Die Unterführung mit den Münzen an der Decke

Simone Werner

Von dieser Freiburger Eigentümlichkeit hatten wir bis vor einigen Wochen tatsächlich noch nicht gehört: In der Freiburger Innenstadt gibt es eine Unterführung, in der Passanten Münzen an die Decke werfen, bis sie stecken bleiben - eine Glücksdecke. Wo der Durchgang ist und warum Leute das machen:



Sie ist nur ein paar Meter lang, und wenn man es nicht weiß, bemerkt man nichts besonderes: die Passage in der Conrad-Gröber-Straße in der Freiburger Innenstadt hat eine besondere Decke. Conrad-Gröber-Straße? Noch nie gehört? Diese kurze Straße verbindet den Münsterplatz mit der Straße "Auf den Zinnen". Geht man auf ihr vom Münsterplatz aus am Kornhaus vorbei, so läuft man erst zwischen Karstadt und Sport-Karstadt durch eine Passage, quert dann die Nußmannstraße und ist dann in der Conrad-Gröber-Passage.

Und wer dort nach oben guckt, wundert sich: Tausende kleine Kratzer, runde Abdrücke und Schlitze befinden sich im weißen Verkleidungsmaterial der Decke. Nur, wenn man genau hinguckt, sieht man auch, warum: Denn an manchen Stellen stecken Münzen in der Decke. Die nur durch schwungvolles Hochwerfen dorthin gekommen sein können. Warum machen Menschen das?

Sacha Szabo erklärt das Münzenwerfen

 
Wie immer, wenn wir uns ein kulturelles Phänomen nicht erklären können, haben wir den Freiburger Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo gefragt: "Es ist eine Art Ritual, bei dem es darum geht, ein Opfer zu erbringen", sagt Szabo über das Geldwerfen an die Passagendecke. Dabei gehe es den Werfern um Verschwendung, da sie etwas von sich geben würden und im Gegenzug eigentlich gar nichts erwarten würden. "Die Vorstellung, die wir aus unserer Betrachtung der Kirche haben, ist, zu denken, wir zünden ein Kerzchen an und bekommen dafür etwas. Das ist aber nicht das wahre Wesen des Opferns", erklärt er.

Dabei gäbe es eine bemerkenswerten Besonderheit, die die Passage von Glückbrunnen, wie dem Trevi-Brunnen in Rom, deutlich unterscheide: beim Münzwurf an die Passagendecke könne man sofort überprüfen, ob das Opfer angenommen wurde - nämlich dann, wenn die Münze in der Decke stecken bleibt - oder eben nicht.



Während beim Wurf in den Trevi-Brunnen je nach Wurftechnik bestimmte Wünsche in Erfüllung gehen sollen, mutmaßt Szabo über die Wünsche der Freiburger Werfer Folgendes: "Oft soll nur etwas sehr Naheliegendes in Erfüllung gehen, nämlich dass man eine gewisse Wertschätzung bekommt. Ich konnte dort Gruppen von Jugendlichen beim Geldwerfen beobachten. Wenn die Münze stecken geblieben ist, bekam der Einzelne schon mal Beifall oder Wertschätzung durch seine Begleiter."

Da die Erfolgs-Wahrscheinlichkeit, eine Münze in einem Brunnen zu werfen, deutlich höher ist als die, dass eine Münze im Verkleidungsmaterial an der Decke des Fußgängerdurchgangs stecken bleibt - beim Ausprobieren tut es öfter einen lauten Knall, als dass die Münze mit ausreichend Schwung im Material stecken bleibt -, spricht Szabo in letzterem Fall auch von einer Schicksalsprobe, wie man sie von der Lotterie oder den Losbuden auf der Kirmes kennt. "Wenn ich dort einen Gewinn ziehe, beweist es mir, dass mich das Schicksal in dem Moment ausgezeichnet hat. Außerdem bedeutet eine offenbare Glückssträhne natürlich ein Hochgefühl."

Der Unterschied sei nur, dass man bei der Lotterie gewinnen kann, während man bei den Geldwürfen in Brunnen oder an die besagte Decke sogar Geld verschwendet, für das man eigene Lebenszeit aufgewendet hat, also keinerlei Zugewinn hat. Und das steht laut Szabo wiederum in krassem Widerspruch zu allen Tätigkeiten, die in diesem Umfeld getan werden. "Ich gehe in die Kirche und erwarte dort Seelenheil, ins Kaufhaus, um meine Wünsche befriedigt zu bekommen und so weiter", so Szabo.

Sacha Szabo bezeichnet den Münzwurf auch als "magische Handlung" des Alltags, die wir vor allem aus der Kindheit kennen: Dass man zum Beispiel beschließt, nicht auf die Fugen von Platten zu treten oder nur auf jede zweite Platte. "Durch solche Handlungen soll die Welt durchsichtiger, überschaubarer gemacht werden, sodass man sich in seiner Umwelt sicher fühlt, da wir generell wenig Ahnung davon haben, welche Folgen unser Handeln tätigt", erklärt Szabo.

Jemand, der Geld aus einem Glücksbrunnen oder von der Karstadtdecke nimmt, unterbricht nach Ansicht von Szabo den Kreislauf dieses kulturellen Phänomens. "Dieses Geld hat nicht unbedingt einen außergewöhnlichen Wert, und wird dann vielleicht zu einem Fleischkäseweck. Das ist so, als wenn man mit Beuys' Fettdecke sein Butterbrot beschmiert hätte", mahnt er.

Wem gehört das Geld?

Die Münzen werden durch den Wurf an die Decke nach dem Gesetz herrenlos, der Werfer gibt die tatsächliche Sachherrschaft über die Münze auf und verzichtet auf das ursprüngliche Eigentum an ihr. "Wer eine Münze an eine Decke wirft, an der sie hängen bleiben soll, erwartet vermutlich nicht, dass er weiterhin über die Münze verfügen kann oder sie eines Tages zurückfordern kann", erklärt der Waldkircher Rechtsanwalt Werner Karlin.

Die Münzen gehören nicht automatisch den Eigentümer der Passage - also Karstadt. "Um Sachen in Eigenbesitz zu nehmen, muss man, um es in juristischen Worten zu sagen, zum einen tatsächliche Gewalt über die Sache erlangen und diese zum anderen auch von einem sogenannten Besitzgründungswillen getragen sein, wobei beides nach außen erkennbar werden muss", sagt Karlin. "Selbst wenn man annimmt, dass Karstadt wohl ein Interesse daran hat, Besitz an den Münzen zu begründen, und entsprechend einen Besitzgründungswillen formuliert, ist dieser nach außen – etwa durch die Anbringung eines Schildes - wohl nicht erkennbar."

Die Münzen an der Decke gehören also niemandem. Wer sie wegnimmt, macht sich nicht strafbar.



Und was sagt Karstadt zur Münzenpassagendecke?

Olaf Kather, Filialgeschäftsführer von Karstadt in Freiburg, sieht die Passage in der Conrad-Gröber-Straße als öffentliche Durchgangspassage zum Münsterplatz für Kunden und Gäste sowie Transportweg für die Markt- und Einzelhändler. Die Decke sollte als eine Art Verkleidung ursprünglich lediglich die Funktion erfüllen, die Betonfassade unter ihr zu schützen. "Ich achte nicht wirklich auf sie. Hin und wieder sehe ich zwar Gruppen, die dort stehen, aber das gehört nicht zu den Punkten, die ich in meinem täglichen Business verfolge", so Kather.

Als er vor fünf Jahren seine Stelle als Filialgeschäftsführer in Freiburg antrat, habe er von Mitarbeitern gehört, dass es den Gag gebe, dort Geld an die Decke zu schmeißen. Auch er sieht Ähnlichkeiten zum Trevi-Brunnen in Rom. Während dieser jedoch regelmäßig gereinigt wird, hatte Karstadt in der Zeit, in der Kather Filialgeschäftsführer ist, noch nicht die Gelegenheit dazu, ein Gerüst aufzustellen, um die Decke zu reinigen und das Geld abzunehmen.

Vor einigen Jahren wurde die Decke bei einem Unfallschaden durch einen Müllentsorgungsbetrieb beschädigt, damals habe niemand von Karstadt an das Geld gedacht. "Da der Instandsetzungsauftrag extern vergeben wurde, weiß ich nicht, ob die Bauarbeiter das Geld abgenommen und sich eine Schachtel Zigaretten davon gekauft haben", sagt Kather. "Wenn wir an das Geld gedacht hätten, hätten wir es vermutlich eingesammelt und in den Topf für den 'Wir helfen Kindern e.V.' gepackt, dem wir auch unsere Weihnachtsaktion widmen."

Darüber, ob die Decke durch die Geldwerfer so beschädigt wird, dass sie von Karstadt selbst instand gesetzt werden muss, macht sich das Unternehmen laut Kather keine Gedanken. "Sie gehört eben zum Straßen- und Stadtbild Freiburgs dazu. Insofern lassen wir alles so, wie es ist."

Also gilt weiterhin: Hoch mit dem Kleingeld!

GoogleMaps: Die Freiburger Münzwurf-Passage


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Foto-Galerie: Martin Herceg

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