Open-Air

Die Immoralisten melden sich mit "Fräulein Julie" aus der Corona-Pause zurück

Gina Kutkat

Sie wollten "Titanic" aufführen, dann kam Corona. Nach der Zwangspause melden sich die Immoralisten jetzt mit ihrem Sommer-Open-Air "Fräulein Julie" zurück. Wie sie die letzten Wochen erlebten und was das Stück unterhaltsam macht?

Sie dürfen endlich wieder spielen: Die Immoralisten starten am 9. Juli mit ihrem Sommer-Open-Air "Fräulein Julie" im Innenhof des Theaters in der Ferdinand-Weiß-Straße. "Wir sind so glücklich, dass es weitergeht", sagt Manuel Kreitmeier. Seit 20 Jahren macht er Theater in Freiburg, aber so etwas wie die Corona-Krise mussten er und sein Theaterpartner Florian Wetter noch nie meistern. "Es war keine inspirierende Zeit", so Kreitmeier.


An einem Sonntag Ende Juni sitzen beide Theaterleiter im Innenhof des Gewerbeparks Stühlinger – auf Klappstühlen, mit Abstand – und berichten von den vergangenen Wochen. "Uns überkam eine riesige Welle der Zuneigung", berichtet Florian Wetter von den Anfangszeiten der Pandemie. Theaterfreunde- und Fans hatten das freie Theater mit Spenden unterstützt, parallel dazu versuchten Kreitmeier und Wetter, ihre Schauspielerinnen und Schauspieler abzusichern.
fudder-Porträt: Das sind die Immoralisten

Die Immoralisten setzen sich aus einem festen Team an Kulturschaffenden zusammen, die in dem Theater eine Heimat gefunden haben. "Nachdem ich die ersten zwei Wochen gewurstelt hatte und klar war, dass wir durch das Jahr kommen, bin ich in die Stille gegangen", sagt Florian Wetter. Die Zeit der Isolation, des Social Distancing und der Unwissenheit, wann es weitergehen kann, war für ihn und Manuel Kreitmeier wie für viele andere eine Zeit der Auf- und Abs. In den letzten Jahren hatten die Immoralisten noch nie so eine lange Pause. "Es fühlte sich an, als hätte man uns auf dem Höhepunkt den Stachel gezogen."
Open-Air mit Abstand

Damit das Sommer-Open-Air der Immoralisten stattfinden kann, müssen einige Regeln eingehalten werden. So wird es im Publikum Platz für etwa 50 Gäste geben, die Stühle werden mit Abstand im Hof des Theaters aufgebaut. Es wird keine Abendkasse geben, sondern nur Online-Tickets.

Jetzt kann es also weitergehen – mit klaren Regeln und einer Minimalbesetzung bei den Schauspielern. In dem Kammerspiel "Fräulein Julie" liefern sich Jochen Kruß, Chris Meiser und Markus Schlüter ein Gefecht der Gefühle. Es geht um Macht, Liebe, Status und den immerwährenden Kampf zwischen den Geschlechtern: Die Hochadelige Julie (Chris Meiser) verliebt sich in ihren Diener Jean (Jochen Kruß) und während einer Mittsommernacht entwickelt sich ihr Flirt zu einer Liebesbeziehung. Doch sind beide nicht wirklich fähig, zu lieben, "weil sie nicht bereit sind, etwas zu geben", so Manuel Kreitmeier.

"Es gibt keine Balance zwischen ihnen", ergänzt Florian Wetter. "Einer ist immer oben, einer unten." Ihre Fräulein Julie beschreiben sie als verrückte Adelige, die in den Keller hinabsteigt, um Jean zu verführen und ihrem Leben zu entfliehen. Diener Jean ist ein chauvinistischer Narziss, der nach oben will und sich Julie auch überlegen fühlt. Verlobt ist er mit der Köchin Kristin (Markus Schlüter), – sehr religiös und stets um die Aufmerksamkeit von Jean buhlend.

Es scheint so, als würden Kreitmeier und Wetter mit dem Stück den Stachel, der ihnen gezogen wurde, den Mittelfinger zeigen. Denn der Schwede August Strindberg, der das Stück im Jahr 1888 schrieb, polarisiert. "Er gilt als frauenfeindlich, narzisstisch, politisch inkorrekt. Das gefällt uns", sagt Manuel Kreitmeier. Man merke dem Schriftsteller den emotionalen Druck beim Schreiben an. "Hinter jedem Satz steht ein Ausrufezeichen", sagt Florian Wetter. In mühsamer Arbeit hat er das schwedische Original ins Deutsche übersetzt – ohne fließend Schwedisch zu können. Teilweise saß er vier Stunden an einer halben Seite. "Meine Übersetzung fungiert dieses Mal als Musik", sagt der Musiker, der sonst für die Kompositionen zuständig ist.
Was: Sommer-Open-Air "Fräulein Julie"
Wann: ab Donnerstag, 9. Juli 2020 (Premiere), dann immer Do, Fr & Sa
Wo: Theater der Immoralisten, Ferdinand-Weiß-Straße 9-11
Eintritt: Der Kartenvorverkauf beginnt erst einige Tage vor der Premiere Tickets unter immoralisten.de/tickets

Aufgrund der Corona-Maßnahmen gibt es auch bei den Aufführungen im Hof ein paar Einschränkungen: Abstand zwischen den Stühlen, keine Abendkasse und eine Überdachung über den Sitzplätzen – damit bei Regen nicht sofort alles ausfallen muss. Die Immoralisten sind gefordert, ihre gewohnten Strukturen umzustellen. Doch die Freude, wieder kreativ sein zu können und mit kraftvollen Stücken zu überzeugen, überstrahlt alles.

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