Interview

Die Vibratoren-Wissenschaftlerin

Laura Wolfert

Sie ist Fachfrau für Vibrierendes: Die Kulturwissenschaftlerin Nadine Beck erforscht die 150-jährige Erfolgsgeschichte des Vibrators in Deutschland. Sie sagt: "Der Vibrator hat geholfen."

Ursprünglich wollte Nadine Beck über Sex im Altersheim promovieren. Als die 43-Jährige sich mit dem Erotik-Versand "Beate Uhse" beschäftigte, entschied sie sich um: Passend zum 150-jährigen Jubiläum des Vibrators hat die 43-Jährige sich entschieden, die Geschichte des Vibrators zu erforschen. Ihre Doktorarbeit ist so gut wie fertig, der dazugehörige Bildband "Plug and Play: 150 Jahre Vibrator – Ein Jubelband" bereits erschienen.

Fudder: Wie viele Pornos haben Sie im Laufe Ihrer Doktorarbeit anschauen (müssen)?
Nadine Beck: Unzählige, von 1900 bis heute. Niemand darf jemals meinen Browserverlauf anschauen.

Fudder: Wie viele Vibratoren haben sich dabei angesammelt?
Beck: Zwei Dutzend mindestens, von Geräten vor dem Ersten Weltkrieg über armlange Massagestäbe bis hin zu Smart Vibratoren.

"Der Vibrator hat geholfen. Er hat vielen Frauen gezeigt, dass und wie sie zum Orgasmus fähig sind – und diese Leistung ist nicht zu unterschätzen."

Fudder: Sie sitzen dann in Ihrem Büro und recherchieren und lassen sich alte Modelle und Magazine liefern. Was sagen Ihre Kollegen dazu?
Beck: Meistens amüsiert es sie – keiner hat so eine Materie wie ich. Eine Bekannte hat angefangen, über Körperbehaarung zu promovieren. Ich schätze mal, die hat ähnlich viel Spaß beim Durchblättern von älteren Zeitschriften. Ich selbst gucke viel auf Ebay-Kleinanzeigen und habe diverse Suchaufträge am Laufen – von Beate-Uhse-Katalogen zu Massagegeräten. Es ist definitiv unterhaltsam. Kollegen und Freunde haben auf meine Arbeit alle positiv reagiert. Eigentlich ist es ja auch mit etwas Schönem verbunden. Nur die gelernte Scham sowie selbstauferlegte, kulturelle Tabus hindern, über solche Themen offen zu sprechen.

Fudder: Sie sagen, Ihr Thema sei mit schönen Dingen verbunden und dass "der Vibrator ein Geschenk des Weltgeistes an die Erde" sei. Wie reagieren Sie, wenn jemand sagt: "Der Vibrator hat unser Sexleben ruiniert"?
Beck: Das würde ich gar nicht mal so sagen. Es ist nicht so, dass zwischenmenschliche Beziehungen ersetzt werden. Es gab in der Geschichte immer wieder Befürchtungen, dass Maschinen den Menschen ersetzen – in diesem Fall sind wir aber weit davon entfernt. Der Vibrator hat geholfen. Er hat vielen Frauen gezeigt, dass und wie sie zum Orgasmus fähig sind – und diese Leistung ist nicht zu unterschätzen.
Nadine Beck
Die 43-jährige Hamburgerin begann am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg ihre Dissertation über den Vibrator zu schreiben. Ihre Doktorarbeit ist nach vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und Besuchen auf Flohmärkten fast fertig. Neben ihrer akademischen Karriere erforscht sie die Geschichten von Unternehmen.
  • Nadine Beck: Plug + Play. 150  Jahre Vibrator – ein Jubelband. Sachbuch. Jonas Verlag, Ilmtal-Weinstraße, 2019. 136 Seiten, 16,80 Euro (Softcover).

Fudder: Warum ist es wichtig, dass Frauen einen Orgasmus kriegen – und wissen, dass sie kommen können?
Beck: Damit nicht alles von Männern gedacht wird und androzentrisch abläuft. Es war ganz lange so, dass in den oberen Schichten der Gesellschaft den Frauen keine Sexualität zugestanden wurde. Sex wurde nur dann als Geschlechtsverkehr angesehen, wenn der Mann involviert war. Der Vibrator hat gezeigt: Auch Frauen können zum Orgasmus kommen. Das hatte eine starke Auswirkung auf das damalige Female Empowerment. Die aktuellen Debatten um weibliche Lust und Körper geben dem Ganzen einen erneuten Boost, das finde ich super. Jemand, der seinen Körper kennt und weiß, was er kann, der hat einen völlig anderen Zugang zum Leben und zum Handeln.


Fudder: Männer wussten dementsprechend lange Zeit nicht, wie sie Frauen befriedigen können. Setzt der Vibrator den Mann unter Druck?
Beck: Überhaupt nicht. Es gibt zwei Arten von Vibratoren: Lange Zeit gab es in Deutschland Massagegeräte, die Vibratoren hießen, weil sie vibrieren. Dann gibt es einen Cut nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, und die Geräte heißen nun Massage-Apparat, aber nicht mehr Vibrator. 1969 taucht der Massagestab auf, der aussieht wie ein Penis. Seitdem heißt er wieder Vibrator. Bedeutet: Wir haben die Wortbedeutung quasi wieder auf Null gesetzt. Der Vibrator ist also wieder nur noch "der Stab" – und der wurde von Anfang an für Frauen und Männer beworben. Ich habe Zeitzeugen gefragt, ob er eine Konkurrenz für sie war. Die Antwort war: Gar nicht. Die haben das ihren Frauen geschenkt und sich mit ihnen gefreut, zudem wurde der Vibrator in das Liebesspiel integriert.

"Die "Vibratoren waren früher also nur Medizin- oder Kosmetik-Geräte und konnten in vielen Katalogen bestellt werden."

Fudder: In Ihrer Einleitung steht, dass der erste Vibrator – ein Massagegerät – sogar an die Nase gehalten wurde…
Beck: 1869 war das einfach nur ein Gerät, das in einem Arztzimmer stand. Das war wirklich groß und wurde unter anderem gegen Leistenbrüche eingesetzt. Man hat gemerkt, dass Massage Gewebe lockert und für eine gute Durchblutung sorgt. Der sogenannte "Manipulator" und dann "Granville’s Hammer" waren die Lösung für Nervenleiden, dachte man damals. Je nach Schmerzpunkt gab es einen passenden Aufsatz, für alles Mögliche – für das Auge, oder die Nase, aber auch, um Fettpölsterchen oder Verstopfung loszuwerden. Die "Vibratoren" waren früher also nur Medizin- oder Kosmetik-Geräte und konnten in vielen Katalogen bestellt werden. Aus Quellen weiß ich, dass manche Mädchen das nur für sich als Sexspielzeug entdeckt haben, weil sie beispielsweise das Vibrieren am unteren Bauch gemocht haben und dann tiefer gerutscht sind.

Fudder: Was für Zeitzeugen haben sich bei Ihnen gemeldet – und was haben sie erzählt?
Beck: Alles lief anonym. Ich hatte die Befragung in Hamburg, Frankfurt und West-Berlin laufen. Da haben sich meistens nur studierte Männer gemeldet, aber insgesamt wenige Personen. Das gleiche habe ich in Ost-Berlin, Halle und Thüringen gemacht. Da haben sich viel mehr gemeldet. Die Menschen in der DDR sind ganz entspannt mit Sexualität aufgewachsen. Es war zumindest staatlich so gewollt, dass man aufgeklärt wird und gleichberechtigt ist. Ost-Massagegeräte wurden umgebaut und gepimpt, das haben viele erzählt. Eine andere, witzige, Geschichte: Es gibt eine alte Wäscheschleuder. Die sieht ein bisschen wie ein Glühweintopf aus. Die hat früher so stark vibriert, dass man sie festhalten oder sich draufsetzen musste, sonst tanzte sie durch den Raum. Dieses spezielle Baustück aus den sechziger Jahren hatte dazu einen abgerundeten Verschlusshebel, der genau auf die Klitoris gepasst hat, wenn man sich auf die Schleuder gehockt hat. Das war natürlich sehr stimulierend. Das Erkennungsmerkmal war der eingedrückte Deckel oben drauf. Da wusste man: Aha, da hat sich schon die Nachbarin an der Schleuder bedient.

Fudder: Können wir auch noch kurz darüber sprechen, wie großartig bitte unsere Klitoris ist?
Beck: Das kommt in meinem ersten und letzten Kapitel vor, richtig. Sie ist viel größer, als sie in den vergangenen 50 Jahren öffentlich dargestellt wurde. Sie ist nicht nur diese eine, kleine Perle. Die Klitoris liegt quasi oben zwischen zwei Schenkelpaaren, die links und rechts von den Schamlippen als Nervengewebe und Schwellkörper runterlaufen. Jeder Schenkel ist etwa zehn Zentimeter groß. Zusammengerechnet sind das bis zu 40 Zentimeter – nur redete darüber bis vor Kurzem keiner. Bei dem männlichen Geschlechtsteil ist jeder Millimeter wichtig. 19 oder 20 Zentimeter? Ich habe 40!