Schule und Corona

Drei Referendarinnen berichten über ihr Schulhalbjahr mit Covid-19-Maßnahmen

Lisa Göllert

Von einem auf den anderen Tag hieß es für die Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg, von normalem auf digitalen Unterricht umzustellen. Für angehende Lehrkräfte eine große Herausforderung. Drei Erfahrungsberichte.

Sie hatten genau einen Schultag, um ihren Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie der Unterricht trotz Corona weitergehen wird. Denn am Freitag, 13. März, verkündete das Kultusministerium Baden-Württemberg, dass ab Dienstag der folgenden Woche erstmal niemand mehr zum Lernen in die Schule kommen darf. Zum Schutz vor der Ansteckung mit Covid-19.


"Das war total krass mit der Schulschließung. An dem Freitag saß ich mit der Schulleitung und den Kollegen zusammen und wir haben die Pressekonferenz im Live-Stream geschaut. Das war spannender als jede Wahl", beschreibt Anna Reich, 26 und Lehramtsanwärterin, die ihr Referendariat an einer Grund- und Werkrealschule im Kreis Ortenau bis Ende Juli gemacht hat.

"Seit dem zweiten Weltkrieg gab es keine Schulschließung mehr." Anna Reich
"Erst zu dem Zeitpunkt, in dem die Öffentlichkeit von der Schulschließung gehört hat, haben wir es auch erst gehört. Und dann war klar, dass es heute der letzte Tag sein wird, an dem die Schule offen ist. Alle waren total verwirrt", so Franziska Neumann, 26, seit diesem Januar Referendarin an einem Gymnasium im Kreis Sigmaringen. Für Franziska wäre einen Tag nach Schulschließung ihr erster Unterrichtsbesuch gewesen, für die angehende Grundschullehrerin Talitha Schmidt in Freiburg sogar ihre erste benotete Lehrprobe. "Am Anfang war es noch wie Corona-Ferien. Ich war da noch total optimistisch und dachte, dass es danach wieder schnell weitergeht", beschreibt die 27-jährige Talitha.

Online-Schule bis Pfingsten

Weiter ging es bis Pfingsten für die meisten aber nur online per Fernunterricht. Arbeitsblätter und Aufgaben wurden per Mail verschickt, auf der Homepage oder – wie an Talithas Grundschule – in die schuleigene Cloud hochgeladen. Mit Eltern und Schülern wurden Telefonate geführt, dutzende Mails geschrieben. Von einigen Schülerinnen und Schülern hörte man wochenlang nichts. "Es war super schwer, die zu greifen, wenn niemand auf die Mails antwortet", so Anna.
"Zuhause ist für viele Kinder eben Zuhause und kein Lernort." Talitha Schmidt
Für viele Lehrkräfte war dies mit mehr Arbeitsaufwand verbunden. "Irgendwann habe ich angefangen, Besuche zu machen, dass ich ans Gartentor gekommen bin und den Kindern zugewunken und ihr Material ausgetauscht habe", so die angehende Grundschullehrerin Talitha. An Franziskas und Annas Schulen gab es im Frühjahr noch keine nutzbare digitale Lernplattform. "Man darf ja auch nicht vergessen, dass es nicht nur um die Endgeräte, sondern auch um das Internet geht und auf dem Land ist nicht flächendeckend gutes Internet", so Franziska.

Die Lernbilanz fällt insgesamt eher gemischt aus, vor allem in den Nebenfächern. "Die Inhalte konnten wir nicht so durchbringen wie in einem normalen Schuljahr. Ich hoffe, dass wir kein Kind verloren haben, aber es gibt bestimmt Kinder, denen hat der Fernunterricht nicht gut getan", sagt Talitha. Ähnliches erlebte auch Anna: "Nicht alle Schüler haben so Rückhalt von Zuhause. Corona hat die soziale Schere auf jeden Fall noch weiter aufgehen lassen."
Im Vorfeld der Recherche für diesen Artikel wurden knapp 15 angehende Lehrkräfte oder bereits im Berufsleben stehende Lehrkräfte persönlich von der Redaktion für ein Interview kontaktiert. Die große Mehrheit wollte sich nur anonymisiert äußern. Häufiger Grund war, dass sie die politischen Maßnahmen der Landesregierung, die eigene Schule, die Schülerschaft oder das Kollegium öffentlich nicht kritisieren wollen.

Referendariat per Fernunterricht?

Die drei angehenden Lehrerinnen mussten im letzten Halbjahr flexibel bleiben. Vor allem für Franziska bedeutete Corona eine unerwartete Pause und weniger eigene Lehrerfahrungen, obwohl sie im nächsten Schulhalbjahr eigene Klassen übernehmen muss. "Ich war ab und zu bei Online-Konferenzen dabei. Das hat jede Schule und jeder Lehrer individuell geregelt. Aber selbst online unterrichten durfte ich nicht. Im Rückblick würde ich mir schon wünschen, dass ich mehr online Lehrerfahrung hätte sammeln können. Gleichzeitig denke ich, da es so eine neue Situation war, wollte ich auch nicht zu aufdringlich sein."

"Eigentlich kann man aktuell nichts planen." Franziska Neumann
Talitha und Anna wussten wochenlang nicht, ob sie planmäßig ihr Referendariat abschließen können. Die Lehrproben am Ende jedes Referendariats fanden für sie dann nur mit den Prüfern und ohne die Schüler statt. "Von Vorteil war auf jeden Fall, dass wir mehr Vorbereitungszeit hatten. Bei der ein oder anderen Sache denke ich aber schon, dass es besser gelaufen wäre, hätte ich die Stunde mit den Kindern gehalten," sagt Talitha.

Vor allem Franziska fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet für das nächste Schuljahr. Sie hätte sich klarere Vorgaben von der Politik gewünscht. "So oft haben wir Mails bekommen, dass sie selbst nicht wüssten, wie es weitergehe. Das kam mir vor wie ein Verantwortungsentzug, denn wir sollten ja dann alles selbst entscheiden. Es wurde an Schüler gedacht, aber für die neu angefangenen Referendare kam gar nichts."

Nächstes Schuljahr: Alles offen

Während Franzi weiter ihr Referendariat macht, werden Anna und Talitha anfangen, als Lehrerinnen zu arbeiten. Was sie alle eint, ist, dass keine von ihnen weiß, wie das nächste Schuljahr genau laufen wird und ob es wieder zu Fernunterricht kommt. "Ich hoffe, dass das nächste Schuljahr nicht so verkorkst wird und ich die Schüler auch richtig kennenlernen kann", so Anna.

Trotz aller Bedenken sind die drei positiv, vor allem Franziska: "Was bringt das, wenn wir jetzt den Kopf in den Sand setzen. Wir sind alle überfordert, aber vielleicht können wir diese Zeit jetzt auch für Veränderung nutzen." Mit einem sind sie sich aber sicher, so Talitha: Schule wird nie nur zuhause stattfinden können. "Den Kindern hat die Schule total gefehlt und uns auch."

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