Ungewöhnliches Projekt

Der Vulva-Abreißkalender aus Freiburg ist schon ausverkauft

Anika Maldacker

365 Tage, 365 Vulven: Ein Abreißkalender eines Freiburger Kollektivs will das weibliche Geschlechtsorgan aus der Tabuzone holen. Die erste Auflage ist schon vergriffen.

Sie haben zwei Jahre an ihrer Idee gearbeitet. Sie haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Sie wurden kritisch beäugt. Doch am Ende hat das fünfköpfige Vulvaversity-Kollektiv aus Freiburg sein Ziel erreicht: Einen Abreißkalender für 2021 – mit 365 verschiedenen Vulven.


Mehr als 400 Frauen haben sich fotografieren lassen. Obwohl es auch kritische Stimmen gibt, ist ihr Projekt ein Erfolg. Denn die erste Auflage mit 750 Kalendern ist ausverkauft. Und inzwischen interessieren sich auch überregionale Medien für den ungewöhnlichen Kalender aus Freiburg.

Im Sommer 2019 stellt das Vulvaversity-Kollektiv seine Idee vor: Bei Fotoshootings können Frauen und alle Menschen mit Vulva sich untenrum fotografieren lassen und ein Bild davon mitnehmen. Wer will, konnte dem Kollektiv sein Vulva-Foto anonym für einen geplanten Abreißkalender überlassen.

"Meistens kennt eine Frau nur eine Vulva, nämlich ihre eigene." Indra Küster
Die Idee dahinter: Die Vulva zu entmystifizieren und aus der Tabuzone zu holen. "Wir wollten ganz bewusst kein Hochglanzmagazin mit Vulvafotos herausbringen, sondern ein ganz alltägliches Produkt erschaffen", sagt Indra Küster vom Vulvaversity-Kollektiv. Denn: Nachdem die fünf Freunde 2019 einen Film über weibliche Sexualität geschaut haben, wurde ihnen bewusst, wie wenig sie über das weibliche Sexualorgan wussten. "Die meisten heterosexuellen Frauen kennen nur eine Vulva, nämlich ihre eigene, wenn sie die überhaupt schon bewusst angeschaut hat", sagt die 30-jährige Küster.

13 Fototermine in ganz Deutschland

Die Idee dazu ist nicht ganz neu. Denn seit einigen Jahren gibt es immer wieder Projekte, die dem weiblichen Geschlechtsteil mehr Aufmerksamkeit zuteil werden lassen wollen. Es gibt Workshops, bei denen man eine Vulva aus Salzteig formen kann. Es gibt Vulva-Kunstwerke, sogar eine Mutter Gottes in Vulva-Form, die tagelang an der Universitätskirche in Freiburg hing.

An 13 Fototerminen hat das Kollektiv seit Mitte 2019 Fotos von Freiwilligen gesammelt. Die meisten davon fanden in Freiburg statt, aber es gab auch Termine in Berlin, Leipzig oder Schweden. Dabei haben die fünf Initiatorinnen sich zunächst selbst gegenseitig fotografiert. "Es war für uns auch eine Überwindung, aber wir wollten das selbst ausprobieren, bevor wir andere darum bitten", sagt Indra Küster. Anschließend hat sich das Kollektiv bei jedem Fototermin mit Vulva-Bild vorgestellt. "Das hat das Eis gebrochen", sagt Küster. Viele Teilnehmerinnen seien beim Fotografieren nervös gewesen, einigen hätten stundenlang mit der Entscheidung gerungen.

Ein Zeichen gegen Schönheits-OPs im Intimbereich

Überraschend war für Indra Küster, wie vielfältig Vulven sein können. "In der Theorie wusste ich das natürlich", sagt sie, aber deutlich sei es ihr erst mit dem Kalender geworden. Es gebe keine Norm-Vulva. Studien belegten das. Damit will das Kollektiv auch ein Zeichen gegen den Trend, Schönheits-Operationen im Intimbereich durchzuführen, setzen. Die internationale Gesellschaft für plastische Chirurgie schreibt in einer Studie, dass die Zahl der Operationen an den Schamlippen zwischen 2014 und 2018 weltweit um ein Viertel gestiegen ist. Oft werden dabei die inneren Schamlippen verkleinert.

"Beim nächsten Kalender wollen wir diverser sein." Indra Küster
Im Oktober 2020 hat das Kollektiv die Veröffentlichung des Kalenders in Freiburg gefeiert. Inzwischen sind alle 750 Exemplare der ersten Auflage vergriffen. "Wir waren spät dran für das Kalendergeschäft, daher haben wir die Auflage klein gehalten", sagt Indra Küster. Auch die überregionalen Medien interessieren sich inzwischen für das ungewöhnliche Projekt aus Freiburg. "Wir hatten schon mehrere Interviews in den vergangenen Tagen", sagt Indra Küster.

Der nächste Abreißkalender für 2022 ist schon geplant. Das Kollektiv will dafür nicht alle 365 Blätter mit neuen Vulven füllen. "Ich denke, dass der Kalender die Diversität der Vulva schon ganz gut abbildet. Aber beim nächsten Kalender wollen wir diverser sein, besonders was das Alter angeht", sagt Indra Küster. Denn im aktuellen Kalender sei das Gros der Frauen 25 bis 35 Jahre alt – und weniger jüngere oder ältere.

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