Die Durchsetzung des Alkoholverbots

David Harnasch & Dominic Rock

Das erste Prohibitionswochenende in Freiburg hat gezeigt, dass der Termin fürs Alkoholverbot im Bermudadreieck geschickt gewählt war. Die Kälte lud nicht gerade zum Freilufttrinken ein. Am Wochenende ließ die Polizei 19 Mal Flaschen ausschütten. Wie gehen die Beteiligten mit der neuen Regelung um? Eine Reportage mit Fotogalerie.



Alkverbot? Nie gehört!

Auf der Südseite des Martinstors teilt sich eine fünfköpfige Gruppe Jungs eine Flasche Bacardi. Legal, denn das Alkoholverbot gilt hier so wenig wie etwa auf dem Augustinerplatz. Auf der anderen Seite des Tors langweilen sich Polizisten in zwei Einsatzfahrzeugen. Der Schlappen ist gegen elf angenehm voll, die Stimmung bestens. Neben mir bestellt Markus (der seinen wirklichen Namen wie fast alle Befragten nicht veröffentlicht wissen will) zielsicher die grüne Plörre, die hier neben echtem Absinth ebenfalls angeboten wird. Vom Alkoholverbot hat er nie gehört, er würde sowieso nicht auf der Straße trinken.

Barkeeper Christoph erwartet von der neuen Regel weder mehr Umsatz noch weniger Ärger – er hält sie schlicht für wirkungslos. Zeit, die Raucher vor der Türe zu besuchen und einen Schluck aus der mitgebrachten Wodkaflasche zu nehmen. Eine Gruppe von sechs Polizisten läuft vorbei und hat besseres zu tun, als uns deshalb zu belästigen.

Raucherfang in der Nachtschicht

Nachtschicht-Türsteher Daniel hegt größere Hoffnungen. In 90 Prozent aller Konfliktfälle ärgert er sich nach eigenen Angaben nicht mit eigenen Gästen herum, sondern mit Betrunkenen vor der Türe. Doch die aktuelle Form der Regel geht ihm nicht weit genug. Er wünscht sich, dass Eltern in Regress genommen werden, wenn deren minderjährige Kinder besoffen über die Stränge schlagen – wegen Verletzung der Aufsichtspflicht.

Außerdem hält er die räumliche Ausdehnung der Verbotszone für unzureichend. Und er konnte nicht beobachten, dass die Polizei vor seiner Türe irgendwem den Alkohol genommen hätte – wohingegen im Club schon mehrfach nach Rauchern gefahndet worden sei: „Da kann man eben auch kassieren.“



Beim Alkoholverbot geht das nicht, wie ein freundlicher Wachtmeister gegen ein Uhr morgens berichtet. Die härteste Sanktion, die der Polizei zur Verfügung steht, sei die Beschlagnahme der Flaschen, Bußgelder seien nicht vorgesehen. Wenn der Delinquent Widerspruch einlegen möchte, müssen seine Personalien festgehalten und der beschlagnahmte Alkohol verwahrt werden: Papierkrieg ohne Ende. Während des Gesprächs lassen wir die Wodkaflasche kreisen, es interessiert weder ihn noch seine Kollegen, wir wissen uns zu benehmen und sind gänzlich verhaltensunauffällig.



Verbot ohne ernsthafte Sanktionen

Das Verbot in der jetzigen Form hält der Polizist für wenig durchdacht und hilfreich. Wären ernsthafte Sanktionen daran gekoppelt, könnte es ein Werkzeug sein, um betrunkene Randalierer zur Räson zu bringen, aber der Verlust einer halben Flasche Rum schreckt nach seiner Ansicht niemanden ab. Ein paar Flaschen hätten die Polizisten aber bereits entsorgen lassen, eher um mit den Besitzern ins Gespräch zu kommen, als wegen konkreter Sicherheitsbedenken.

Ein Kollege posiert netterweise für ein Bild, das die härteste Sanktion am Bächle zeigt: Die Szene wirkt eher grotesk-sympathisch-deeskalierend als irgendwie abschreckend.

Auf dem Weg zum Agar treffen wir endlich die erste betroffene Besoffene: Alicia sitzt randvoll, aber bestens gelaunt vor der Nachtschicht auf dem Boden. Sie wartet auf ihren Freund und berichtet, dass sie bereits zu Hause „vorgeglüht“ und nun endgültig genug habe. Damit hat sie offensichtlich recht, ebenso offensichtlich muss man aber weder andere noch sie selbst per Verordnung vor ihrem Trinkverhalten schützen.



Wer will das überwachen?

Ein Türsteher des Agar teilt die Einschätzung der Polizisten, dass die Lokalpolitik aus blindwütigem Aktionismus heraus eine ebenso zahn- wie sinnlose Verordnung geschaffen hat, deren Einhaltung niemand überwachen kann (Freisitzflächen der ansässigen Gastronomiebetreibe sind ausgenommen) oder will. Im Agar selbst geht es ausgesprochen aufgeräumt zu, der Abend ist hier so ruhig wie im restlichen Bermuda-Dreieck – was vermutlich eher an der Kälte und den Silvester-Nachwehen als an der neuen Verordnung lag.

Polizeisprecher Ulrich Brecht bestätigt heute diesen Eindruck: "Das Wochenende rund ums Bermudadreieck verlief ruhig und problemlos." Von Freitagnacht bis Sonntagnacht traf die Polizei auf 19 Personen, die mit alkoholischen Getränken das kritische Karree durchschritten. "Diese Personen haben die Flaschen oder Behälter freiwillig ausgeschüttet, ohne Widerstand."



Mehr Verbote, weniger Hilfe

Vor einigen Wochen schrieb fudder-Leser „fussl“: „Während der Fussball-WM bin ich mal mit einem Sixpack auf dem Gepäckträger in die Innenstadt gefahren - habe dort mein Fahrrad abgestellt, mich mit drei Kumpels getroffen und bin dann - biertrinkend - ins Cheers gelaufen, um mir dort ein Fußballspiel anzugucken. Während des Spiels wurde geraucht… Bei der Fußball-EM 2008 würde ich bei gleichem Verhalten 3 - in Worten - drei - Ordnungswidrigkeiten begehen.“

Die Stadt hat aber nicht nur Verbote zu bieten: Pünktlich zum Inkrafttreten des Alkoholverbots am 1.1.2008 lief auch eine 30.000-Euro-Förderung der Stadt für die Drogenberatungstelle „Drobs“ der AWO aus, die deshalb eine Dreiviertelstelle streichen muss und künftig keine Präventionsberatung für Kinder und Jugendliche mehr anbieten kann.

Foto-Galerie: Dominic Rock

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