Lesung

Die Autorin Olivia Wenzel berichtet am Mittwoch über Rassismuserfahrungen

Viola Priss

Die Freiburger Lesereihe Bauschen und Biegen streamt am Mittwochabend auf Facebook eine Lesung mit Olivia Wenzel zu ihrem Roman "1000 Serpentinen Angst". Anschließend gibt es ein Gespräch mit zwei Expertinnen.

"Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch." Der Klappentext zum Debütroman "1000 Serpentinen Angst" der 35-jährigen Durchstarterin lässt ihr Publikum ohne Umschweife einsteigen in eine Stimmung des Taumelns und Anstrampelns, des Kämpfens und Scheiterns, dass den Alltag der Protagonistin prägt. Die Schilderungen der Rassismuserlebnisse sind so vielschichtig, wie das Thema Rassismus selbst. Wer wann wie spricht, oder bloß laut denkt, ist nicht immer klar. Im Zweifel eine Person, möglicherweise aber auch die gesamte Gesellschaft. Damit entwirft Wenzel in ihrem Debütroman eine einmalige "Collage", wie die Gründer der Lesereihe Bauschen und Biegen, finden, derer sie nun eine, digitale, Bühne bieten wollen.


Das Format kann Aufgebauschtes zurechtbiegen

Bauschen und biegen gehört als Arbeitsgruppe zu dem Verein Samt & Sonders – Initiative für soziokulturelle Abenteuer. "Wir veranstalten seit 2018 verschiedene Arten von Netzwerktreffen, die auf gemeinsame und experimentelle Projekte Freiburger Kulturschaffender abzielen" erklärt Frederik Skorzinski, einer der drei Gründungsmitglieder. "Bauschen und biegen hat sich im Kontext der unabhängigen Lesereihen gegründet und sich zum Ziel gesetzt, Literatur stärker in der Gesellschaft sichtbar zu machen." So wurden zum Beispiel auf bisherigen Lesungen die Themen Umgang mit sexueller Gewalt, Inszenierung von Politik in Lesung und Gespräch diskutiert. Personen, die durch ihren Alltag entsprechend Experten auf dem jeweiligen Gebiet sind, ermöglichen den Publikum in einer anschließenden Diskussion den Schritt von der abstrakten Geschichte ins politische Hier und Jetzt.

"Die Lesung sollte ursprünglich Teil der ’Wochen gegen Rassismus sein’", erklärt Frederik, "dementsprechend legten wir den Fokus bei der Recherche. Olivia Wenzel ist einem von uns bei einer anderen Lesereihe in Berlin bei einer Lesung aufgefallen. Seit dieser Lesung vor anderthalb Jahren hatten wir die Autorin auf dem Schirm, von dem im März erschienenen Roman waren wir dann alle schnell überzeugt."

Raus aus der starren Lesung

Der Text passt in vielerlei Hinsicht perfekt in das Konzept von Bauschen und Biegen: "Zum Einen legen wir bei unserer Autorenwahl den Schwerpunkt ja auf junge Autoren und Autorinnen, denen wir eine Bühne bieten wollen. Gleichzeitig soll in ihren Werken eben etwas literarisch bearbeitet werden, was uns in dieser Zeit immer wieder im Alltag, den Medien, im Privatleben begegnet und beschäftigt", erklärt Fabienne Fecht. Die Literatur kann dadurch auf einzigartige Art aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Lebenswelt auf eine höhere Ebene bringen, in der viele Blickwinkel neu bedacht werden können. Clara Kopfermann sagt dazu: "So funktioniert in gewisser Weise das literarische Geschehen immer, wir wollen mit unserem Konzept eben nicht der klassischen starren Lesung entsprechen. Stattdessen gibt die Kombination von Dialog zwischen Experten, Autor, und Publikum die Möglichkeit, gesellschaftsrelevante Themen aus einer neuen, literarischen Perspektive zu betrachten.

Wie wird das im Falle von "1000 Serpentinen Angst" konkret aussehen? "Geplant ist eigentlich immer nur eine Expertin pro Lesung, in diesem Falle haben wir uns entschieden die virtuellen Möglichkeiten uns zu nutze zu machen und gleich zwei Perspektiven aus der alltäglichen Praxis zum Thema Rassismus mit einzubeziehen", berichtet Fabienne Fecht. Die live aus Berlin zugeschaltete Psychotherapeutin Stephanie Cuff-Schöttle wird aus ihrer rassismuskritischen Arbeit ergänzen, was Wenzel in ihrem Text als individuelle Dimension von Rassismus beschreibt. Wie schwierig es ist, eine Therapieform zu finden, die strukturellen Rassismus mitdenkt. Außerdem wird die Freiburger Anti-Bias-Trainerin Karin Joggerst von ihren Erfahrungen aus Trainings und Fortbildungen berichten.

Bühnenspannung trotz Distanz

"Das Publikum ist eingeladen über die Chatfunktion während der Lesung Fragen zu stellen. Die werden wir, Frederik und ich, im Hintergrund auswählen, während Fabienne die Moderation übernimmt", so Clara. "Um ein wenig das ansonsten herumgehende Mikro zu ersetzen", ergänzt Frederik. "Denn in unserer Lesereihe legen wir ja gerade auf den Dialog, der geschaffen wird, großen Wert." So gestalte sich die Verlegung ins Internet zwar einerseits schwierig, gleichzeitig "liegt darin auch eine ganz neue Chance", resümiert Fabienne. Eine Zusammenarbeit ist trotz der Distanz möglich. Wir vereinen an diesem Abend immerhin mehrere hundert Kilometer und Städte: zu Gast sind Berlin, Freiburg, Nürnberg".
  • Was: Digital-Lesung der Lesereihe Bauschen & Biegen in Kooperation mit N2025, dem Bewerbungsbüro Kulturhauptstadt Europas 2025 der Stadt Nürnberg
  • Wann: 6. Mai 2020, 19 Uhr
  • Wer: Olivia Wenzel : 1000 Serpentinen Angst
  • Eintritt: Spendenbasis, via Paypal