Wohnen

Diese 7 Phasen eines Umzugs kennt jeder

Christian Engel

Wohnungswechsel macht man im Leben einige mit. Umgebung und Unterstützerkreis sind dabei stets andere – und dennoch läuft jeder Umzug ähnlich ab. Wir haben die 7 Phasen herausgearbeitet.

Phase 1: Frust vs. Euphorie

Der erste Eindruck zählt, auch beim Umzug. Die umziehende Person guckt sich zu Beginn haargenau den Zustand seiner Umzugshelfer an: Sind sie fit? Haben sie gestern Abend gesoffen? Wem von denen vertraue ich meinen Deko-Nähtisch von Oma an? Frustrierend ist es, wenn man sich als Umziehender fragen muss: Wo bleiben die Helfer überhaupt?

Kleine Anekdote aus eigener Erfahrung: Da hat der Schwiegervater am Abend zuvor noch mal nachgefragt, ob denn wirklich genügend Helfer kämen und man hat ganz positiv "ja, ja" ins Telefon gerufen: "Paar Kumpels helfen mit – kräftig, wohlerzogen, zuverlässig." Der Schwiegervater tut erleichtert – und macht am nächsten Morgen große Augen, als die kräftige, wohlerzogene und zuverlässige Truppe zum Umzugsstart noch nicht anwesend ist.

Und auch noch nicht nach der ersten Runde Spülmaschine-Schleppen. Und auch nicht anderthalb Stunden später, als bereits zig nervöse Anrufe an abweisenden Mailboxen abgeprallt sind. Später dann die verkaterten und entschuldigenden Stimmen am Apparat, "Jazzhaus, ein Drink zuviel, bin unterwegs" – und anschließend eine Mithilfe, bei der man sich fragt, wer wen hält: der Katerkumpel die Schrankwand oder die Schrankwand den Katerkumpel.

Der erste Eindruck zählt auch beim Umzugshelfer: Hat der Gastgeber etwa bis vor zehn Minuten gepennt? Sind die Umzugskartons gepackt, die Kommoden ausgeräumt, ist der Kühlschrank abgetaut? Auch da kann direkt schlechte Stimmung entstehen, wenn fünf Umzugshelfer sich die Füße plattstehen und nicht wissen, wo sie in dem Chaos beginnen sollen.

Euphorisch kann der Start aber natürlich auch sein: Der Sprinter steht vor der Tür, die Helfer sind pünktlich und fit, der Gastgeber hat alles vorbereitet, gibt Anweisungen und erhellt mit einer optimistischen Einschätzung die Gemüter der letzten Zweifler: "Drei, vier Stündle, dann simmer durch". Und die Sonne scheint: nicht zu dolle, dass man lieber an einen See fahren würde, aber doch so, dass kein Regen an ihr vorbeikommt, der die billigen Ikeamöbel aufschwemmen könnte.

Phase 2: Verpflegungscheck

Ungemein wichtig für einen euphorischen Start: die Verpflegung. Logo, dass man sich im besten Fall nicht gleich morgens um 9 Uhr zwei Pils reinstellt, sondern den Kasten lieber als Abschluss nach getaner Arbeit freigibt (falls einem der Zustand der Möbel wichtig ist). Aber als Umzugshelfer dennoch immer motivierend zu wissen, dass eine Stärkung und Belohnung vorhanden ist, dass der Umziehende am Ende Pizza bestellen will, dass er am Morgen belegte Brötchen geschmiert, Brezeln bebuttert, Cola und Sprudel besorgt hat – dass hier niemand Hunger leiden muss. So kann’s losgehen.

Phase 3: Eingrooven

Wie war das noch mal? Umzugskartons immer unten halten und nicht an den seitlichen Grifflöchern, weil, hoppla, deswegen: Da purzeln plötzlich die ganzen Klamotten auf den staubigen Asphalt. Strafender Blick vom Umziehenden, aber gut, man muss sich erst wieder eingrooven. Die erste Nachttischschublade knallt gegen das Treppenhausgeländer: Abkleben vergessen. Der erste Finger klemmt zwischen Tischplatte und Türrahmen: niemals außen greifen. Der erste üble Kratzer auf dem Parkettboden der neuen Wohnung: Schrank nie auf der scharfen Kante ziehen. Man erinnert sich plötzlich an all die Umzugsgefahren – und lernt daraus. Die schönste Zeit beginnt, wenn man sich wie ein Möbelpacker fühlt.

Phase 4: Im unendlichen Flow

Diese Phase geht meist mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein einher und mit Sätzen wie: "Jetzt könnten wir auch grad eine Umzugsfirma gründen". Der Bizeps ist in den Stunden zuvor schon kräftig gewachsen, das Vertrauen in sich und seine Umzugsskills ebenso. Jetzt ist man in den Köpfen der Möbelstücke drin, weiß, wie sie ticken und wie man sie anpacken muss. Jetzt kennt man das Treppenhaus, als wäre man in ihm zur Welt gekommen. Man nennt es: Flow.

Wo man einst noch umständlich zu zweit oder gar zu dritt den Schrank durchs Treppenhaus manövrierte, wie diese kleinen Schlepper einen mächtigen Tanker durch den Hafen, fließt man nun wie ein Fluss die Treppen hinauf. Kurven und Kanten werden zu Geraden. Da könnte auch die Nachbarsoma ein Stockwerk runterwollen, die würde man problemlos mit dem Sofa umkurven, ihr im Vorbeigehen noch die Hand reichen, den Einkauf abnehmen und die Lesebrille wieder zurechtbiegen. Es gibt jetzt keine unüberwindbaren Hindernisse mehr.


Auch beim Packen des Sprinters sieht es aus, als wäre man amtierender Tetris-Meister: kein Platz verschenkt, alles auf den Millimeter gestapelt, dennoch mit höchster Sicherheit für die Möbel. Da bleibt jetzt sogar Zeit für ein wenig Blödelei.

Phase 5: Blödelei, flotte Sprüche, kreative Ergüsse

Wir befinden uns jetzt aber dermaßen auf Umzugswolke 7, dass uns niemand mehr was anhaben kann. Klassische Umzugsscherze sehen so aus:
  • Alle Knöpfe im Aufzug drücken, während ein Helfer, eingeklemmt zwischen Kommode und Raufzugrückwand keine Chance mehr zu entfliehen hat, und in jedem Stockwerk hält, bis er oben von den restlichen Umzugshelfern freudig in Empfang genommen wird. Gerne mit Blicken auf nicht vorhandene Armbanduhren und der Frage, wo er denn solange gewesen sei. Hahaha.
  • die Fußmatten der anderen Hausbewohner vertauschen
  • sich in dem im Sprinter liegenden Schrank verstecken und den nächsten Helfer erschrecken
  • dem Umziehenden so ernsthaft wie möglich verklickern, ein Sperrmüllsammler habe eben den vor dem Haus stehenden Esstisch mitgenommen
  • Schokoküsse gegen die Wände der alten Wohnung schmeißen (brutal absurd, wurde mir aber mal so erzählt)
Kreative Ergüsse können sich auch in Witzen äußern. Ich bin absolut kein Witzeerzähler, aber dieser kam mir wie ein Geistesblitz, passt auf: Wie nennt man es, wenn man auf einem Planeten exakt arbeitet? Antwort: Marsarbeit!

Die Helfer haben sich auf die Schenkel geklopft, dass ihnen die teuren Designercouchtische aus den Händen gefallen sind (jedenfalls in meiner Vorstellung, in Wahrheit haben sie müde gelacht). Und da sind wir auch schon in der fatalen Phase 6: Blödelei in Kombination mit Hochmut, langsamer Ungeduld, eintretender Kraftlosigkeit und Hunger = Zeit für Schrammen und Macken.

Phase 6: Zeit für Schrammen und Macken

Die Muskeln zittern nach den zwei Tonnen, die man über den Tag verteilt ungefähr geschleppt haben dürfte. Die Konzentration lässt nach. Und wenn man ganz ehrlich ist, denkt man sich als Umzugshelfer: "Jetzt habe ich schon so viele Möbelstücke macken- und dellenlos durch enge Treppenhäuser und Türrahmen gehievt, jetzt habe ich aber mal einen gut." Das alles noch in der Kombination mit der zuvor angesprochenen Blödelei – und schon schrubbeln Sideboards an der rauen Hauswand, dotzen Bettteile beim Ausladen auf den Beton, reißen Umzugskartonunterböden doch wieder auf.

Nur gut, dass der Umziehende schon längst damit beschäftigt ist, in der neuen Wohnung Möbel von A nach B zu räumen, in der alten Wohnung Lampen abzumontieren und Dübellöcher mit Zahnpasta zu stopfen, nochmals Brötchen zu belegen – jedenfalls: Dass er von alldem erst erfährt, wenn die Umzugshelfer über alle Berge sind und er die aufgebauten Möbel bei Tageslicht betrachtet.

Phase 7: Stolz und Muskelkater

"Brutal, wie viel Zeug man doch hat." Sei es ein winziges Studentenzimmer oder eine kleinere Zwei- oder Dreizimmerbude: Warum sammeln und besitzen wir eigentlich so viel Zeug? Diese Frage wird am Ende mal noch in den Raum geworfen, kurz andiskutiert, irgendeiner berichtet von einer Doku, die er neulich gesehen hat, in der der Minimalist-Protagonist nur 24 Dinge besitzt, einer wird sagen "wie krass", ein anderer "ich hab allein schon 24 T-Shirts", je nach Runde kommt aus einer Ecke ein konsumkritischer Satz, den aber niemand mehr erwidern will, weil jetzt: Pizza! Oder noch die restlichen, angetrockneten Käsebrote – auf jeden Fall eine kühle Belohnung: Bier, Sekt, Joster. Was auch immer.

Man klopft sich auf die Schulter, wünscht dem Umziehenden schöne Tage beim Einrichten ("da ist aber noch ordentlich was zu tun"), zieht von dannen. Und wenn man nicht gerade Unterarme wie Popeye hat, wird man dort spätestens am nächsten Tag ein leichtes Ziehen spüren, einen Muskelkater – der letzte Beweis, dass man was geschafft hat.

Mehr zum Thema: