Kulturgesichter 0761

Ein hartes Jahr ohne Arbeit: Wie es Kulturschaffenden aus Freiburg geht

Freiburger Kulturschaffende machen am Samstag mit einer Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge auf ihre dramatische Situation aufmerksam. Fünf von ihnen machen Kassensturz.

Am 13. März 2020 wurde es still. Da erging der allgemeine Erlass der Stadt Freiburg, dass aufgrund der steigenden Corona-Fälle alle Konzerte, Veranstaltungen und Partys sofort abgesagt werden müssen. Kein ZMF, keine Sea You, kein Theater, keine großen und kleinen Konzerte. Und keine Einnahmen für alle, die in der Kulturbranche arbeiten. Viele verloren ihren Job, warteten in Kurzarbeit oder beziehen Hartz IV. Sofort- und Überbrückungshilfen kamen weder schnell noch unbürokratisch. Ein Jahr ist das jetzt her – und die Kulturschaffenden hängen weiter in der Luft. Mit der Aktion "Kulturgesichter 0761/ Ohne uns ist’s still" und der dazugehörigen Plakataktion machten Musikerinnen, Künstler, Tontechniker und Veranstalterinnen bereits im November auf sich aufmerksam.

Am Samstag findet auf dem Platz der Alten Synagoge von 14 bis 16 Uhr eine coronakonforme Kundgebung statt. Die Kulturschaffenden wollen von Bevölkerung und Politik gesehen und gehört werden, um ihre Forderungen zu verbreiten. "Kultur ist unser Leben, und wir benötigen eine Perspektive. Gleichzeitig bieten wir Lösungen an, wie Veranstaltungen in- und outdoor wieder möglich sind", so Alexander Hässler, Initiator des Projekts. "Wir wollen zeigen, dass wir die Profis sind und sichere Veranstaltungen jedweder Art durchführen können." Die BZ hat fünf Betroffene nach Finanzen und Perspektiven gefragt.

Bela Gurath, Festival-Veranstalter


"Ein Sea-You-Festival mit 40.000 Menschen wird im Sommer nicht laufen. Mit den Impfungen hinken wir so was von hinterher, das frustriert mich. Wann kommt die Politik aus dem Quark? Die Sea You ist dann zwei Mal hintereinander ausgefallen, das Worst-Case-Szenario für mich. Aber wir haben von Anfang an mit einem Zwei-Jahres-Plan kalkuliert. Es ist eines der teuersten Festivals in dieser Region: Allein 2020 mit einem Volumen von 3,5 Millionen Euro. Durch den ersten Ausfall haben wir eine halbe Million Euro verloren. Zuletzt konnten wir auf Förderprogramme zurückgreifen, aber der finanzielle Schaden liegt im sechsstelligen Bereich. Meine Mitarbeiter sind zu 100 Prozent in Kurzarbeit, ich schule sie zwischendurch. Das zahle ich aus meiner eigenen Tasche. Wir arbeiten an neuen Konzepten und planen im Spätsommer das "Back-to-live"-Festival an zwei Wochenenden mit weniger Menschen. Dafür habe ich ein solides Hygiene- und Testkonzept entwickelt, wir könnten die Leute vorher durchtesten, wenn gewünscht. Mit Vertretern der Stadt und Ortschaftsräten habe ich gesprochen. Jetzt heißt es für uns mal wieder: warten auf die Politik. Ich wünsche mir mehr vorausschauendes Planen und alternative Strategien. Wenn wir so arbeiten würden, wären wir längst insolvent."

Betty BBQ, Dragqueen und Entertainerin


"Ende November war für mich einer der schlimmsten Momente in der Pandemie. Da musste ich meinem Manager, dem einzigen, der von meinen vorher zehn Angestellten noch da war, auch kündigen. Es ging einfach nicht mehr. Von mehr als 300 Terminen in normalen Jahren ist nicht viel geblieben. Zuletzt habe ich rund 50 Absagen zur Fasnet kassiert. Stadtführungen, Kneipentouren und Auftritte konnten nicht stattfinden – und wenn doch, wie im Sommer, dann mit fast 90 Prozent weniger Besuchern als zuvor. Auch finanziell sieht es düster aus. Ich bekomme Hartz IV und musste mich kürzlich noch verschulden, weil die November- und Dezemberhilfen so lange auf sich warten lassen. Um etwas dazuzuverdienen, habe ich den Sommer über in der Gastronomie gejobbt. Was mir Mut macht: Dass die Freiburger sich freuen, wenn sie mir begegnen. Ich symbolisiere für manche wohl ein Stück Normalität."

Gesine Bänfer, Musikerin und Label-Inhaberin


"Die finanzielle Situation ist dramatisch. Aktuell leben mein Mann und ich von den Ersparnissen, die für unsere Altersvorsorge gedacht waren. Wir haben vier Kinder, zwei davon noch in der Ausbildung. Mir fehlt etwa 70 Prozent meines Einkommens. Im vergangenen März habe ich Soforthilfe bekommen, bei den anderen Corona-Hilfen bin ich durchs Raster gefallen. Ich hatte bisher drei finanzielle Standbeine: Live-Konzerte im In- und Ausland, CD-Verkäufe nach Konzerten mit meinem eigenen Label sowie Privatunterricht mit Kindern. Konzerte und CD-Verkäufe sind komplett weggebrochen, im Privatunterricht ist kein Gruppenunterricht mehr möglich und viele Eltern möchten für ihre Kinder keinen Online-Unterricht. Konzerte, die vom letzten Jahr auf dieses Jahr verschoben wurden, sind bereits abgesagt, neue Buchungen gibt es wegen der Planungsunsicherheit keine. Ausblick und Perspektive haben bei mir ein großes Fragezeichen."

Ralph Küker, selbstständiger Musiker


"Bei mir hagelte es schon Ende Februar, Anfang März 2020 die ersten Absagen. Normalerweise spiele ich als Gitarrist 90 Gigs pro Jahr, im letzten waren es acht. Trotzdem habe ich Glück, weil ich noch Online-Musikunterricht geben kann. Das sind aktuell meine einzigen Einnahmen, denn auch meinen Nebenjob als Ton- und Lichttechniker im Vorderhaus kann ich nicht ausüben. Etwa 10.000 Euro habe ich 2020 verdient, im Verhältnis geht es mir noch gut. Ich kenne Leute, die Geld von ihren Eltern leihen müssen. Corona-Hilfen haben bei mir nicht gegriffen, unter anderem, weil ich 2019 in Elternzeit war, das Elterngeld aber nicht stellvertretend für meine Einnahmen gewertet wurde. Neben der finanziellen Belastung ist auch die emotionale hoch: Wir lieben, was wir tun. Es ist nicht nur unser Job, sondern unsere Leidenschaft. Es schlägt aufs Gemüt, dass nicht absehbar ist, wann es wie weitergeht."

Claudia Handke, Agentur-Inhaberin


"Das letzte Jahr war herausfordernd und hat uns zugesetzt. Ich hatte selten so viele schlaflose Nächte. Sport und die Fähigkeit, Dinge auszublenden, haben mir durch die schwierigen Zeiten geholfen. Wir hatten im vergangenen Jahr erhebliche Einbrüche, etwa 50 Prozent weniger Aufträge. Im Herbst vor dem harten Lockdown war es am schlimmsten, das war einfach nur ernüchternd. Kurz vor Weihnachten haben wir das Überbrückungsgeld II bekommen, das war gut. Unsere Branche hat quasi seit einem Jahr Berufsverbot, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe mit meinem Team die Zeit genutzt und neue Konzepte entwickelt, außerdem habe ich mich zur Krisenmanagerin ausbilden lassen. Ich kann mich und andere gut motivieren, das hat meine Agentur gerettet. Aktuell bin ich ganz happy, weil es wieder etwas aufwärts geht."

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