Corona-Krise

Drei Beispiele: Wie es Künstlerinnen und Künstlern aus Freiburg geht

Jennifer Fuchs

Wie verändert der neue Alltag die Berufsbedingungen und das Leben von freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern? fudder-Autorin Jennifer Fuchs hat bei den Freiburger Kunstschaffenden Eva-Maria Übelhör, Paul Ahl und Max Siebenhaar nachgefragt.

Welche Veränderungen sind mit der Corona-Krise für euch eingetreten?

Paul Ahl: Durch die aktuelle Lage wurden alle meine bisher geplanten Ausstellungen abgesagt oder auf ungewisse Zeit verschoben. Mir fehlt der Austausch mit anderen Künstlern und mit Betrachtern meiner Arbeiten. Resonanz ist für mich und meinen Schaffensprozess aber sehr wichtig. Oft ist meine Inspirationsquelle die urbane Umgebung und das urbane Leben, wie in der Serie "Umverpackung", in der ich mit Verpackungsmaterial arbeite. Aus dieser Quelle kann ich gerade nur bedingt schöpfen.

Eva-Maria Übelhör: Wie für viele Andere auch, kamen neben den sozialen Einschränkungen auch finanzielle Unsicherheiten mit der Corona-Krise. Minijob weg, Honoraraufträge teilweise weggebrochen oder noch immer in der Schwebe. Eine Ausstellung, die mir sehr wichtig war, musste gecancelt werden.
Aber das Atelier ist Corona-freie Zone. Theoretisch könnte da einfach alles unbeirrt weiter gehen. Leider fehlt mir oft die innere Ruhe, um intensiv zu Arbeiten. Stattdessen habe ich in den letzten Wochen viel
Liegengebliebenes weggearbeitet.

Max Siebenhaar: Rein arbeitstechnisch sind für mich nicht viele Veränderungen eingetreten, als selbstständiger, freischaffender Künstler und Handwerker bin ich es gewohnt, oft für eine gewisse Zeit nicht zu arbeiten. Das resultiert aus der Tatsache, dass ich regulär für längere Zeit in einem Projekt beschäftigt bin und dann von dem Lohn einige Wochen leben kann. Auf politischer Ebene jedoch verändert sich das Bild der Situation stark, denn mir fällt es schwer, die divergierenden Meinungen nachzuvollziehen und mich zeitgleich zu positionieren. Die Beweggründe politischer Zusammenschlüsse wirklich zu verstehen und deren Programme einzuordnen, scheint mir quasi unmöglich ohne, dass man sehr viel Zeit in die genaue Recherche investiert. Ich beobachte Missverständnisse durch die Aneignung sich ähnelnder Parolen von antagonistischen politischen Gruppierungen. Ebenso wie durch das Auftreten von Infiltratoren auf Demonstrationen.

"Leider fehlt mir oft die innere Ruhe, um intensiv zu Arbeiten." Eva-Maria Übelhör

Wie geht es euch damit?

Max Siebenhaar: Am meisten fehlen mir gerade die spontanen Kontakte und das gesellige Miteinander in Cafés, Kneipen, Bars und Clubs. Auch akzeptieren zu müssen, dass jegliche kulturelle Einrichtung vorerst geschlossen ist, inklusive unseres Kulturraums "DELPHI_space". Keine der geplanten Aktionen ausführen zu können und alles nur noch für "die Zeit danach" zu planen, ist ganz schön frustrierend und dennoch entstehen gerade jetzt tolle solidarische Projekte, die mir umso mehr zeigen, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein. Ich hoffe, dass die Leute ihre Freunde trotz der Sonderregelungen nicht aus den Augen verlieren und man sich gegenseitig mit aufmunternden Aktionen unterstützt, wenn die Motivation sinkt. Ein gemütliches Abendessen kann wahre Wunder bewirken.

Paul Ahl: Ich verspüre allgemein eine zunehmende Unausgeglichenheit und Unzufriedenheit, durch die lange Distanzphase zu meinen engen Freundinnen, Freunden und den Menschen im allgemeinen. Diese Stimmung nehme ich dann natürlich auch mit ins Atelier. In meinem künstlerischen Tun arbeite ich gern auf eine konkrete Ausstellung hin, das fehlt mir jetzt.

Eva-Maria Übelhör: An finanzielle Unsicherheiten und "Schmalspurprogramme" habe ich mich in den letzten Jahren gewöhnt. Nicht gerade in einem solchen Ausmaß wie momentan. Trotzdem, meiner Erfahrung nach, geht es am Ende doch immer irgendwie.

"Sich wirklich nur noch der künstlerischen Arbeit widmen zu können und Martin Horn bringt mir morgens das Frühstück ans Bett." Max Siebenhaar

Konntet ihr staatliche Unterstützung wie zum Beispiel Soforthilfe beantragen?

Eva-Maria Übelhör: Ja, ich habe Soforthilfe beantragt und auch bekommen. Es war auch tatsächlich eine Sofort(!)Hilfe.

Max Siebenhaar: Ja, ich konnte auch Soforthilfe beantragen.

Paul Ahl: Mehrere Künstler in meinem Umfeld haben es beantragt. Das Ergebnis der Anträge ist noch offen.

Wie seht ihr eure Zukunft nach der Coronazeit?

Paul Ahl: Ich sehe der kommenden Zeit im Moment natürlich etwas ungewiss entgegen, aber das ist nicht das erste Mal. Als Künstler ergeben sich einem ohnehin oft offene Fragen und Unsicherheiten. Ich hoffe, dass ich meine Arbeiten bald wieder öffentlich zeigen kann.

Eva-Maria Übelhör: Ich frage mich, ob wir es merken werden, wenn die Nach-Corona-Zeit beginnt und wenn ja, woran? Im Moment sieht es ja so aus, als ob sich die Lage entschärft. Aber das führt leider nicht unbedingt zu mehr Entspannung, sondern auch zu neuen Regeln und Anforderungen. Meine Sorge ist, dass wir etwas ganz Wesentliches übersehen. Das Virus ist, genau wie wir, das Leben und der Tod, Teil dieser Welt. Entscheidend im Hinblick auf die Zukunft ist meines Erachtens, was wir in der jetzigen Situation lernen und welche Schlüsse wir daraus ziehen. Ich glaube, da sind auch wir Künstler gefragt. Noch nie war mir so klar, wie enorm wichtig die Kunst für die Gesellschaft und einen kollektiven Lernprozess ist und sein könnte. Die Kunst fragt nicht nach nur einer Wahrheit. Im Gegenteil, sie zeigt uns, das Gegensätze und Widersprüche annehmbar sind. Sie fördert integrierendes Denken, Fühlen und Handeln. Ich glaube, das würde uns in jeder Krise helfen, über uns hinauszuwachsen.

Max Siebenhaar: Vermutlich wird sich unser Verhalten nach der Coronazeit den politischen Entscheidungen anpassen. Ich denke kaum an einen Beschluss, der von heute auf morgen wieder alles in den gewohnten Zustand zurückversetzt. Angenommen, es würde sich schlagartig wieder in den Normalzustand umwandeln, gehe ich von einem ziemlich exzessiven Verhalten aus, dessen Ausmaße sich jeder ausmalen kann; nach der Ebbe kommt die Flut. Vermutlich haben diese Tage, in denen alle darauf warten, dass wieder mehr Normalität einkehrt, und keiner einem sagen kann, wann dieser Zustand genau erreicht sein wird, auch die Möglichkeit inne, sich über die Frustration hinweg mit positiven Visionen aufzuladen.

"Als Künstler ergeben sich einem ohnehin oft offene Fragen und Unsicherheiten." Paul Ahl

Welche Unterstützung wünscht ihr euch?

Eva-Maria Übelhör: Unterstützung in Form von Anerkennung eben dieser gesellschaftlichen Relevanz von Kunst und Künstler wäre schön.

Max Siebenhaar: Ganz klar: Alte Villa am Waldrand mit großem Garten, bedingungsloses Grundeinkommen, um sich wirklich nur noch der künstlerischen Arbeit widmen zu können und Martin Horn bringt mir morgens das Frühstück ans Bett.

Paul Ahl: Es wäre schön, wenn die Herausforderungen, vor denen wir Kunst- und Kulturschaffende stehen, mehr gesehen werden, jetzt zu dieser Zeit, aber auch allgemein. Es bräuchte dringend mehr bezahlbaren Schaffensraum und ein größeres Angebot an alternativen Ausstellungsmöglichkeiten.
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