Konzerte

Ein Rundgang mit drei Stopps bei "Freiburg stimmt ein"

Sarah Rondot

Ein Musikfestival in der ganzen Stadt verteilt, rund 60 Musik-Acts an acht verschieden Plätzen: In Corona-Zeiten unmöglich? "Freiburg stimmt ein" beweist das Gegenteil und hat die Stadt zum Klingen und Tanzen gebracht.

Eine Bühne im Seepark, entspannte aber trotzdem rockige Gitarrenklänge, nicht aus einer Musikbox, sondern live. Das hat es, Corona geschuldet, in Freiburg schon lange nicht mehr gegeben. Nicht nur im Seepark steht am Tag von "Freiburg stimmt ein 2020" eine Bühne. Die ganze Stadt rockt, rappt, streicht, singt oder bastelt Beats. Ob im Stadtgarten, beim Artik oder in Herdern, wo die Straße zur Bühne wird, spielen bis in den Abend hinein Bands, Chöre und Orchester. Das ehrenamtliche Team um Gründer Stefan Sinn hat gestemmt, was Musikliebhabern das letzte halbe Jahr schmerzlich gefehlt hat: Ein Live-Musik-Festival, ohne die Corona-Auflagen zu verletzen.


Der Seepark wird zur Zeitmaschine

Am Sonntagnachmittag fühlt man sich im Seepark in die 70er-Jahre zurückversetzt. Blaue Boote schippern über den See, Kinder füttern Schwäne und ein Luftballonverkäufer bietet Tiere aus Helium an. Da passen die "Lehener Schnittchen" perfekt ins Bild. Die Musiker stehen mit blauen Hawaii Hemden und grauem Schopf auf der Bühne, als hätte eine Zeitmaschine sie ins Freiburg von 2020 katapultiert. Ohne Gesang bildet der "Surf Rock" den perfekten Soundtrack zu diesem Nachmittag. Cover wie "Surf Rider" und "Walk don’t run" lassen das Publikum, das die Getränke vom angrenzenden Biergarten genießt, mitwippen. Sogar ein Zeichenkreis hat Stift und Pinsel gezückt, die älteren Damen fangen die Musiker auf Papier ein. Den Abstand einzuhalten ist hier kein Problem. Der Bereich vor der Bühne ist klar abgegrenzt und jeder Besucher bekommt beim Eintritt einen Chip, der anschließend desinfiziert wird. "Offiziell dürften wir 300 Leute reinlassen", erklärt eine junge Helferin, "aber wir machen das nach Augenmaß, sodass auf jeden Fall genug Platz da ist." Bleibt nur noch eine Frage an die Lehener Surfer-Boys: Schwingen Sie sich ihrer Musik entsprechend auch selbst gerne auf die Surf-Bretter? Jürgen Hinkelmann am Bass verneint lachend: "Ne, uns gefällt einfach diese Musik und die heißt nun mal Surf Rock."

Psychedelische Klänge im Eschholzpark

Im Eschholzpark taucht man in eine komplett andere Szene ein: Hier bewegt sich innerhalb des roten Absperrbandes deutlich jüngeres Publikum. Es tanzen Mädels mit Rastas, Jungs mit schwarzen Klamotten und Piercings, dazu Regenbogensocken. Sängerin Isabelle Babté von "Sound of Smoke" trägt einen bunten Kimono über ihrer Schlaghose. Doch nicht nur die Klamotten sind auffallend. Die Leute werden angesteckt von ihrem "Psychedelic-Soul-Rock" und Moderatorin Ragna Plaehn ruft: "Tanzt, tanzt, so dass ihr Platz habt!" Darauf haben die Leute gewartet. Zu lange wurde nur in WG-Küchen die Musikanlage aufgedreht, jetzt wird draußen getanzt, gemeinsam mit anderen. Es klappt erstaunlich gut, die Abstände einzuhalten. Es fühlt sich so an, als wüssten die Freiburger die Live-Musik zu schätzen und spürten, wie zerbrechlich dieses Glück in Zeiten von Corona ist.

Ragna Plaehn, die dieses Jahr unabhängig von UniFM moderiert, erklärt: "Ich bin dabei, weil ich das unterstützen will, weil es mir wichtig ist." Privat gehe sie viel auf Konzerte und das habe ihr in den letzten Monaten furchtbar gefehlt. "Ich bin erstaunt, wie gut es klappt. Die Leute halten sich an die Vorgaben und das Team arbeitet Hand in Hand." Isabelle Babté ist genau so begeistert vom Publikum: "Es kommt mir dankbar vor und als würde Corona in dem Moment nicht so präsent sein." Und sie fügt hinzu: "Fast als würden sich die Menschen bei solchen Veranstaltungen von ihrem Corona-Trauma erholen."

Währenddessen entführt auf der Bühne die Band "Cydonia" in eine mystische Welt, die dazu einlädt sich zu der rauen Stimme von Michael Bernauer in gefühlt achtminütigen Songs davon tragen zu lassen. "Seven Empires", die Metal-Band die anschließend die Bühne stürmt, lässt allein wegen ihrer Lautstärke keine Unterhaltung mehr zu, sodass einfach getanzt und geheadbangt werden muss. Ragna Plaehn kündigt die Band besonders gut gelaunt an, "Ich bin nämlich privat ein kleiner Metalhead" gesteht sie.

In den Abend tanzen auf dem Kanonenplatz

Die Sonne versinkt in den Vogesen, während auf dem Kanonenplatz über der Stadt Indie-Songs die richtige Stimmung dafür liefern. Doch während die Sterne zwischen den Bäumen heller werden beginnt "Qult" seinen Auftritt. Die vier Jungs, die von politischen Demos bekannt sind, schaffen richtiges Konzertfeeling. "Wir wollen, dass uns ganz Freiburg hört" brüllt Frontman Jens Gläsker und die Aufforderung lässt sich die Menge nicht zweimal sagen. Die "Rap’n’Roll" Songs sind faszinierend und mitreißend. Viele Zeilen kann das Publikum direkt mitrappen: "Sind wir nur hier, um zu sterben?" – "Nein" antwortet das Publikum und die Rockelemente lassen es hüpfen und die Arme nach oben reißen. Zwar gibt es zwischendurch technische Probleme, doch Sänger Jens nimmt es gelassen und legt gemeinsam mit dem Publikum einen kleinen A cappella-Refrain ein. "Stimmung gerettet, jetzt mögen sie uns doch noch", kommentiert Gitarrist Andreas Hoelle, bevor die letzten Songs anklingen.

Kurz vor Schluss wendet sich Jens mit einer politischen Botschaft ans Publikum. Der Song "Widerstand" handelt davon, gegen die rechte Szene und für Demokratie aufzustehen. Er scheint den Geist von "Freiburg stimmt ein" perfekt zu treffen: Partizipatorisch, mutig und demokratisch. Und wenn Jens Gläsker ruft: "Nie mehr Krieg auf dem Kanonenplatz, nur Liebe auf dem Kanonenplatz", dann schlägt das Herz ein bisschen höher für diese Stadt, die sich traut, seinen Musikern und Bürgern auch in Corona-Zeiten dieses Event zu ermöglichen.