Die Goldenen Zitronen in Schmitz Katze: Für immer Punk!

Matthias Cromm & Carolin Buchheim

Die letzten Punks oder die letzte Snobs? Am Montag kamen sie jedenfalls in Schmitz Katze: Die Goldenen Zitronen. fudder-Autor Matthias Cromm hat für uns nicht nur aufgeschrieben, wie's dort war, sondern auch erörtert, wofür die "Goldies" in all den Jahren eigentlich standen.



Die Goldenen Zitronen waren, für die die es nie wussten der irgendwie vergessen haben, neben den Toten Hosen und den Ärzten die deutschprachige Fun-Punk-Rockband der 80er Jahre. Gegründet 1984 fast inmitten der Hausbesetzungen der Hamburger Hafenstrasse (Ärzte/Berlin und Toten Hosen/Düsseldorf jeweils 1982) war das Goldene-Zitronen-Zentrum in der Buttstrasse (siehe entsprechender Song: „Unsre Heimat“ auf Doris ist in der Gang). Mit allerlei ulkigen Texten und spektakulär-chaotischen Auftritten erspielten sich die Zitronen schnell einen Namen und wurden mit dem Song „Der Tag als Thomas Anders starb“ zur Skandalband.

Im Gegensatz zu den immer härter und schneller werdenden „HC-Politbands“ wurde die Goldenen Zitronen immer schlageresker, glamouröser, brachen die ungeschrieben aber ehernen Regeln der Punkbewegung und machten sich möglichst lustig über den starrer werdenen Ernst der Szene.

Während die Toten Hosen weiter und immer mehr für die schnautzbärtigen VoKuHiLa-Massen spiel(t)en (Ergebnis: Merkel/Kauder/Deutschlandfahne) und die Ärzte vor und nach ihres zwischenzeitlichen Endes noch immer die Teeniemassen begeistern, entkamen die Goldenen Zitronen der Bierzeltseligkeit mit Hilfe ihrer Verweigerungshaltung: Sie verweigerten sich den Fans, die weiter nur lustigen Punkrock hören wollten, und irgendwie verweigerten sie sich auch dem Punk zugunsten des Punk.

Die anklopfende große Musikindustrie wird stets geflissendlich verjagt, die Platte "Fuck You", auf dessen Cover die Zitronen als garstige Blümchen verkleidet Major-Scheiben fressen, ist da nur der Höhepunkt. Das Album von 1990 gibt sich dem Gewohnheitspunk störrisch-abwechslungsreich, Gäste sind unter anderem der warscheinlich coolste Rocker des Planeten Tex Morton (Kamikaze Queens) an der Slideguitar beim LoFi-Countrystück „Exile Cowboy“ und Françoise Cactus (Stereo Total) bei der anzüglichen Nummer „L'Amour À Trois“.

Was machen die da?

Das folgende Album holt zum zweiten Befreiungsschlag aus, Punkrock wird 1991 vom coolsten Garagenmusiker und Produzenten Wild Billy Childish produziert. Ich nehme an, in seiner Küche, entgegen allen Regeln und Reglern der Studiotechnik. Die EP „80.000.000 Hooligans“ und das Album „Das bisschen Totschlag“ (1994) wenden sich dringenden politischen Aussagen sowie der weiteren musikalischen Öffnung zu, die auf Economy Class (1996) und Dead School Hamburg (1998) in einem Experimental-Labyrinth aus Punk, Lofi und Elektronik gipfelt. Der Übergang ist also fliessender als das Feuilleton stets zu wissen glaubt und vor allem logischer.

Die ursprüngliche Idee, den anderen auf den Keks zu gehen, wurde sogar noch verfeinert. Ich erinnere mich an ein Goldene-Zitronen-Konzert in den 90ern, bei dem ich Teil eines vollkommen genervten Punklikums war. Was machen die da? war die allgemeine Frage, die kaum einer zu beantworten wusste.

Die folgenden vier Veröffentlichungen bis zur aktuellen Scheibe “Who‘s Bad?“ klingen musikalisch mehr oder weniger versöhnlicher, aber politisch aufgeladen. Elektronik, Punk, LoFi, Dilettantismus, HipHop, Funk, ein Sänger, der nicht singen kann, und mal mehr Nervtötendes, mal mehr Tanzbares. Die vier letzten Platten sind allesamt auf Buback-Records erschienen, gegründet 1987 in der Hamburger Buttstraße 50 am Fischmarkt von Ale „Sexfeind“ Dumbsky und Ted Gaier, mittlerweile übernommen von Künstler Daniel Richter.

Die Band hat sich zum Sextett gemausert und hat sich freigeschwommen von allem, quietscht, knarrt, keift und schimpft. Urmitglieder sind seit den frühen 90ern nur noch Ted Gaier und Schosch Kamerun.

Jetzt ist die Katze dran

Genug der Vorrede, die Goldenen Zitronen - oder, wie sie sich selbst liebevoll zu nennen belieben, die Goldies -, live in Schmitz Katze, Freiburg. Ob das mal gut geht, habe ich mich gefragt. Nach der Show im Jazzhaus mit einem desaströsen PA-Problem und dem Konzert im Theater ohne Rauch und vor allem ohne Getränke ist jetzt die Katze dran.



Böse Ahnung trifft kleine Hoffnung. Insider berichten vor der Tür von entsetzlichem Vier-Stunden-Soundcheck. Trotzdem erscheinen die Protagonisten glänzender Laune gegen 21:30 Uhr auf der Bühne, gewandet in feinstem Satin, irgendwo zwischen Schlafanzug, Maharatscha und Low-Budget-Science-Fiction. Die Bühne steht voll mit Instumenten diverser Jahrzehnte, schön zusammengefummelt - inklusive anderthalben Schlagzeuges -, die später von wahlweise einem, zwei oder drei Leuten bedient werden.

Im Hintergrund läuft auf einer schicken Diawand ein Mosesfilm. Ohne langes Gequatsche geht es los, Schorsch Kamerun liest die Texte recht flüssig von einem chaotischen Haufen Zettel auf seinem Notenständer ab. Ted Gaier hatte schon immer die schönste Frisur und jetzt noch dieses fantastische Bärtchen, während dem ständig rauchenden Drummer genauso ständig die Basstrommel wegruscht.

Nachdem diverse Bandmitglieder das Ding während des Spielens befummelt und festgehalten haben, erbarmen sich ein paar Jungspunde aus der ersten Reihe und setzten sich abwechselnd davor, während die Band mehrmals lautstark nach einem Hammer und Nägeln verlangt. Das geforderte Werkzeug taucht nach einer halben Stunde endlich auf, aber mitnichten aus dem Katzenrepertoire oder vom Veranstalter. Der Hammer kam aus dem Slowclub, herbeigeschafft von einem Helden, der anonym bleiben will. Überhaupt geht auf der Bühne ständig irgendwas kaputt, ulkigerweise ohne jedweden negativen Einfluss auf das Konzert.

"Das ist kein Punk, das ist Dilettantismus!"

Irgendein Bandmitglied macht sich stets zu schaffen, während der Rest scheinbar wahllos Instumente tauscht und munter musiziert. Die vier Stunden Soundcheck haben sich gelohnt, ich glaube, das soll genau so klingen wie es klingt: stampfend, schrill, kreischend, nicht zu laut, nicht zu leise.

„Das ist kein Punk“, sagt Schorsch, „das ist Dilettantismus!“ Die anfängliche leichte Befangenheit der Band löst sich immer weiter, Schorsch hüpft unkontrolliert mit den Armen rudernd über die Bühne, Ted zieht den Seidenschal aus, die Drummer stampfen den Beat, irgendjemand repariert irgendetwas, das Publikum hopst und hopst, manch einer wartet aber doch irgendwie heimlich auf „Für immer Punk“ oder den „Tag als Thomas Anders starb“. So richtig mag das aber keiner zugeben, höchstens die ganz Betrunkenen.

Aber wir sind hier nicht bei den Toten Hosen, und selbst da bin ich mir nicht sicher, ob's immer „Hier kommt Alex“ gibt. Man müsse ja immer zu nur die neuen Songs spielen, beklagt sich Schorsch schmunzelnd, das Publikum möge die ollen Kamellen nicht, dabei würde man doch sooooo gerne mal so richtig - ahhhber das ginge ja nun nicht.

War der erste Song direkt „Der Investor“ vom aktuellen Album, erstreckt sich das Programm des Abends auf die letzten Releases der 2000er, mit wenigen Ausreißern wie dem Garagenkracher „Psycho“ vom „Punkrock“-Album und später im Zugabenteil noch die 80.000.000 Hooligans von der gleichnahmigen EP (1992). Herr Kamerun kann sich immer öfter von den Textblättern lösen (manche Songs sind sowieso so schnell, dass man gar nicht so schnell hinschielen, lesen und im besten falle gleichzeitig hüpfen kann). „Glaubt mir, wir haben das schon so oft gemacht“, sagt er, die Band ist unglaublich souverän und irgendwie auch sogar nicht einstudiert, man hat ständig das Gefühl, was da gerade passiert, passiert nur genau jetzt und ist nicht repetierbar.

Eine Wand aus Lärm

Für mich endet das Konzert eigentlich mit einem unglaublichen Noisegewitter, kreischend und jaulend, rückkoppelnd und stampfend, ein Sturm, eine Wand aus Lärm. Aus, Tschüss. Weil noch keiner genug hat, gibt's noch 'ne kleine Zu-Zugabe, aber da ist der Schlusspunkt schon gesetzt.

Toll war's. Irgendwie schwer vorstellbar, dass der zampelige Schorsch Kamerun ein gefeierter Theaterregisseur ist. Oder in seiner, ich unterstelle das jetzt mal, Hamburger Jugendstilwohnung sitzt - unter einem 300.000-Euro-Daniel-Richter-Gemälde und sich einen Goldenen-Zitronen-Text ausdenkt, den er singen will, oder überlegt, ob man das Klo im Golden-Pudel-Club mal wieder streichen sollte.

Ted Gaier sieht da ja schon eher ein bisschen Bohéme aus, lässig, hüpft auch nicht rum, sondern schmunzelt amüsiert, Satinklamotten, tolle Frisur, topp Bärtchen, ist ja auch ein gefeierter Theatermann. Trotzdem passt alles zusammen, Widerborstigkeit, Musik und Botschaft - keine andere Band in diesem Land hat sich so konsequent entwickelt (höchstens noch F.S.K.), und keine Band hat den Punk so unbequem, facettenreich gehalten (höchstens noch The Clash). Das mag nicht jedem immer gefallen, soll es auch nicht.

Für immer Punk!


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Fotogalerie: Carolin Buchheim

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