Dauerproblem

Die Pandemie hat die Situation auf dem Stühlinger Kirchplatz in Freiburg verschärft

Stefan Mertlik

Ein Verein versucht, den afrikanischen Asylsuchenden im Stühlinger zu helfen. Geflüchtete und die Freiburger Stadtverwaltung kämpfen derzeit auf dem Kirchplatz mit besonderen Problemen.

"Die Gambier haben keinen Zugang zur Gesellschaft", sagt Ababacar Kébé von Building Bridges und fügt hinzu: "Die wollen sich auf dem Kirchplatz mit Freunden treffen, weil sie nirgendwo anders hindürfen." Die Corona-Verordnung heizte die bereits angespannte Lage weiter an.


Zwischen dem 21. März und dem 31. Mai verhängte der Vollzugsdienst 36 Bußgelder wegen Verstößen auf dem Stühlinger Kirchplatz. Wie viele Asylsuchende tatsächlich von den Strafen betroffen sind, geht aus der Statistik nicht hervor. In diesem Zeitraum wurden in Freiburg insgesamt 700 Bußgeldverfahren eingeleitet. Zur Strafe komme es laut Rathaus, wenn Personen wiederholt gegen Vorgaben verstoßen oder sich trotz Aufklärung uneinsichtig zeigen.

Einer, der in Konflikt mit dem Vollzugsdienst geriet, ist Alfusainey Jallow aus Gambia. 500 Euro müsse er bezahlen, weil er sich nicht an den Mindestabstand von 1,5 Meter hielt. Als ihn die Polizei ansprach, stand er neben zwei Mitbewohnern. "Wir sind keine Familie, aber wir schlafen im gleichen Haus", sagt Jallow. Er respektiere die Regeln, doch diese Strafe halte er für unfair. Zumal ihn der Vollzugsdienst nicht belehrt, sondern sofort ein Bußgeldverfahren eingeleitet habe. Überall sehe er Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, aber im Park werde er täglich kontrolliert.

Vermittlung als Erntehelfer verläuft schleppend

Nelson Momoh von Building Bridges glaubt, dass die Gambier, wie viele andere Jugendliche auch, den Ernst der Lage nicht begreifen: "Die denken, sie haben kein Corona und können daher niemanden anstecken." Auch der Zusammenhalt spiele eine Rolle, wie Ababacar Kébé einwirft: "Die Jugendlichen fühlen sich sicherer, wenn sie so eng nebeneinander sitzen." Um die Gambier bei der Einhaltung der Regeln zu unterstützen, verteilen sie von der Tiamia Taschenwerkstatt gestiftete Masken.

Vor der Corona-Krise konnten die Gambier in den Räumen von Schwere(s)Los! im Kleineschholzweg gemeinsam kochen. Weil das derzeit nicht geht, gibt der Verein Vespertüten heraus. Das Essen spenden örtliche Bäckereien. Damit erreichen sie noch mehr Asylsuchende. Kébé schätzt, dass tagsüber etwa 80 Prozent der Afrikaner auf dem Kirchplatz nichts mit Drogenhandel zu tun haben. Deshalb ärgere es ihn, dass die Gambier nur mit Marihuana in Verbindung gebracht werden. "Die wollen arbeiten und zur Schule gehen, bekommen dazu aber keine Möglichkeit." Um Engpässe in der Landwirtschaft zu vermeiden, hat die Bundesregierung Ende April Asylsuchende unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus als Erntehelfer zugelassen.

Verein kritisiert Pläne der Stadtverwaltung für den Stühlinger Kirchplatz

Maren Moormann von Schwere(s)Los! sah darin eine Chance. Es vergingen allerdings sechs Wochen, bis sie den ersten Gambier zu einem Vorstellungsgespräch vermitteln konnte. "Ich sehe es schon kommen, am Ende heißt es wieder, die wollten nicht arbeiten", ärgert sich Moormann über die zähe Arbeitsvermittlung. Das Interesse der Gambier sei groß gewesen, die Begleitumstände jedoch schwierig.

"Das Konzept wurde dem Bürgerverein und den anderen Initiativen aufgedrückt" Maren Moormann, Verein Schwere(s)los
Bevor die Pandemie die Pläne stoppte, wollte die Stadt den Kirchplatz mit einer Freilichtbühne, einem Café und Lichtinstallationen aufwerten. "Das Konzept wurde dem Bürgerverein und den anderen Initiativen aufgedrückt", sagt Moormann. Sie glaubt nicht, dass dieses Vorhaben allen Nutzern des Platzes helfen werde: "Das zielt auf die Verdrängung von Gruppen wie den Gambiern ab." Damit werden die Asylsuchenden jedoch nicht aus dem Stadtbild verschwinden. Sie sehnen sich nach einem Ort, an dem sie gemeinsam Zeit verbringen können.

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