Aufregen ist ihr Hobby

Die Corona-Krise belastet auch die queere Community

Dita Whip

Die Corona-Pandemie wird uns noch eine Weile beschäftigen – und das kratzt an unserer mentalen Gesundheit – vor allem LGBTIQA-Menschen sind betroffen. fudder-Kolumnistin Dita Whip fordert, sie zu unterstützen.

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, über welches, vor allem queere, Thema ich denn in meiner Kolumne, zur Zeit von Corona und physischer Distanzierung, schreiben soll. Irgendwie mag ich mich nicht mit Corona auseinandersetzen, irgendwie schon und eigentlich habe ich einen klassischen Fall von "catastrophe fatigue", also der Katastrophenmüdigkeit. Es fällt mir persönlich sehr schwer zu schreiben. Zum einen weil die aktuelle Situation eben allgegenwärtig unser Leben entselbstverständlicht, zum anderen bemerke ich, wie meine Passion für das leidenschaftliche und kritische Auseinandersetzen mit Problemthemen leidet. Mir wird schlichtweg bewusst: Ich habe aktuell ganz schön hart für die Aufrechterhaltung meiner mentalen Gesundheit und Klarheit zu kämpfen…


… und selbstverständlich geht es vielen anderen Menschen in Isolation genau so. Egal ob es Eltern im Home-Office sind, die sich um ihre Kinder kümmern und gleichzeitig arbeiten müssen. Menschen, die sich der blanken Existenzangst ausgesetzt sehen, weil ihre Jobs bedroht, oder ihre Geschäfte stillgelegt sind. Freiberufler und Künstler*innen, die noch sehr lange mit den Auswirkungen von Covid-19 und der Virusbekämpfung zu schaffen haben werden. Wir sitzen alle im selben Boot… nur eben manche im Schlauchboot mit Loch und andere auf einer riesigen Yacht.

Die Zeit ist hier auch das essentielle Problem: Ich selbst habe die Zeit der Langeweile schon einige Tage hinter mir gelassen: Skype- und Zoom-Abende, um sich nicht so allein zu fühlen, witzige und mehr oder minder nützlichen DIY und Heimarbeitsprojekte, Wohnung umsortieren, die fast komplette Arbeitslosigkeit als Möglichkeit zur Neustrukturierung und digitalen Neuaufstellung nutzen. Der Tag an dem ich diese Kolumne schreibe, markiert meinen 47. Tag in Isolation, Ungewissheit und Existenz- als auch Zukunftsangst. Eine Art "Warten auf Godot" - Corona-Edition.

Dabei kann ich noch auf einen unterstützenden Freundeskreis und Bekannte zurückgreifen, habe den Luxus, mich mit meiner Kunstform kreativ auf Instagram und Facebook auszutoben, und habe meine Lebensgrundbedürfnisse halbwegs abgesichert. Allerdings dürfte es einige LGBTIQA+-Menschen geben, die diesen Luxus nicht haben: Weder in Hinsicht auf einen unterstützenden Kreis aus Menschen um sich herum als im finanziellen Sinne.

Wie ist das, wenn man wirklich ganz allein ist?

Ich denke dabei an junge queere Kids, die in Haushalten leben, deren andere Mitglieder eben nicht so tolerant und offen sind wie sie sein sollten. Wie muss es sich wohl anfühlen wenn zum Beispiel eine junge Trans* Person im Moment "Zuhause" in einem sozialen Umfeld "gefangen" ist, das aktiv gegen die eigene Identität wettert? Denn nicht immer ist deine Familie dein Safe Space, oft liegt dieser Safer Space außerhalb – bei Freunden und Bekannten. Wie sieht es aus mit LGBTIQA+-Senior*innen, die allein leben und nicht per Technik Kontakt zur Außenwelt halten können? Wann hast du das letzte mal mit einer LGBTIQA-Person von 50+ telefoniert, persönlich gesprochen oder geschrieben (digital oder offline)? Wie ist das, wenn man wirklich ganz allein ist, vor allem in einer feindlichen Umgebung?

Es leidet ganz klar die geistige Gesundheit: Und besonders im Falle von LGBTIQA-Menschen, ist es um diese, statistisch gesehen, eh schon schlechter bestellt als um die des Durchschnittsmenschen. Und, wollen wir uns nichts vormachen: Es ist nicht einfach in einer unglaublich vielseitigen Community, mit starker Gruppenbildung und vielen Streitthemen, in Corona-Zeiten ein Community-Gefühl ohne reale Treffen zu kreieren. Trotz digitaler Vernetzung sind die Hürden real.

Auf der anderen Seite des Grabens stehen dann zugleich die queeren Geschäfte und Treffpunkte, die unter Corona genauso leiden wie jedes andere Business, aber irgendwie noch viel mehr. Wie sieht es aktuell denn aus für queere Selbstständige? Wie ist das aktuell für queeres Business? Wie soll unsere queere Lokalkultur aussehen wenn Clubs, Bars, Museen, Treffpunkte, Hilfe- und Anlaufstellen und queere Kulturstätten – Orte, die schon immer vom finanziellen Druck der Marktwirtschaft bedroht waren, und trotzdem eine wichtige Funktion für queere Communities übernommen haben – den wirtschaftlichen Folgen von Corona zum Opfer fallen? Wer baut unsere queere Kultur wieder auf? Wie soll das zu stemmen sein?
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Aktuell sehe ich neben den ganzen lustigen "Don’t Rush"-Challenge Videos und unzähligen Instagram Livestreams leider nicht viel an Hilfsangeboten oder Initiativen, die sich in der aktuellen Lage an queere Menschen und Businesses richten. Klar versuchen queere Institutionen ihren Erhalt mit Crowdfunding-Kampagnen und mehr zu realisieren, allerdings fehlt es da auch an Support, Reichweite und schlichtweg an sehr viel Geld. Es reicht nicht, das einzelne Personen, in vorbildlicher Weise, versuchen in ihrem Bekannten und Freundeskreis zu helfen, queere Landmarks, Künstler*innen und Selbstständige – sowie die daran hängenden Existenzen – finanziell supporten. Ich wünsche mir in diesem Punkt einfach mehr von den größeren LGBTIQA-Organisationen und -Vereinen. Klar ist das auch alles andere als einfach, denke man vor allem an die nötige Arbeitskraft und Zeit, aber das Thema sollte, nein, es muss angegangen werden.

Dieses Jahr werden wahrscheinlich fast alle CSDs ausfallen. Der Community fehlt also eine Möglichkeit für politische und soziale Themen auf die Straße zu gehen, sich aktiv real zu vernetzen und vor allem Hoffnung über realweltliche Sichtbarkeit zu schaffen. Allerdings sehe ich hier auch eine Chance. Wir müssen unseren politischen Protest, unsere Vernetzung und unser Miteinander jetzt digitaler denn je in die Welt hinaustragen und dabei stärker als je zuvor an Sichtbarkeit und Zusammenhalt arbeiten. Und eben das könnte man erreichen, wenn beispielsweise CSD-Organisationsgremien ihre Aufgabe dieses Jahr neu definieren. Sie könnten DER Anlaufpunkt sein, Informationen und Hinweise geben und vor allem mit ihrer Präsenz helfen. Klar, das sagt sich jetzt aus meiner Sicht so einfach, und das ist es eben nicht. Aber ich glaube, dass, sollten sich da Möglichkeiten ergeben, es ein Segen für die Community wäre, wenn wir uns neu ausrichten.

"Alles wird wieder gut!"

Ich möchte betonen, dass ich mit meiner Aufforderung keinesfalls die Arbeit von in der Community tätigen Menschen als unzulänglich kritisieren will. Freiwillige Arbeit für die Community ist ein sehr undankbarer Job. Allerdings ist es mit knapp zwei Monaten Corona-Isolation langsam Zeit das Thema der mentalen Gesundheit von LGBTIQA-Menschen, also von Personen, die statistisch gesehen viel stärker mit mentalen Problemen zu kämpfen haben, stärker in den Fokus zu rücken. Und das, am Besten, nicht nur aus der Community selber, sondern auch von der Seite von Organisationen und vielleicht sogar dem Staat.

Was bleibt mir am Ende noch zu sagen? Ich möchte so gerne in die Welt hinaus schreien: "Leute, alles wird super! Wenn Corona und die Eindämmungsmaßnahmen vorbei sind, dann werden wir das Leben wieder genießen. Dann werden wir als queere Community auch wieder in Person füreinander da sein. Dann werden queere (als auch nicht queere) kleine Unternehmen, Selbstständige und KünstlerInnen wieder arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen können!" – Doch ich weiß sehr genau, dass es nicht so einfach sein wird. Allerdings, und das ist nun einmal die Aufgabe von Menschen, die im Kultur- und Kunstsektor arbeiten, müssen wir die Hoffnung hochhalten. Das mag zwar an den dunklen Orten, an denen sich viele von uns gerade befinden, nicht einfach sein, doch in klassisch warholscher Manier müssen wir den Kopf hochhalten und die Lüge zur Wahrheit werden lassen. Und genau daran arbeiten ich und viele andere.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.