Video

Der Freiburger Videokünstler Oltscho will etwas verändern

Jens Kitzler

Der Freiburger Künstler Oltscho hat ein konsumkritisches Musikvideo produziert, als Oliver Scherz dagegen ist er in einem ganz anderen Genre sehr erfolgreich.

Entspannt sitzt der Mann an einer Art Theke und konsumiert – im wahrsten Sinne – wie am Fließband. Dies schon versucht, dort schonmal gewesen? Probiert, ex und hopp, was kommt als nächstes? Von irgendwo kommen die Dinge, irgendwohin verschwinden sie, wen juckt’s. Zweifel dämpft die elfenhafte Stimme aus dem Kopfhörer: "Alles ist gut, mach weiter, dann bleibt es auch so", haucht sie. Doch das stimmt nicht. Auf Dauer bekommt die Selbsttäuschung Risse und die Sache gerät zum Albtraum, die Akustikgitarre wird von verzerrten Riffs verdrängt und das Fließband fährt die Abgründe unseres verantwortungslosen Umgangs mit Umwelt und Mitmenschen heran – bis der Mann beschließt: Ich muss was verändern. "Got To Move".

Oltscho nennt sich der Schöpfer des Videos, dahinter steckt der in Freiburg lebende Oliver Scherz. ",Got To Move‘ befasst sich mit unserer gesellschaftlichen Verantwortung und der Bequemlichkeit, die viele davon abhält, dieser Verantwortung gerecht zu werden", sagt er. "Gewohnheiten sind schwer zu durchbrechen und unsere Konsumwelt hält genügend Ablenkungen bereit. Dabei ist es gerade unser Konsum, der so viele Probleme hervorruft. Und jeder sollte sich fragen: Was kann ich daran ändern?"



Ein Musik-Kurzfilm, das passt erstmal gut, wenn man weiß, dass Oliver Scherz studierter Schauspieler ist, am Theater gespielt hat und später in TV-Produktionen – in Serien und auch mal in einem "Tatort". Aber so linear ist seine Biographie nicht. Im Jahr 2012 hörte er, inzwischen Familienvater geworden, mit der Schauspielerei auf und wurde Kinderbuchautor. Und zwar ein sehr erfolgreicher: Wer nach Titeln wie "Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika" googelt, der weiß, dass Scherz’ Bücher wiederkehrend in den Spiegel-Bestsellerlisten landen und sie zwischen Kiel und Klagenfurt in Buchhandlungen und Stadtbibliotheken stehen. Und natürlich in Kinderzimmern. Oft verlässt Oliver Scherz Freiburg für Lesetouren.

Eine Karriere aus der heraus es einen nicht zwangsläufig drängt, sich plötzlich über ein dreiviertel Jahr für die Komposition von Musik zurückzuziehen und ein weiteres halbes Jahr in den Dreh eines Musikfilms zu investieren. Doch Oliver Scherz will derzeit eben Musik machen und pausiert deswegen auch mit dem Schreiben. "Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren, damit sie gut werden kann." Und er ist Oltscho, weil die Identitäten getrennt bleiben sollen: Weil er jetzt eben Filmer und Musiker ist und nicht der Kinderbuchautor, der Musik macht – überdies ist sein Video auch keines, das man kleinen Kindern vorführt.

Ein vergessenes Fließband vom Nürnberger Theater

Eine Nebenbei-Produktion ist der Film nicht. Hinter dem Dreh stecken eine 25-köpfige Crew samt Stuntman und Kameraprofi. Gefilmt wurde in einer angemieteten Lagerhalle in March. Keine billige Angelegenheit: Das Freiburger Kulturamt gab 4500 Euro, deutlich mehr steuerte Oliver Scherz selbst bei. Vielleicht die schwierigste Frage: Woher sollte das Fließband kommen? "Ich habe in halb Deutschland rumtelefoniert", sagt Scherz. Eine Firma wusste schließlich, dass sie vor fast 20 Jahren mal so ein Ding an ein Theater in Nürnberg geliefert hatte. Dort staubte das Gerät vor sich hin. Nach Freiburg gebracht, bekam es seine Rolle als verführerischer Konsumapparat.

Das Video von Oltscho alias Oliver Scherz ist auf Youtube zu sehen und als Song auf den gängigen Streamingdiensten zu hören. Scherz hofft nun, die Botschaft verbreiten zu können – und vielleicht auf einen Erfolg bei einem der vielen Festivals, bei denen er "Got To Move" eingereicht hat. Beim UK-Film Festival in London reichte es kürzlich zu Platz vier in der zugehörigen Kategorie.