"Get connected – stay united"

Ein Projekt will junge Rapperinnen und Rapper aus Baden-Württemberg zusammenbringen

Martha Martin-Humpert

Die Zeit der Corona-Pandemie produktiv nutzen: Das haben junge Rapperinnen und Rapper aus Baden-Württemberg gemacht. Für das Projekt "Get connected – stay united" haben sie einen Song aufgenommen. Mit Freiburger Beteiligung.

Keine Konzerte, keine Jams, keine Rapcontests. Nicht gerade die leichteste Zeit für ein Musikgenre, das von direkter Interaktion und dem gemeinsamen Skills-Schrauben lebt. Um den rapaffinen Jugendlichen vor Ort doch die Chance zu geben, ihre Message aus dem Lockdown raus in die Welt zu pushen, haben sich insgesamt sechs Jugendhäuser aus Baden-Württemberg unter der Leitung vom Jugendhauses Süd in Sindelfingen in Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Paula in Tübingen für das Projekt "Get connected – stay united" zusammengetan.

get connected - stay united!

In Federführung des Jugendhauses Süd in Sindelfingen wurden digitale Möglichkeiten zum "Connecten" erschlossen und in Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Paula in Tübingen wurde die Idee für einen gemeinsamen Solidaritätssong entwickelt. Im Zuge dessen hat man sich mit dem Soundcheck Studio des Jugendhilfswerk Freiburg e.V., dem Musikmobil Soundtruck des Stadtjugendausschuss Karlsruhe e.V., dem Cann Jugendhaus-Studio der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH und dem Juke-St. Nepomuk Kehl vernetzt und schnell kamen über 10 junge Rapper*innen zusammen, die tatkräftig ihren Beitrag zum Song leisteten.

Die erste Ursprungsidee eines Rapcontestes wurde verworfen, denn gerade zählt auch im Rap nicht das Gegen-, sondern das Miteinander, nur eben mit etwas mehr Abstand. Um diese Idee zu verbalisieren hat man sich entschlossen, einen eigenen Song zu produzieren, auf dem jeder der Teilnehmenden seinen eigenen Part auf den gleichen Beat rappt. Mit dabei sind das Soundcheck Studio des Jugendhilfswerk Freiburg e.V., das Musikmobil Soundtruck des Stadtjugendausschuss Karlsruhe e.V., das Cann Jugendhaus-Studio der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH und das Juke-St. Nepomuk in Kehl.

Ende August soll der Song veröffentlicht werden

Dank seiner achtjährigen Arbeitszeit in Freiburg hatte Sozialarbeiter David Ratzel, alias MC Colossus, noch genügend Kontakte in den Jugendbereich als auch in die Hip-Hop-Szene, die er mit seiner Begeisterung anstecken konnte. Darunter auch die Snowgoons, altbekannte Größen der deutschen Raplandschaf, die auch für Hip-Hop-Größen wie Onyx Beats produzieren. "Bei DJ Illegal bin ich schon so mit 18, 19 im Plattenladen in Karlsruhe abgehangen", sagt David.

Die Karlsruher sind zu Coronazeiten mit einem karitativen Projekt am Start, bei dem sie Krankenhäuser und Pflegeheime mit Mund-Nasen-Masken unterstützen. Hier schlägt das Herz eben nicht nur für die Musik. Umso schöner, dass man die alten Verbindungen jetzt nutzen kann, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Die Snowgoons liefern den Beat, die jungen Rapperinnen und Rapper die Zeilen und Ende August wird das fertige Werk auf den gängigen Plattformen veröffentlicht.

Man hofft auf ordentlich Klicks, nicht nur für den Fame, sondern auch, weil alle Erlöse dem Projekt der Snowgoons zugute kommen. Hip-Hop ist eben oft mehr als Bling Bling und hat schon immer verschiedenste Menschen auf unterschiedlichen Ebenen zusammengebracht.
MC Colossus: Instagram & Facebook

Strukturen der Jugendzentren nutzen

Das merkt man auch, wenn man mit den Teilnehmenden spricht. Von den elf Personen – zehn Männer und mit Rapperin und Projektleiterin Hennesy auch einer Frau – kannten sich vor dem Projekt nur die wenigsten. Vernetzt über die Plattform Discord, quasi zu der Zeit das "digitale Jugendzentrum", kam es zum ersten Austausch, einem Kennenlernen der verschiedenen Persönlichkeiten und Rapstile und Arten des Aufnehmens.

Während die einen im selbstzusammengekauften Heimstudio an den Texten feilten, nutzen andere die Strukturen der Jugendzentren vor Ort. Denn immer öfter bietet sich jungen Menschen die Möglichkeit, sich in eigenen Tonstudios auszuprobieren. Klar, dass da jeder seinen eigenen Stil mitbringt, der schlussendliche Song wird "viele Nuancen" haben und das Projekt zu etwas Einzigartigem machen.



Einige Jahre Rap-Erfahrung kommen zusammen

Denn in den Jahren vorher gab es zwar immer wieder Stadtsampler, also Platten, auf denen sich mehrere Local Heroes verewigen konnten, doch aus – für David Ratzel unerfindlichen Gründen – wurden derlei Versuche meistens belächelt und nicht sehr ernst genommen. Das soll jetzt anders werden, denn so ein "Projekt hat es bis heute noch nicht gegeben!"

Die Teilnehmenden wurden teils von ihnen bekannten Jugendarbeiten angeschrieben, teils direkt angesprochen. Mit dem Durchschnittsalter irgendwo um die Mitte Zwanzig sind sie zwar alle keine alten Hasen, haben aber alle schon einige Jahre an Rapererfahrung in petto.

"Rausfinden, was geht, was nicht." N4ture
Jonathan Klepser aus Ludwigsburg, alias Nathan, hat erstes mal 2018 bei Jamit Rapcontest mitgemacht, da auch Projektteilnehmer N4ture kennengelernt. Er arbeitet bei einem Verein, der Jugendlichen, die auf die schiefe Bahn abgerutscht sind, die Möglichkeit gibt, Songs aufzunehmen. "Da kommen alle möglichen Leute, die dort ihre Lieder aufnehmen, auch Menschen aus Peru, Uganda." Musik verbindet eben.

Der erwähnte N4ture hat die pandemiebedingte Auszeit genutzt, um die Nische "Internet Battle Rap" für sich weiter zu erkunden. Das allgemein gesellschaftliche Runterfahren hat ihm die Gelegenheit, gegeben, um einfach Spaß zu haben und an Fähigkeiten zu feilen. "Rausfinden, was geht, was nicht." Rapper Razors Bereich ist Conscious Rap und Storytelling, "Ich rappe gerne mit Themen." Die Pandemie hat ihm neuen Input gegeben, den er demnächst in neuen Song verarbeiten wird. N4ture hat während der erzwungenen Ruhephase die Nische Internet-Battlerap für sich entdeckt.
Mehr Infos zum Projekt: Get Connected – Stay United

Besonderer Stand als Rapperin und Projektleiterin

Die drei tauschen sich mittlerweile regelmäßig aus: "Wir zeigen uns gegenseitig unsere Musik und geben unsere Meinung ab, supporten uns." Hier zieht sie also nicht, die klassische "Egoschiene", die Hennessy bei Rappern oft auffällt. Als einzige weibliche Teilnehmerin hat sie keinen schweren, aber trotzdem einen besonderen Stand, auch durch ihre Rolle als Projektleiterin. In ihren Songs will sie ein Gefühl dafür vermitteln, was sie erlebt hat und ihre Erfahrungen mit anderen teilen.

Austausch, aufeinander einlassen und zuhören, das sind zentrale Themen, die ganz nebenbei bei der gemeinsamen Zusammenarbeit vermittelt werden. Kontakt statt Competition. "Da lernt man auch von den anderen." Um in ihren Texten und dem Auftreten authentisch zu wirken und das charakteristisch Persönliche zu behalten, verzichten alle Teilnehmenden auf Hilfe beim Texten. Real soll es bleiben, "das bin dann auch ich!". So wird der Song zu einem bunten Prisma aus Stimmen, Emotionen und Meinungen. De pluribus unum.

Langfristig werden vielleicht neue Kollaborationen entstehen, die städteübergreifend Früchte tragen werden. "War auch nicht immer so, dass sich Rapper unterstützen. Es wäre toll, wenn sich eine Kultur entwickelt, wo man gegenseitig in den Städten auftritt und kollaboriert!" Da sind sich alle einig. "Würde ich auch jeden Fall feiern!", meint Nathan. Auch deswegen soll die Vernetzung über die Plattform Discord in Zukunft bestehen bleiben, stay united in Reinform.

Und selbst wenn eine Releaseparty aufgrund der aktuellen Situation erstmal nicht in Sicht ist, so gibt es mit der Ankündigung für ein Video schon den nächsten Lichtblick am Hip-Hop-Horizont. Ein Graffitikünstler wird den Song im Zeitraffer untermalen. Damit wird das Projekt auch außerhalb der Streaming-Plattformen sichtbar und "setzt ein Zeichen. Hier sind wir! Wir sind die Jugendlichen und machen was Produktives! Auch für die alteingesessenen Rapper: hört auf zu motzen, macht mal."