"Die weibliche Stimme fehlt in der Street-Art": Interview mit Künstlerin Alice Pasquini

Alexander Schumacher

Eine internationale Street-Art-Künstlerin malt auf einem Freiburger Spielplatz: Alice Pasquinis Kunst ziert demnächst eine Wand am Augustinerplatz. Im Interview erklärte uns die Italienerin, warum Street-Art mehr Frauen braucht.



Alice Pasquini ist eine international bekannte Street-Art-Künstlerin – mit 67.000 Facebook-Fans. jetzt gestaltet sie auf dem Augustinerspielplatz ein Mural. Das kulturaggregat, das zur Zeit im leerstehende Atrium am August ausstellt, hat die Künstlerin in Zusammenarbeit mit dem italienischen Konsulat nach Freiburg geholt. Zwischen Schaukeln und Spraydosen erzählte uns die Italienierin, was sie sich für den Spielplatz vorgestellt hat und warum sie so gerne Mädchen in selbstvergessenen Momenten malt.

Alice, du reist ständig in Großstädte wie Berlin, Paris und London. Wie bist du auf Freiburg gekommen?

Das war die Idee der Leute vom kulturaggregat, die gerade im Atrium sind und hier Kultur und Kunst in die Mitte der Stadt holen wollen. Und für mich ist es spannend, das Land zu entdecken – jede Stadt ist anders.

Malen ist eine besondere Art zu reisen: Ich weiß nie genau, wohin ich gerate und wie die Leute auf meine Kunst reagieren werden. Wenn ich zum Beispiel wie hier auf einem Spielplatz male, ist der Austausch mit den Kindern super aufregend – für mich vielleicht mehr als für sie.

Also haben die kulturaggregat-Leute den Spot ausgewählt?

Ja, ich habe ein Foto gesehen und dachte: Wow, dieser Torbogen ist wirklich großartig! Sehr repräsentativ für die Stadt, mit all den alten Gebäuden und so weiter. Aber im Inneren des Bogens ist da der Zement, damit zu spielen finde ich sehr spannend: Die Geschichte respektieren, aber sie in einen neuen Kontext setzen. Wenn ich auf Türen oder Wände male, geht es darum, hinter diese Abgrenzungen zu kommen und ein Fenster zu öffnen.

Und worum geht es dir bei diesem Bild?

Viele meiner Arbeiten handeln von Gefühlen. Ich reise ja viel durch die Welt und passe meine Bilder auch an die Umgebung an, ich kann ja nicht in Singapur das gleiche malen wie in Marokko. Gleichzeitig sind wir in der ganzen Welt ähnlich, wenn es um Emotionen geht, das vereint uns.

Hier auf einem Spielplatz muss ich mich natürlich fragen, was ich machen kann und was nicht. Mit den Kindern hier kann ich ja nicht herkommen und ein Monster malen. Ich habe mich gestern Nacht umgeschaut, die Farben ringsherum und die Natur gesehen, da wollte ich etwas mit Phantasie machen. Wenn Kinder spielen, benutzen sie ihre Vorstellungskraft, gleichzeitig sind sie in der Realität. Solche Zwischenmomente interessieren mich.

Sind deine Bilder an realen Personen inspiriert? Könnte jemand in deinen Bildern sich selbst entdecken?

Das Lustige ist: Wenn Leute mir eine E-Mail schreiben, weil sie sich in einem meiner Bilder wiedererkannt haben, liegen sie immer falsch. Meine Gesichter haben nicht diese bestimmten Augen oder jene bestimmte Nase – das könnte jeder sein. Ich bin keine Porträtmalerin, mir geht es um das Innenleben. Ich benutze eine Person, um eine Seele beschreiben.

Ist es das, was die Menschen wiedererkennen?

Ich glaube ja, sie erkennen das Gefühl wieder.

Du arbeitest auch als Illustratorin und für Galerien. Ist also Street Art eher dein Hobby?

Ich habe Kunst studiert und als Designerin und Illustratorin gearbeitet – als Künstlerin muss man sehen, wie man sich finanziert. Das Geld verwende ich, um zu reisen und zu malen. Street Art ist ein Weg mich auszudrücken – ohne die Beschränkung eines Kundenauftrags.

Mein Vater hielt mich für verrückt, er fragte: „Was machst du da? Du hast Kunst studiert, und jetzt machst du das umsonst?“.

Dann bekam ich mehr und mehr positives Feedback für meine Street Art und mittlerweile arbeite ich auch für Galerien und Festivals. Mit der Street Art wollte ich eigentlich dem klassischen Kunstsystem entkommen. Jetzt bewege ich mich geradewegs zurück dorthin. Aber ich lebe das Leben, das ich wollte.

Was war dein schönster Moment mit Street Art?

Wenn man auf der Straße malt, können viele lustige und verrückte Dinge passieren. Und das ist in jedem Land anders: In Neapel wirst du von alte Damen getreten, in Berlin sagen die Leute: „Oh wie schön, aber jetzt rufe ich die Polizei“. Ich gehe im November nach Südamerika, da gibt es eine große Mural-Kultur. Dort findet es niemand komisch, wenn man auf Wände malt.

Aber Kinder finden es überall in der Welt normal, weil sie so was ja auch ständig machen. Das tolle an Street Art ist auch der Überraschungseffekt: Wenn man in eine Ausstellung oder eine Galerie geht, zieht man sich schick an, liest das Programmheft und versteht es – oder auch nicht und man fühlt sich dumm, man weiß nicht: Darf ich das anfassen?

Bei Street Art geht man eines Abends von der Arbeit nach Hause und sieht plötzlich dieses Bild. Das ist was Besonderes.

Street Art ist ja eher von Männern dominiert. Beeinflusst dich das?

Ich unterschreibe mit meinem echten Namen, ich male tagsüber und nicht in der Nacht. Ich habe beschlossen, mich nicht zu verstecken. Das ist ja schon eher ungewöhnlich für Street Art. Ich wollte meinen eigenen Stil durchziehen, nicht die männlich dominierte Szene kopieren. Ist das weiblich? Ja. Ich fand damals, dass eine weibliche Stimme fehlt.

Frauen sollten nicht die Männer nachahmen, sondern ihr eigenes Ding machen. Jetzt gibt es viel mehr Mädchen, die Street Art machen, darüber freue ich mich.

Das sieht man ja auch in deinen Bildern. Die Frauen dort sind einfach sie selbst.

Genau, es sind keine Stereotype. Männern passiert das ja auch. Jungs wird gesagt: "Du darfst nicht weinen! Du darfst nicht mit Puppen spielen!" und Mädchen sagt man "Schrei nicht, spring nicht herum, sei lieb und nett!".

Deswegen male ich so viele Frauen. Die sind nicht lieb und nett, sondern eben einfach sie selbst. Wenn wir verstehen, dass wir alle verschieden sind, dann sind wir alle vielleicht ein bisschen freier. Darum geht’s!
Nicht nur auf dem Augustinerspielplatz, auch in der Ausstellung des kulturaggregats im Atrium ist Alice Pasquini zu sehen. Den August über wird dort ausgestellt, unter anderem junge Kunst von Eduard Kasper und Mitgliedern des kulturaggregats, Fotografie von Studierenden der hKDM und Siebdruckarbeiten aus der Projektwoche des Freiburger Illustrationsfestivals illu².

Mehr dazu:

Was: Ausstellung des kulturaggregats im Atrium
Wann: ab 1. August 2015
Wo: Einkaufspassage Atrium am Augustinerplatz [Foto: Alexander Schumacher]