Nightlife

Ein Streifzug durch eine warme Freiburger Nacht zu Corona-Zeiten

Martha Martin-Humpert

Legendäre Nächte leben von Kontakt zu Fremden, von Ungewissheit und Treibenlassen, von der Unvernunft. Desinfektion und Abstand passt nicht gut zur Feierei. Oder doch? fudder hat sich am Wochenende in das Freiburger Nachtleben gewagt, um die Atmosphäre nach dem Lockdown einzufangen.

Es ist eine laue Frühsommernacht, der Weg in die Innenstadt führt entlang der Dreisam, in Corona-Zeiten das gefühlte Herzstück der Freizeitausflügler. Doch während sich bei Tageslicht die halbe Stadt an den Ufern des Flusses versammelt, um sich den wohlverdienten Sonnenbrand zu holen, bricht mit der Dämmerung die Einsamkeit ein. Es ist menschenleer, nur die Reiher genießen die Stille mit gewohnt stoischer Gelassenheit.


Aber schon beim Ruefino, der ersten Station des Abends, ist das freudige Vibrieren, wenn gute Laune auf Alkohol und warme Dunkelheit trifft, spürbar. In dem liebevoll gestalteten Außenbereich sitzen zufriedene Menschen zwischen Flohmarktmöbel und kleinen Blumenarrangements. Im Kerzenlichtflackern sieht man sie lächeln, sich umarmen und sogar Küsse werden ausgetauscht. Alle Tische sind besetzt, so dass einige Besucher mit ihrem Bier auf die nebengelegene Treppe umziehen. "Hach, wie in Italien!" seufzt es wohlig vom Nebentisch – das wird man so oder in ähnlicher Form noch öfter hören an diesem Abend. Betreiberin Bina ist ziemlich busy. Seit fast zwei Wochen hat das Stübchen wieder normal geöffnet, allerdings aus Platzgründen nur bei gutem Wetter. "Die Leute haben auf jeden Fall Bock, das merkt man vor allem, wenn wir zumachen. Da kommt, dann "ohje, echt schon?" Dass die Kundschaft auch in Krisenzeiten zugewandt ist, hat sich auch in der Schließungszeit gezeigt: Im Rahmen einer Gofundme.Kampagne konnten Freunde und Unterstützer spenden, über 1400 Euro sind so zusammengekommen. Nicht nur ein gutes Zeichen, sondern auch eine willkommene, zusätzliche Hilfe zum Fensterverkauf.

Mit Mundschutz hinter der Theke

Vorbei am ebenfalls gut besuchten Atlantik geht es weiter zur Movie-Bar am Schwabentor, auf einen Shot und einen kurzen Schnack. Leider sind hier die Boxen ausgefallen, was die eher ruhige Atmosphäre noch verstärkt. Hinter der Theke steht Hatay mit seinen zwei Kollegen, alle drei tragen die obligatorische Gesichtsmaske. Wie fühlt er sich an, der erste Tag? "Komisch, aber bisschen schwierig auch. Wir hatten jetzt zweieinhalb Monate zu, da weiß man gar nicht mehr, wo alles steht." Finanziell seien sie aber ganz gut zurechtgekommen, außerdem habe ja gerade wirklich jeder schwierige Zeiten. Zum Glück hätten sie die Sondergenehmigung für drei extra Tisch draußen bekommen, damit kann das Geschehen drinnen entzerrt werden.

Die Kunden freuen sich sichtlich, dass der Laden wieder läuft. Direkt am Eingang sitzen Nadine und ihre Freundinnen, am Nebentisch die Jungs dazu. Sie trinken Cocktails und wollen später noch in die Maria’s Bar, weil dort eine provisorische Shooter’s Schnapsbar aufgebaut sein soll. Ob man noch was von Corona bemerke? "Ne, die Leute passen gar nicht auf und halten auch keinen Abstand zueinander. Als ob alles egal ist. Auch heute Mittag in der Stadt, so als wäre nichts." Es scheint ihnen nicht wirklich Sorge zu bereiten. Die Neuinfektionen in Freiburg liegen quasi bei Null, die Menschen haben ganz offensichtlich nach fast drei Monaten Ausnahmezustand keine Lust mehr auf die Einschränkungen und genießen die zurückgewonnene Freiheit.

Fernweh auf dem Augustinerplatz

Die noch geschlossenen Keller des One Trick Pony und der Bardobar werden nur im Vorübergehen wahrgenommen, schnell gelangt man an den mittelmäßig besuchten Augustinerplatz. Es ist kurz vor elf, die Säule der Toleranz strahlt nur noch minimal grün in die Nacht. Jemand spielt Gitarre, Paolo Nutinis "Candy" weht sanft über den Platz und wieder kommt das Gefühl von Bella Italia und ein wenig Fernweh auf. Auf der Treppe sitzen Grüppchen, sie wirken vertraut, fröhlich und schwatzen in aller Seelenruhe. Doch schon bald schlägt die Turmuhr 11 und das nun vollständig rote Licht ermahnt die wenigen Verbliebenen zum Weiterziehen, was einige auch brav befolgen. Wo gehen sie hin, wenn keine Clubs mehr rufen? Nach Hause? Zu geheimen Raves? Sie verschwinden zu schnell in der Nacht, als dass man fragen könnte.

Wer dagegen Auskunft gibt, ist die Polizei, die ein paar hundert Meter weiter wie gewöhnlich am Martinstor Position bezogen hat, um die Aktivitäten im Bermudadreieck zu beobachten und notfalls einzuschreiten. Es sei auf jeden Fall deutlich weniger los als in den letzten Sommern, lässt einer der Beamten mit leichtem Schmunzeln wissen. Interessant, denn das bedeutet wohl auch, dass die Menschen nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, nach dem Lockdown und der erzwungenen Pause ausrasten und sich richtig gehen lassen, sondern in vielen Lebensbereichen besonnener werden. Das gilt es zu überprüfen, also auf in den Schlappen.

Reger Betrieb und die unschönen Seiten des Nachtlebens

Dort herrscht reger Betrieb, ganze fünf Personen stehen samt Mundschutz hinter der Theke und arbeiten mit rasanter Geschwindigkeit. "Ich dachte eigentlich, heute sei weniger los, aber es ist doch richtig viel" sagt Anna, während sie Getränke serviert. Das Publikum ist gemischt, an der Theke steht eine Familie aus Bayern, der 14-jährige Sohn nuckelt ostentativ gelangweilt an seinem Red Bull und erzählt, dass sie zwangsweise jetzt in Freiburg im Urlaub seien, weil ja die Grenzen zu seien. Aber die Stadt sei ganz schön, das könne man schon aushalten. Nach dem freundlichen Gespräch taucht kurz darauf die unangenehme Seite des Nachtlebens in Form eines betrunkenen Mannes auf. Er scheint Abstand sehr großzügig zu interpretieren, seine Fahne weht aus 10 Zentimetern Entfernung sauer ins Gesicht. Er wolle auch etwas zu Corona und Ausgehen loswerden und zieht ungefragt über "nicht willige Weiber" her. Der Zusammenhang zur Krise wird nicht ganz klar, aber schlagartig vermisst man das Kontaktverbot. Von irgendwoher wirft jemand einen nassen Pappdeckeln nach unseren Köpfen – ob das ins Hygienekonzept passt? Die Netiquette und charmante Höflichkeit der letzten Wochen ist wohl schon den Biergläsern ertränkt worden. Ausweichen und weiterziehen.

Vor der Tür und im gesamten Bermudadreieck herrscht reger Betrieb, Jungs mit Undercut und blonde Mädchen in Jeansjacken prägen das Bild. Die Stimmung ist fröhlich ausgelassen, Abstandsregeln scheinen nebensächlich zu sein. Vorm Uni-Café sind alle Stühle und Tische besetzt, doch während sich draußen Menschenmassen tummeln, ist es drinnen deutlich ruhiger. An der Theke liegen Schilder aus, dass man bitte nicht länger stehen bleiben solle, die Kellner tragen Mundschutz und wirken bedacht vorsichtig. Damit tritt die Paradoxie der Nachtleben-Situation deutlich zu Tage: Die Lokale halten sich an die vorgegebenen Abstands- und Hygieneregeln und versuchen diese durchzusetzen, während die Kundschaft in ihrem Bedürfnis nach Kontakt, Nähe und Ausgelassenheit die Vorgaben durch angetrunkenes Nichteinhalten ad absurdum führt. Vielleicht liegt das aber auch an der Enge der verwinkelten Altstadt, wo sich Bars und Cafés dicht an dicht drängen und Distanzhalten unmöglich scheint.

Skateboard-Sounds mischen sich unter Electro

Denn schon am Platz der Alten Synagoge bietet sich ein deutlich entspannteres Szenario: Electro aus Bluetoothboxen und Klackern von Skateboards bestimmen die Soundkulissen. In gebührendem Abstand sitzen Gruppen unterschiedlichster Größe zusammen, mal zu zweit, aber auch zu fünft oder zehnt. Darunter auch die drei Studenten Jakob, Max und Lorenz, die sich zum Kartenspielen verabredet haben, zwischen sich ein Schachbrett als Unterlage. Ob sie öfter herkommen? Nein, sie seien erst zum zweiten Mal hier, wegen Corona suchen sie jetzt eher Orte auf, wo ein bisschen was los ist.

Von der Stimmung her sei es aber schon ein bisschen seltsam. "Eigentlich hat man es ja gern, wenn jemand nahekommt. Jetzt fühlt man sich im Kontakt zu anderen plötzlich unwohl, obwohl man es nicht will. Es ist keine reale Angst, aber so ein undefiniertes Gefühl des Unwohlseins. Ich hoffe, dass das nicht so in mir drinbleibt", sagt Jakob dazu. Und geht es an dem Abend noch weiter? Nein, denn es hat ja alles zu. "Ich hätte nicht gedacht, dass mir das fehlt, aber gestern haben wir zu viert in unserem Wohnheimzimmer Disco gemacht." Die Not macht bekanntlich erfinderisch, man improvisiert, wo man kann.

"Mehr Cops unterwegs als in Moabit!" Julius

Auch am dritten öffentlichen Hotspot, dem Lederleplatz, wird das Unvorbereitete zum Alltag: zwischen den Tischen des Cafés Mirabeau spielt ein angetrunkener Straßenmusiker. "Wie in dieser einen Szene in Vicky, Christina, Barcelona!", ruft Julius. Er ist mit seinem Freund Juri am Platz, der gerade auf Heimatbesuch aus Berlin im Ländle ist. Die zwei waren vorher beim Späti, da sei schon noch ein bisschen was los, aber es verlaufe sich eben. Was auffällig sei: "Mehr Cops unterwegs als in Moabit!", wo eine der größten Justizvollzugsanstalten der Hauptstadt steht und daher naturgemäß viel Polizei auf den Straßen sei. Darauf aufmerksam gemacht, fallen die zwei Streifenwagen auf dem Weg zurück ins Sedanviertel viel mehr auf.

Langsam geht es wieder bergauf

Blaulicht ist allerdings nicht so anziehend, wie das grüne Licht des Litfass, das Nachtschwärmer wie kleine beschwipste Falter anlockt. Wirt Willi ist gerade dabei, die Tische einzuräumen. Er ist dankbar, dass er die Sondererlaubnis für drei zusätzliche bekommen hat, die er allabendlich auf den ehemaligen Parkplatz stellen darf. Er beschäftigt momentan nur eine statt zwei Mitarbeiterinnen pro Abend und steht häufig selbst Tresen. Anfangs sei es finanziell noch holprig gewesen, aber "jetzt geht es langsam bergauf." Er hofft vor allem, dass all die anderen Lokale ebenfalls bald öffnen dürfen, weil viele der Belegschaften Stammkunden bei ihm sind. Der ewige Kreislauf von Bier zapfen, Geld bekommen, für Bier ausgeben, ist noch nicht wieder in seinem gewohnten Bahnen angekommen. Während zum frühen Abend in der kleinen Musikkneipe oft Kunden sitzen, die man wahrscheinlich der Corona-Risikogruppe zurechnen muss, ist das Publikum zu später Stunde studentisch-jung, dazwischen vereinzelt einige einsam wirkende Gestalten. Verschwörungstheorien wabern durch den Bierdunst am Nebentisch herüber, man möchte lieber gar nicht so genau hinhören und bleibt dann doch ein Bier länger, als geplant.

Der Abschluss. Ein schnelles Reinhuschen ins Come Inn, das letzte Bier für den Nachhauseweg holen. Sehr positiv: Am Eingang gibt es einen Desinfektionsmittelspender, der einem allerdings das Gel nicht auf die Hand sondern irgendwie unglücklich ins Gesicht spritzt. Naja, immerhin. In dem immer etwas zu hellen Gastraum läuft Fußball, um die Theke und umliegenden Tische haben sich hauptsächlich Männer um die 40 aufwärts versammelt, die friedvoll in ihr Bier starren. Also, eigentlich alles wie immer, auch mal ganz schön. Wieder draußen fährt das Freiburger Urgestein und echter Überlebenskünstler, Bierlieferant Pischko, auf seinem Fahrrad vor. Ausgerüstet mit einem freundlichen Lächeln und dem Kasten auf dem Gepäckträger wünscht er sein immerwährendes "Dankeschön, Prost" und verschwindet kurz darauf wieder in der Nacht. Aus der Begegnung erwächst so etwas wie Zuversicht: Egal, wie widrig die Umstände scheinen, manche Dinge ändern sich nie und Bier findet immer einen Weg.

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