Ein Abend im Fan-Pulk zu Füßen des Mann am Klavier

Carolin Buchheim

Freitag Abend in der Rothaus Arena, Udo Jürgens-Konzert: Die Pause ist vorbei, die ersten Töne von 'Vielen Dank für die Blumen' erklingen gerade, da stürmt ein riesiger Pulk größtenteils weiblicher, blonder Fans aller Altersstufen nach vorne an die Bühne. Pech für alle, die die teuren Karten der ersten Preiskategorie in den ersten Reihen gekauft hatten. Aber: Eigentlich sind sie selbst schuld, denn der Fan-Sturm an die Bühne gehört zu den Konzerten von Udo Jürgens genauso dazu wie der Kampf um das Einstecktuch und das Bademantel-Finale. fudder-Autorin Caro war mittendrin statt nur dabei.



Freitag Abend versuchte ich eine ganze Weile lang, einen Vergleich zu finden, der einigermaßen treffend beschreibt, wie ein Udo Jürgens-Konzert eigentlich ist.

Während ich zu Beginn der zweiten Hälfte des Konzerts in der Rothaus-Arena mitten im Fan-Pulk vor der Bühne stand, und mit gerade gemachten Bekanntschaften hemmungslos und textsicher 'Ich war noch niemals in New York' sang, da dachte ich so zu mir "Na, so viel anders als bei Robbie Williams ist das hier auch nicht!"
Es war zwar der erste Vergleich, der mir in den Sinn kam, aber bei genauerem Nachdenken kein sonderlich Guter, denn wenn Robbie Williams auf der Bühne steht und grinsend sein Publikum mit den Worten "You're the best crowd I've ever performed for!" lobt, dann weiß man genau, dass der arme Kerl das nicht wirklich meint, sondern dieser Satz zugleich Popstar-Zynismus in reinster Form und Tribut an die Rolle des Entertainers ist.

Auch Udo Jürgens war Freitag Abend voll des Lobes für sein Freiburger Publikum und die Rothaus-Arena, und obwohl er sicher an jedem Abend seiner nunmehr 20. Tour seinem Publikum ähnlich gefällige Worte findet, war da kein Hauch von Ironie, keine Spur von Zynismus, keine Müdigkeit und keine Abneigung gegen das eigene Entertainer-Dasein.

Auf der Bühne der Rothaus-Arena, vor einer altmodisch-pixeligen Videowand, sass der attraktivste 72-jährige, den ich je gesehen habe, an seinem Flügel, und schien seinen Auftritt absolut zu geniessen.
Und das nach 40 Jahren auf den Bühnen dieses Landes. Nein, wie bei Robbie Williams war es nicht.



"In allen Dingen lebt ein Lied für Dich," begann Udo Jürgens seine Show, "Da war vieles das ich sang, Weltenschmerz und Sturm und Drang, hab abgerechnet, angeklagt, und kannte kein Tabu, doch wofür ich auch Worte fand, ob Frieden, Freiheit, Vaterland, kein Grund war je so wesentlich, so wesentlich wie Du" und kommentierte so schon gleich sein Werks und das Konzert, das das Publikum in der vollen, aber bei weitem nicht ausverkauften Rothaus-Arena erwarten sollte.

In den folgenden 2 1/2 Stunden (!) sollte es Weltschmerz ('Fünf Minuten vor Zwölf'), Sozialkritik ('Die Leute'), Sturm-und-Drang- Chauvinismus der reinsten Udo-Sorte ('Die Frauen' sowie nicht sonderliche elegantes Scharwenzeln um Background-Sängerinnen und Instrumentalistinnen) aber vorallem natürlich seine schmissigen Liebeslieder und Hits geben. Inklusive Mitsingen, aber klar doch.

Für alle, die noch nie selbst da waren: Udo Jürgens-Konzerte funktionieren wie folgt:
Die erste Hälfte des ersten Teils dient der Vorstellung des Orchesters, der Kontaktaufnahme mit dem Publikum (bei der Udo übrigens auf ekstatische "Udo! Udo!"- -Schreie mit "Oh, ich hatte schon befürchtete, Du seist heute nicht da!" reagiert), und der Promo der Songs der aktuellen CD, denn so verlässlich wie Udo Jürgens tourt, veröffentlicht er auch.
Leider sind seine Platten im Gegensatz zu seinen Konzerten schon mindestens seit den späten Achtzigern, genauergesagt seit 'Ohne Maske' von 1989 mit dem großartigen und total unterbewerteten 'In den Armen der Nacht', und mit Ausnahme der Live-Platten, nurmehr schwer genießbar, da irgendwer in der Produktion dieser CDs einen Hang zu vielen billigen Synthie-Drum-Sounds, hat. Das ist leider gar nicht schön, aber während diesem Teil des Konzerts relativ egal, denn live und zur Einstimmung sind selbst diese neuen Songs irgendwie nett.

In der zweiten Hälfte des ersten Teils werden ein paar mittel-große, mittel-alte Hits wie das schon erwähnte 'Fünf Minuten vor Zwölf' unter die neuen Songs gemischt, bevor der erste Teil des Konzerts mit dem Versprechen von mehr Hits nach der Pause endet; Ein Versprechen, das  mit 'Was wichtig ist', einem der wenigen Knaller-Songs aus dem Spätwerk (2000), besiegelt wird, herrlich rührend umgetextet zu "Was wichtig ist, begreift man oft zu spät ,weil man es nicht mit dem Verstand versteht. Ich weiß nicht, ob ich Euch zurückgewinn', ich weiß nur ganz tief in mir drin', was immer ich auch denke oder tu': Was wichtig ist, was wirklich wichtig ist, das seid Ihr!"

Bei diesem Song gibt es dann Standing Ovations, ja, genau, mitten im Konzert, quasi. Schön ist das.

Dann folgt die Pause. Diese wird vom Publikum zum Sekt trinken genutzt, zum in-Erinnerungen-an-vergangene-Tourneen-schwelgen und zum Kauf von Merchandise, denn natürlich gibt es auch bei Udo Jürgens im Jahr 2006 nicht nur Programmhefte und CDs, sondern auch Buttons, Longsleeves und Girlie-Shirts, auf denen das Tournee-Thema 'Jetzt oder nie' doch sehr, äh, neckisch wirkt.



Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem Udo Jürgens, mittlerweile in seinen legendären Bademantel gehüllt, das rote Einstecktuch in die Menge wirft, das den Abend über in der Tasche seines Smokings gesteckt hat.
Auf dieses Tuch werfen sich die Damen im Fan-Pulk mit einem solchen Enthusiasmus, das man aus ein paar Reihen Entfernung meint, das Geräusch von aufeinandertreffenden Krallen zun hören und, wie im Comic, kleine rote Stoff-Fetzen über ihren Köpfen sehen zu müssen. Ähnliche Szenen habe ich in Freiburg zuletzt beim Sugarplum Fairy-Konzert im Jazzhaus gesehen; bei Tokio Hotel sollte es wohl nicht großartig anders gewesen sein.

Und während Udo Jürgens am Ende des Konzerts im Bademantel vom Flügel aufstand, seine vielen Blumen einsammelte, sich das Seiden-Jackett über den Arm legte, sich ein letztes Mal verbeugte und dann von der Bühne ging, da wurde mir klar, dass es eigentlich gar keinen Vergleich geben kann, der jemandem, der noch nie da war, einen Anhaltspunkt liefern kann, wie ein Udo Jürgens-Konzert denn nun ist.

Es ist einfach ein Udo Jürgens-Konzert.
Absolut einmalig und wunderbar und gross.

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