Die Zeit bis 17.30 Uhr geht schnell vorbei. Dann beginnt die Studienzeit. Jeder sollte an seinem Schreibtisch sitzen und lernen. Eigentlich. Die Studienzeit ist nämlich auch ein beliebter Zeitpunkt, um Wäsche zu waschen, Videos anzuschauen oder zu telefonieren. Nicht jeder ist in den zwei Stunden bis zum Abendessen so produktiv wie er sein sollte.
Das Abendessen beginnt direkt nach der Studienzeit um 19 Uhr. Dafür versammelt sich die gesamte Schule wieder einmal im Esssaal – zum dritten Mal am Tag. Allerdings gibt es jetzt Essen vom Buffet. Etwas Warmes, Salate oder belegte Brote – das kann man hier abends essen. Mit seinen besten Freunden sitzt man zusammen und bleibt manchmal auch nach dem Essen noch länger sitzen. Vertieft in ein Gespräch geht man dann erst, wenn der Küchendienst beginnt die Tische um den Eigenen herum sauberzumachen.

20 Uhr

Am Birklehof verbringt man allerdings auch nicht seine ganze Zeit nur mit Reden. Jeden Abend ist AG-Zeit von 20 bis 21 Uhr – die perfekte Gelegenheit seinen Hobbys nachzugehen. Vorweggesagt werden sollte, dass man überall redet. Nur nicht über dieselben Themen. Zu den AGs am Birklehof gehören verschiedene Sportarten, die von Fußball und Hockey bis zu Rugby oder Aikido reichen. Richtiges Reden lernt man in der Rethorik-AG, beim Theater hat man genügend Gelegenheit zum Schauspielern und beim Mikroskopieren nimmt man so einiges ganz genau unter die Lupe. Der Internatsleiter entdeckte so übrigens schon eine eigene Tierart. Deshalb gibt es jetzt ein Bärtierchen, das Birklehofi heißt.

22 Uhr

Die Zeit bis 22 Uhr vergeht meistens schnell. Besonders, wenn es kälter wird, sitzt man nun gemütlich zusammen und nutzt die restliche Handyzeit aus. Um Punkt 22 Uhr kommen dann nämlich wieder die Hauserwachsenen und sehen nach, ob es allen gut geht. In den Mittelstufenhäusern sammeln sie die Handys ein und wünschen eine gute Nacht. Nicht selten kommt es vor, dass diese Lehrer noch länger im eigenen Zimmer stehen und sich unterhalten. Gerade in solchen Momenten hat man das Gefühl, den Internatslehren näher zu sein als denen auf einer gewöhnlichen Schule.

Nachdem der Hauserwachsene wieder weg ist, trifft man sich im Bad. Zwischen Zähneputzen und Abschminken kann man in den Mädchenhäusern jetzt besonders gut schwärmen und lästern. Diejenigen, denen es nicht so gut geht, werden getröstet. Manchmal wird aus dem schnellen Zähneputzen eine lustige Unterhaltung, die von allein wohl kein Ende nimmt.

Meistens verschwinden die, die am nächsten Tag eine Klassenarbeit schreiben auch als Erste wieder in ihren Zimmern. Ohne Schlaf geht eben doch gar nichts. Den holen sich dann letztendlich alle ab. In den Zweierzimmern wünscht man sich noch eine gute Nacht, bis dann letztendlich das Licht ausgeht. Vielleicht hat niemand am Birklehof jemals den Stein der Weisen gefunden oder ein Abenteuer mit Hanni und Nanni erlebt, trotzdem träumen nachts alle von den spannenden Dingen, die sie in ihrem ganz eigenen Internat erleben. Denn eines wird es am Birklehof wohl nie: langweilig.

Mehr zum Thema: