Odyssee

Diese Phasen durchlebt man beim Schreiben einer Hausarbeit

Maya Schulz

Über Hausarbeiten wird gerne gejammert – und sie werden auch oft aufgeschoben. Auch fudder-Autorin Maya gehört zur prokastinierenden Fraktion. Welche Phasen sie durchlebt, wenn sie eine Hausarbeit in zehn Stunden schreibt?

Ein Blick auf die Zeit: 13 Uhr 25. Das ist sportlich, denke ich, ja, aber es wurde schon mehr in weniger Zeit geschafft. Die Stunden bis Mitternacht werden ausreichen, um das Thema Hausarbeit wieder einmal hinter mich zu bringen und ein paar Wochen lang nichts mehr damit zu tun zu haben. Nur unter Druck entstehen Diamanten! Eigentlich ist es gut, dass ich diese Hausarbeit so lange vor mir hergeschoben habe, denn mit der richtigen Menge an Zeitdruck und einem Schuss spontaner Kreativität wird sie nun erst recht gut werden. Mein Unterbewusstsein muss es wohl geahnt haben, in der Ruhe liegt eben die Kraft. Ich setze mich an den Küchentisch, klappe den Laptop auf und öffne Word.
Keine Sorge!

Bei diesem Text handelt es sich um eine fiktive Geschichte! Unsere Autorin hat weder ihr Studium noch ihren Uni-Abschluss gefährdet.

"Warum heißt es eigentlich Sprichwort, und nicht Sprichsatz?"

14 Uhr. Gut, viel Zeit ist nicht vergangen, aber ein paar Überschriften stehen schon – so kann es weitergehen. Fast zumindest. So wie ich dasitze, erinnere ich mich selbst an Spongebob in der Folge, in der er versucht, einen Aufsatz zu schreiben. Eine Insta-Story ist es wert, oder? Klar ist das Prokrastination, aber dieser eine Post macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fett. Wer sich dieses Sprichwort wohl ausgedacht hat? Warum kann ich keine Hausarbeit über Sprichwörter schreiben, das wäre viel spannender und mir würden aus dem Stehgreif ein paar Thesen dazu einfallen. Ganz anders als bei meinem eigentlichen Thema: Die Symbolik der Vergänglichkeit in ausgewählten Gedichten von Andreas Gryphius.

Warum heißt es eigentlich Sprichwort, und nicht Sprichsatz? Schließlich sind es ganze Sätze. Missmutig werfe ich einen Blick in den Kühlschrank, der neben Tomatenmark, Butter und ein paar gealterten Karotten nur einen Twix enthält, der mir natürlich sofort ins Auge springt. Er gehört jedoch meinem Mitbewohner und ich habe keine Lust, dass es schon wieder wegen sowas Streit gibt. Ich kehre zurück an den Küchentisch.
18 Uhr – drei Seiten!

15 Uhr. Ein Durchbruch: Der Titel steht! Jetzt ist das Schlimmste geschafft. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich schließlich für "Vergänglichkeit – Leitmotiv oder versteckte Metapher bei Andreas Gryphius" entschieden. Knapp und präzise. Zufrieden betrachte ich die acht Wörter auf meinem Deckblatt. Wenn ich jetzt zähle, wie viele Worte ich in den letzten Stunden geschrieben habe und dann hochrechne, wie lange ich also noch für die 4000 brauche, die meine Hausarbeit lang werden soll, ist das dann Dreisatz? Ich denke an den Twix in Kühlschrank und stelle die Seitenzahlen ein.

17 Uhr. Ich weiß, die meisten Leute sagen, dass man die Einleitung einer Hausarbeit erst ganz zum Schluss schreiben soll, wenn man weiß, was man überhaupt geschrieben hat, um die Einleitung dann direkt "in die richtige Richtung" zu lenken. Aber richtige Könner brauchen das nicht, richtige Könner schreiben die Hausarbeit in einem Rutsch, von vorne bis hinten, die Einleitung zuerst, alles schön chronologisch. Titel und Einleitung stehen also schon mal, und das ist die halbe, wenn nicht sogar die Dreiviertelmiete. Mit knapp einer halben Seite ist die Einleitung zwar ein bisschen mager, aber der Hauptteil soll sich ja schließlich nicht in der Einleitung abspielen. Zufrieden öffne ich Google, um nach ein paar Quellen zu suchen.
"Jetzt habe ich noch 4 Stunden, genauer gesagt 3 Stunden und 59 Minuten, um die Hausarbeit dahin zu befördern, wo sie hingehört, und zwar in den Posteingang meiner Professorin."

18 Uhr. Drei Seiten! Ich habe drei Seiten geschrieben. Deckblatt inklusive, Kleinvieh macht schließlich auch Mist. Ich bin sehr zufrieden mit der Einleitung und auch der Abschnitt über Andreas Gryphius scheint mir gelungen. Außerdem habe ich ein vielversprechendes Buch über Vergänglichkeitsmetaphern im literarisch-analytischen Kontext gefunden. Die paar hundert Seiten sind ganz fix überflogen, schließlich kann ich beinahe jede Information gebrauchen und muss nicht filtern. Es wäre beinahe dumm, sich jetzt keine Pause zu gönnen, schließlich macht jede Pause aus etwas Gutem ein Meisterwerk, sagt man das nicht so?

20 Uhr. Die Pause war, ich gebe zu, länger als sie hätte sein dürfen. Aber erstens kommt alles anders, und zweitens als man denkt, wie hätte ich also ahnen können, dass ausgerechnet heute in der WG unter mir eine Party ist. So habe ich zumindest noch das Grillen mitnehmen können und Abendessen hätte ich ja so oder so gebraucht. Jetzt habe ich noch 4 Stunden, genauer gesagt 3 Stunden und 59 Minuten, um die Hausarbeit dahin zu befördern, wo sie hingehört, und zwar in den Posteingang meiner Professorin. Jetzt beginnt die ernste Phase.

Langsam kommt Verzweiflung auf

Die nächsten Stunden verbringe ich tippend und lesend, auf dem Küchenstuhl hockend. Mit der Zeit hat sich ein unangenehmes Gefühl in meiner Magengrube eingenistet und entweder ist es der nicht ganz durchgegrillte Schaschlik-Spieß aus der WG unter mir, oder es ist die langsam aber sicher aufkommende Verzweiflung. Also gut. Es gibt eine Sache, die alle Experten als ersten Schritt empfehlen, wenn es um den Umgang mit Problemen geht: Ist-Lage akzeptieren. Ich muss der Wahrheit ins Auge blicken: Diese Hausarbeit wird schlecht und mein Ziel wurde soeben von "Einen Uni-Preis für besonders herausragende Hausarbeiten erhalten" auf "Vier gewinnt – einfach bestehen" heruntergestuft. Gut, das macht nichts, selbst Einstein hatte doch nur ne Vier in Mathe, oder wie war das noch?
"Wer hat sich dieses bescheuerte Thema eigentlich ausgedacht?"

21 Uhr 30. Ich werde jetzt alles daran setzten, dass meine Professorin keinen Plagiats-Checker hat, denn was ich inzwischen mache, hätte sich nicht mal Gilderoy Lockhart getraut: Ich kopiere hemmungslos Abschnitte von dubiosen Internetseiten und lasse sie mit dem Online-Translator vom Deutschen ins Englische und wieder zurück ins Deutsche übersetzen, um zu paraphrasieren. Zeichensetzung und Grammatik kommen bei mir gnadenlos zu kurz, aber wenn ich mich richtig erinnere, wird dafür nur eine halbe Note abgezogen und damit kann ich leben. Kurz schießt mir der verlockende Gedanke an einen Ghostwriter durch den Kopf, aber wer könnte mir schon in zweieinhalb Stunden noch helfen? Langsam werde ich ärgerlich. Wer hat sich dieses bescheuerte Thema eigentlich ausgedacht? Jemand, der sich auch nur eine halbe Sekunde lang ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, wie nichtssagend und bedeutungslos dieser Beitrag für das wissenschaftliche Bewusstsein der Menschheit sein würde? Nein, ich war es ja gewesen. Aber Hauptschuldige ist immer noch meine Professorin, denn sie hat das Thema abgenickt. Wenn ich es mir recht überlege, dann trägt die allergrößte Schuld sowieso dieser blöde Andreas Gryphius!

23 Uhr. Meine Augen rasen über den Bildschirm, die vielen rot unterkringelten Wörter ignorierend. 3000 Worte. Ich habe es geschafft, 3000 Worte zusammenzufaseln. Von 3000 ist es nicht mehr weit bis 3500, ein paar "beziehungsweises" hier und einige "darüber hinaus" da, dann noch ein paar Quellen und Fußnoten mehr und schon bin ich bei 4000. Okay, Endspurt. Wild füge ich überall einzelne Worte ein, am besten möglichst lange, denn jedes Zeichen macht den Kohl… ähm, dings… fett, genau. Wütend nehme ich mir den Twix aus dem Kühlschrank und beiße hinein. Entsetzt lösche ich eine Stelle, an der ich verärgert "SCHEISSE" mitten in den Text getippt habe. Sowas darf mir nicht nochmal passieren.

23 Uhr 45. Diese Hausarbeit ist nicht nur mehr schlecht als recht, sie ist von "schlecht" weit entfernt. Sie ist ein Witz. Selbst ein Blinder würde wahrscheinlich auf Anhieb bemerken, dass diese Hausarbeit nicht viel mehr wert ist als das leere Twix-Papier auf dem Küchentisch. Abschicken werde ich sie trotzdem, denn wer bin ich denn, dass ich mir die letzten Stunden umsonst die Arbeit gemacht habe und am Ende nicht mal mehr den Versuch wage? Ich scrolle zum Einleitungssatz. Verdammt, was hab ich mir denn dabei gedacht? So kann ich es nicht stehen lassen. Man soll die Einleitung eben immer erst am Schluss schreiben. 23 Uhr 58. Ich ersetze den ersten Satz durch "In dieser Hausarbeit geht es um die Vergänglichkeit", schreibe schnell eine E-Mail und klicke auf Senden.

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