Hexe von Freiburg

Die Autorin Astrid Fritz erinnert sich an ihre Studienzeit in Freiburg

Maya Schulz

Die Bestsellerautorin Astrid Fritz hat einige Jahre in Freiburg gelebt. Hier studierte die Autorin, lernte ihren späteren Mann im Café Senkrecht kennen – und hatte die Idee zu ihrem Roman "Die Hexe von Freiburg."

2003 veröffentlichte die Autorin Astrid Fritz ihren Debutroman "Die Hexe von Freiburg", den ersten Teil einer Trilogie. Seitdem sind einige weitere historische Romane von ihr im Rowohlt-Verlag erschienen, die ebenfalls in Freiburg spielen. Ihr neuster Roman heißt "Der Turm aus Licht". Darin erzählt sie auf rund 800 Seiten vom Bau des Münsters und dem Freiburg dieser Zeit. Im Gespräch mit fudder spricht Astrid Fritz über ihre Studienzeit in Freiburg, über Hexenverfolgung und über die Tücken des Schreibens.

Die Studienzeit in Freiburg

Nach dem Schulabschluss verschlug es die gebürtige Pforzheimerin zunächst zum Studium der Tiermedizin nach München. Nach einem Semester zog es sie zu den Theaterwissenschaften. Während ihrer Studienzeit in Freiburg (1980 bis 1987) konnte sie diese nicht weiterverfolgen und studierte daher Germanistik und Romanistik an der Albert-Ludwigs-Universität. "Das war mein erstes Freiburg-Kapitel", erzählt die Autorin. "Danach zog ich, unterbrochen von einigen Umzügen rund um die Welt, noch zweimal dorthin." Kurz nach ihrem Studium war Fritz bereits das erste Mal schriftstellerisch tätig: Sie veröffentlichte gemeinsam mit ihrem Studienfreund Bernhard Thill den Stadtführer "Unbekanntes Freiburg". Im Zuge der Recherche zum Stadtführer stieß Fritz das erste Mal auf den Namen, den Jahre später die Hauptfigur ihres ersten Romans tragen sollte: Catharina Stadellmenin.

Die Freiburger Hexe

Die Geschichte der Frau, die 1599 in Freiburg als Hexe verurteilt wurde, ließ Astrid Fritz nicht mehr los. Das Besondere an dieser Frau: Sie gehörte zu den ersten Frauen aus dem gehobenen Bürgertum, die in Freiburg als Hexe verurteilt wurde. Der Hexenwahn machte also auch vor höheren Ständen keinen Halt. 1994 begann Astrid Fritz, die ersten Kapitel des Romans zu schreiben - und das am anderen Ende der Welt - in Chile, wo sie drei Jahre lang mit ihrer Familie lebte. Doch warum ist ausgerechnet Freiburg als Kulisse für die historischen Romane der Schriftstellerin so geeignet? "Ich finde, dass man sich in Freiburgs Altstadt wahnsinnig gut in das späte Mittelalter hineinversetzen kann. Nachdem die Altstadt im zweiten Weltkrieg so stark zerstört worden war, hatte sich die Stadt ja entschlossen, sie wieder aufzubauen so wie sie war, anstatt alle Trümmer abzureißen und völlig neue Gebäude zu bauen. Diese Stehaufmännchen-Mentalität, der Wunsch danach, dass die Vergangenheit sichtbar bleiben sollte in Freiburg, das macht die Stadt für mich so besonders. Dieser liebevolle Wunsch, die Vergangenheit wie ein Vermächtnis zu betrachten, das man sich auch durch einen Krieg nicht kaputt machen lässt."



Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin türmen sich die Bücher nur so in den Regalen. Und darunter sind viele wissenschaftliche Bände, die ihr immer wieder helfen, sich ins späte Mittelalter hineinzuversetzen. "Bücher sind ein unglaublich wichtiger Bestandteil meiner Recherche", so Fritz. "Heutzutage hat man sogar über das Internet Einsicht in die Stadtarchive, wo es unter anderem auch die Originalschrift des Geständnisses von Catharina Stadellmenin zu sehen gibt. Als ich 2003 das Buch schrieb, war das noch nicht so, da war das Internet eher ein Ramsch-Laden." Doch allein die Bücher reichen nicht aus, um die Fantasie anzuregen. "Im Museum für Stadtgeschichte gibt es ein Modell der mittelalterlichen Stadt Freiburg, das hat mir zur Visualisierung des Ortes sehr geholfen. Wenn man sich anschließend durch die Altstadt des realen Freiburgs treiben lässt, kommen die Geschichten beinahe wie von selbst."

Der Rowohlt-Verlag sagte zu

Eine wichtige Lektion, die Astrid Fritz im Laufe ihrer Karriere als Schriftstellerin gelernt hat, ist das Nicht-Aufgeben. Das Manuskript der Hexe von Freiburg wurde zunächst von sämtlichen Verlagen abgelehnt, woraufhin sie sich noch einmal Hilfe nahm, um es zu überarbeiten. "Es ist ganz erstaunlich, welche Fehler man oft selbst nicht bemerkt", erzählt Fritz. "Die Arbeit von LektorInnen ist für mich von unschätzbarem Wert. Denn sie prüfen den fertigen Roman nicht nur in sprachlichen Aspekten kritisch, sondern bemerken oft auch inhaltliche Fehler. So kann sich eine Romanfigur im 17. Jahrhundert zum Beispiel nicht einfach "auf einen Strohballen fallen lassen", schließlich sind Strohballen maschinell gefertigt und es gab sie erst sehr viel später.

Wenn man bei sowas nicht aufpasst, können sich Gegenstände aus der Zukunft in die Vergangenheit verirren, und das möchte ich nicht, weil ich historisch möglichst realistisch arbeiten möchte." Als Fritz das überarbeitete Manuskript ein zweites Mal an verschiedene Verlage schickte, sagte der Rowohlt-Verlag sofort zu.

Vier bis fünf Stunden Schreiben pro Tag

Wenn Astrid Fritz schreibt, tut sie dies nicht etwa in der Freiburger Innenstadt, sondern in ihrem Arbeitszimmer in der Nähe von Stuttgart. "Ich könnte leider überhaupt nicht im Café oder in der Natur schreiben, weil ich mich viel zu schnell ablenken lasse. Ich brauche meine Ruhe und mein Arbeitszimmer, all die Bücher um mich herum, alte Landkarten und Stadtpläne, in denen ich in Gedanken spazieren gehe. Wenn ich meine Ruhe habe, kann ich mich komplett reinfallen lassen, in die Welt, in die ich mich gerade versenken will." Am Tag schreibt Astrid Fritz etwa vier bis fünf Stunden konzentriert, der Rest des Arbeitstags nehmen Recherche und Bürokratisches in Anspruch.

Auf die Frage, ob sich manchmal auch Charaktereigenschaften von Bekannten in ihre Romanfiguren schlichen, antwortet Fritz: "Ja, das kann schon mal vorkommen. Das Hausmädchen Barbara in Die Hexe von Freiburg ist zum Beispiel eine gute Freundin von mir. Sowas passiert oft einfach beim Schreiben und lässt sich nicht planen. Allerdings hat es in dem Roman dazu geführt, dass ich eine der realen historischen Figuren, die tatsächlich Barbara hieß, in Beate umbenennen musste, damit es keine doppelten Namen gibt."
Website: Astrid Fritz

Wenn ihr übrigens die Idee fehlt, wie sie eine Figur anlegen soll, dann stellt sich Astrid Fritz häufig Schauspieler vor, die sie kennt. Sobald sie die Figur auf diese Weise visualisiert hat, fällt es ihr viel leichter, ihre Eigenschaften zu assoziieren. Für die Personennamen hat die Schriftstellerin eine eigene Datei angelegt, die "Namen" heißt und in der die für die jeweiligen Zeiten typischsten Vornamen nach "Spätmittelalter" und "Neuzeit" sortiert sind. Dort trägt Fritz jeden geeigneten Namen ein, der ihr unterkommt und greift dann auf die Datei zurück, wenn sie eine Figur benennen will.

Distanz zum Inhalt

Gerade in Die Hexe von Freiburg spielt leider auch Folter eine große Rolle. "Ich versuche zu vermeiden, solche Folter-Szenen oder allgemein Gewalt zu voyeuristisch zu beschreiben. Ich finde, man sollte sich da eher zurückhalten, weil es ohnehin schon schlimm genug ist, sich vorzustellen, wie grausam die Verurteilten damals behandelt worden sind. Dann reicht es meiner Meinung nach, mit Andeutungen zu arbeiten, denn ich hasse Romane, in denen die Gewalt beinahe ’genüsslich’ beschrieben wird." Angesichts der schlimmen Schicksale im Zuge der Hexenverfolgungen, die vor allem Frauen trafen, kann man durchaus schon mal sehr wütend werden auf die Ungerechtigkeit der damaligen Gesellschaft. Es gehört jedoch zur Schriftstellerei, in solchen Momenten eine gewisse Distanz zum Inhalt aufrechtzuerhalten: "Beim Schreiben spüre ich den Ärger weniger, weil ich sehr konzentriert bin. Das ist für die Arbeit auch wichtig, ein Anwalt kann ja auch nicht jedes Mal, wenn er mit seinen Mandanten spricht, in Tränen ausbrechen. Der fertige Roman ist für mich am Ende befriedigend, weil ich das Gefühl habe, den Verurteilten, speziell den Frauen, etwas mehr Sichtbarkeit dadurch gegeben zu haben, denn Frauen sind untergegangen in der offiziellen Geschichtsschreibung."
"Ich versuche zu vermeiden, solche Folter-Szenen oder allgemein Gewalt zu voyeuristisch zu beschreiben."

In Bezug auf die vielseitigen Gründe für die Hexenverfolgung in Deutschland ist man sich in der Forschung uneinig. Eine große Rolle dabei haben Angst und Aberglaube in Krisenzeiten gespielt, während derer die Menschen häufig versuchten, Erklärungen für Naturkatastrophen, Missernten und anderes zu finden. Doch nicht immer gab es Krisenzeiten - gerade zur Zeit von Catharina Stadellmenin ging es den Menschen in Freiburg sogar verhältnismäßig gut. Astrid Fritz ist durch ihre historische Recherche zu folgender Position gelangt: "Was ich ganz sicher denke, ist, dass die Menschen in Zeiten großer Umbrüche sehr schnell verunsichert sind. Das sieht man auch in der heutigen Zeit, in der immer mehr Menschen durch gravierende Neuerungen, wie die Digitalisierung und Globalisierung, unsicherer werden. Ihr gewohntes Weltbild verändert sich und sie müssen sich an die neue Zeit anpassen, die oft auch Probleme mit sich bringen kann. In solchen Zeiten kann es passieren, dass die Menschen für die neuen Schwierigkeiten, denen sie begegnen, einfache Erklärungen suchen. Das war zur Zeit der Hexenverfolgung nicht anders: Damals war es der Wandel von Mittelalter zu Neuzeit, der Veränderungen mit sich brachte, es gab in recht kurzer Zeit viele neue Erfindungen und Entdeckungen, die das Weltbild der Menschen revolutionierten und die luthersche Bibelübersetzung, die viele Menschen dazu brachte, ihren Glauben zu hinterfragen. Auch damals versuchten die Menschen, an ihrem Weltbild festzuhalten, den das war was sie kannten, was sie verstanden. Um ein Ventil für die eigene Unsicherheit durch den Wandel des Weltbilds zu schaffen, greift – damals wie heute – oft leider das Sündenbockschema. Jemand, der mit seiner Lebensweise aus der Reihe fällt, wird zum Sündenbock und man macht ihn für die Dinge, die schieflaufen, verantwortlich."

Viele Erinnerungen an Freiburg

Dieser Gedanke ist es auch, den Astrid Fritz mit ihren historischen Romanen aufzeigen möchte: "Es ist wichtig, dass wir unsere Vergangenheit verstehen und sie als Wurzel für die Gegenwart betrachten. Es ist noch nicht allzu lange her, dass in Deutschland solche Zustände geherrscht haben – die letzte Hinrichtung einer vermeintlichen Hexe in Deutschland fand 1775 statt. Wir sollten uns selbst scharf beobachten, dem Mechanismus, zuerst anderen die Schuld geben zu wollen, kritisch entgegenwirken, das Sündenbockschema, sollten wir es bei uns selber bemerken, aufmerksam hinterfragen und auch sensibler dafür werden, dass viele Menschen sich häufig auch heute in ganz einfache Erklärungen flüchten."

Natürlich hat Astrid Fritz auch viele Erinnerungen an ihre Studienzeit in Freiburg. Besondere Bedeutung hat für sie das Café Senkrecht, das es auch damals schon im Innenhof am Platz der Weißen Rose gab, denn dort lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen. "Meine Lieblingskneipe war das Babeuf im Stühlinger, das Theater am Eck in der Wiehre oder auch Webers Weinstube in der Hildastraße, weil sie dort immer ewig aufhatten." Während ihres Studiums hat Fritz selbst einige Studienfach-Richtungswechsel und in ihrer späteren Arbeitszeit viele Umzüge erlebt. Diesbezüglich kann sie Studierenden nur Mut machen: "Auf keinen Fall in Panik verfallen! Horizonterweiterung ist enorm wichtig und jeder Wechsel, jeder Umzug trägt dazu bei, dass der Blick über den Tellerrand immer weiter wird. Aus diesem Grund sind auch Entscheidungen, die man später vielleicht als "Fehler" bezeichnen würde, niemals umsonst."
Wer mehr über die Zeit der Hexenverfolgung in Freiburg und zu Catharina Stadellmenin erfahren möchte, der findet zu Nicht-Covid-Zeiten Stadttouren bei Historix Tours. Online-Veranstaltungstipp: "Hexensabbat 2021 – Eine Expedition in die Walpurgisnacht" am 30. April 2021.

Auch das St. Ursula Gymnasium hat sich im Rahmen des Kurses "900 Jahre Freiburg" mit Catharina Stadellmenin beschäftigt und ein Kunstprojekt entwickelt: hexe-catharina-stadellmenin-1.jimdosite.com/