Deutschrussendisko

David Weigend & Dominic Rock

Russische Jungs antworten nach dem dritten Bier meist nur "Tak Sebje" ("Geht so"), russische Mädels tragen Stiefel, die Jungs nervös machen. Soweit das Klischee. Aber wie ist sie wirklich, die russische Partyszene in Südbaden? Wir haben uns umgeschaut.



Klassno wigljadjat

Dobro poshalowat - Willkommen im Cult Club! Er existiert seit September 2006, liegt an der Waldkircherstraße in Freiburg und hieß früher mal „Cinderella“. 400 Deutschrussen aus der gesamten Region besuchen das Tanzlokal unterm Kaufland jeden Samstag. Schon am Eingang wird man auf russisch angesprochen, von Sicherheitsmann Ivan, der die Gäste mit einem Metalldetektor abtastet. Der vordere Teil der Lokalität ist mit Sofas staffiert und gleicht einer düsteren Hotellobby. An der Wand Airbrush-Motive, die an die Achterbahnästhetik der Achtzigerjahre erinnert.



Viele junge Männer, durchweg mit Kurzhaarschnitt und trainiertem Bizeps, stehen und sitzen hier im Anzug, den obersten Hemdknopf gelöst; einige tragen ihre Silberhalskettchen gut sichtbar überm Kragen. Auch die Frauen haben sich fein gemacht, ihre Dolce-Gabbana-Handtaschen abgelegt und tanzen. Es läuft der russische Hit „Ja Tebja Ukradu“ von El Rico.

Die Männer schauen sich das meist schweigend an. „Klassno wygljadjat“, sagt einer – „Die sehen klasse aus.“ Er lehnt am Tresen, der die Tanzfläche wie ein Hufeisen umschließt, und trinkt Vodka. Der Liter kostet hier 60 Euro. Dann entsorgt er seinen Kaugummi in einem extra dafür vorgesehenen Kübelchen.



Der Cult Club ist einer von sechs Diskotheken in Südbaden, die als Treffpunkt von Deutschrussen gelten –  das „Pharao“ in Offenburg oder der „Club Maximum“ in Weil, um nur zwei weitere zu nennen. Einerseits sind das ganz normale Discos mit gewöhnlichen Trink- und Balzritualen und bewährten Mottoabenden – eben nur mit einer kulturell definierten Zielgruppe. Andererseits hat ein Samstagabend im „Cult Club“ mit dem Szenario aus Kaminers „Russendisko“, die Anfang der 1990er Jahre in Berlin spielt, nur wenig zu tun. Hier geht es nicht um ironisierte Sowjetideale.



Wer bin ich?

Und den Menschen, die im „Cult“ feiern, fällt es nicht ganz leicht, ihre Identität festzulegen. „Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wer ich bin. Mütterlicherseits bin ich deutsch. Väterlicherseits bin ich Russe, Pole, Moldawier. Ich fühle mich nicht wie ein echter Russe. Aber auch nicht wie ein Deutscher, obwohl ich einen deutschen Pass habe.“ Das sagt Alex Aljutow, 28. Als DJ Impulse steht er an den Plattenspielern des Cult Clubs und legt „Moskau House“ auf.

Alex wurde in Kasachstan geboren und siedelte vor zehn Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland über. Zur Zeit arbeitet er in Bubsheim (Landkreis Tuttlingen) als Verfahrensmechaniker und bietet den Deutschrussen der Region an Wochenenden musikalische Nostalgieabende. „Vielleicht kann man das ein wenig vergleichen mit Deutschen, die nach Mallorca fahren, und am Ballermann deutsche Partyhits hören.“ Das sieht Viktor Stoppel ähnlich. Der 22-jährige Deutschrusse aus Breisach geht öfters ins „Energy“ nach Riegel, um russische Musik zu hören, und sagt: „Gerade wenn man ein paar alte Lieder hört, die man noch aus der Jugend kennt, fühlt man sich der Heimat nahe.“ Als Viktor nach Deutschland kam, war er 10.

Alex fliegt regelmäßig nach Moskau. Dort leben Tante, Cousine und viele Freunde. Die besorgen ihm auch die russischen House-Remixes, die er hier auflegt. Den Rest bekommt er übers Internet. Wenn Alex in Moskau zu Besuch ist, geht er dort meist ins „Ibiza“. Dort läuft paradoxerweise kein russischer, sondern amerikanischer House.



Die Russen, sagt Alex, sind Partyleute. Viele Clubbetreiber bestätigen das und sprechen von einer Zielgruppe, die mehr Umsatz bringt als Deutsche, den Wodka flaschenweise kauft und feiertechnisch keine Grenzen kennt. Wir blicken auf die Tanzfläche. Stimmt.

Dann aber fügt der DJ hinzu: „Ich vermute, dass wir in zehn Jahren fast keine russischen Discotheken mehr in Deutschland haben werden. Weil die jüngeren Deutschrussen nur deutsch reden und kaum noch russisch verstehen.“ Mancher Politiker würde wohl von „gelungener Integration“ sprechen. Das „Fantasy“ in Auggen hat bereits dicht gemacht.



Deutschrussischer Heimatabend

Dana „Jimmy“ Dugagjin, der albanische Geschäftsführer des Cult Clubs, macht sich darüber noch keine Gedanken. Am Finger trägt er einen goldenen Ring mit Löwenkopf, der im Strobolicht gediegen aufblitzt. „Am Anfang war ich skeptisch“, sagt Dugagjin. „Aber es funktioniert. Sie sehen es ja.“ Deutsche seien natürlich auch willkommen. Allerdings müsse man aufpassen, dass sich nicht zu viele Kulturen mischen. Da könne man schnell etwas kaputtmachen.



Trinken, prügeln, verbrüdern

Auch Dimitri Alimow, 28 und Geschäftsführer der Diskothek Scores in Freiburg, lässt am Eingang selektieren. „Einige sagen, wir seien eine Russendisko. Das Wort will ich aber vermeiden. Klar läuft bei uns auch Moskau House und es gibt Russian Standard Vodka. Aber ich lasse nicht alle Russen rein. Die, die reinkommen, sollen sich auch gut mit den deutschen Gästen vertragen.“

Alimow lebt seit 1995 in Südbaden und auch bei ihm ist die Frage nach der Heimat eine schwierige. „Eher Freiburg. Aber ich bin auch stolz auf meine russische Herkunft.“ Einige Deutschrussen, die hier leben, würden es jedoch ein wenig übertreiben mit dem Stolz, sagt Alimow. „So ist das eben in unseren Clubs. Man lässt die Sau raus. Es wird getrunken, getanzt zu russischer Musik und dann poliert man sich die Fresse wegen einem Mädchen. Und nach fünf Minuten trinkt man wieder Vodka zusammen. Das ist normal bei uns.“

Mehr dazu:




Clubs mit russischer Musik in der Regio

  • Cult Club, Waldkircherstr. 57, 79106 Freiburg; samstags 22-4 Uhr; Telefon: 0761 / 5031559
  • Scores, Nussmannstr. 9, 79098 Freiburg;  Freitag und Samstag  ab 22 Uhr
  • Pharao, Im Drachenacker 6, 77656 Offenburg; Tel: 0781 / 2841804
  • Energy, Oberwald 37, 79359 Riegel; Freitag und Samstag: 22-4 Uhr; Telefon: 0174 / 33 28 247
  • Club Maximum, Baslerstrasse 45 , 79576 Weil am Rhein, samstags 23 Uhr bis 4 Uhr; Telefon: 07621 / 1698588
  • Airpark, Winnipeg Avenue B207, 77836 Rheinmünster (am Baden Airpark)

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