Interview

Der Freiburger Verein Wildwasser unterstützt Betroffene sexueller Gewalt

Viola Priss

Was tun, wenn der Lockdown mit sexueller Gewalt verbunden wird? Sandrina und Stefanie sind "Peer to Peer"-Online-Beraterinnen des Vereins Wildwasser. fudder erzählen sie, wie ihr Team, Betroffene jetzt unterstützt.

Was können sich Frauen und Mädchen genau unter der "Peer-Online-Beratung" von Wildwasser vorstellen?

Stefanie: In erster Linie wollen wir uns damit besonders an junge Frauen und Mädchen wenden, die Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in jeder Form machen mussten. Es spielt dabei keine Rolle, wie lange das Erlebte zurück liegt, ob die Missbrauchserlebnisse aktuell sind oder nicht. Da der Gedanke hinter "Peer to Peer" ist, einen Ansprechpartner im ungefähr selben Alter zu haben, sind die Onlineberaterinnen selbst etwa zwischen 20 und 30 Jahren alt. Der Gedanke hinter "Peer to Peer" ist, einen Ansprechpartner, im ungefähr selben Alter, sprich etwa der gleichen "Peer-Group" und dadurch auf Augenhöhe zu haben. Wir haben aber auch Klientinnen die 40 sind, auch das ist kein Problem. Einmal im Monat findet eine Supervision für das gesamte Team statt, jeder ist in seiner Beratung geschult, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig.

Sandrina: Genau. Trifft eine E-Mail bei uns ein, wird diese garantiert innerhalb der nächsten drei Tage beantwortet. Die E-Mails werden streng vertraulich behandelt und sind völlig anonym. Das bedeutet, auch, wenn sich die Betroffene vielleicht nicht sicher ist, ob sie überhaupt den Kontakt möchte, oder aber sich fragt: War das überhaupt Missbrauch?, ist das kein Problem. Es muss auch gar nicht direkt über das, was erlebt wurde, gesprochen werden, da ist die Klientin völlig frei. Wir sind einfach da und haben ein offenes Ohr. Auch in Fällen, wie "Hey, es geht mir einfach gerade nur mies. Mehr kann ich gerade gar nicht in Worte fassen", können Betroffene sich gerne an uns wenden.

Erlebt ihr gerade, dass durch die vermehrte freie Zeit, verdrängte Erinnerungen oder auch frische Erfahrungen in der unfreiwilligen Auszeit vermehrt hochkommen?

Sandrina: Es kommt durchaus vor, dass Klientinnen derzeit vor ganz speziellen Herausforderungen stehen. Sei es, dass das Erlebte hochkommt oder aber die Betroffenen noch oder wieder in einer Konstellation leben, in denen sie aktuell Täterkontakt ausgesetzt sind. Die angeeigneten Strategien um mit diesen Situationen umzugehen, sind noch schwerer als sonst schon. Die Ausweichmöglichkeiten sind begrenzt, der private Raum wird noch kleiner oder löst sich ganz auf. Häufig sind die Betroffenen sehr kreativ und gut im Schaffen gefahrenarmer Zonen. Wenn dann aber auch noch beispielsweise das Zimmer mit jemand anderem geteilt werden muss, das Café als Zufluchtsort wegfällt oder einfach keine Minute die Möglichkeit besteht, in Ruhe am Handy zu sein, kann es schon eng werden.

Stefanie: Wir machen uns durchaus Sorgen und Gedanken um diejenigen, die nicht oder nur schlecht ausweichen können. Ein ganz besonders schwieriger Faktor ist dabei aber auch das Thema Kontrollverlust. Das erleben wir gerade zwar irgendwie alle, doch häufig kommt es bei Betroffenen vor, dass in einer solchen Situation, das alte Gefühl "ausgeliefert zu sein" eine ganze Kette an Gefühlen und Erinnerungen nach sich zieht. Dieses Ohnmachtsgefühl zu teilen, kann manchmal schon helfen.

Ist auch die Menge an Zuschriften und Anrufen gestiegen?

Stefanie: Das ist bisher nicht der Fall. Wir vermuten dahinter allerdings nichts, was Grund zum Aufatmen gäbe. Also nicht ein verminderter Bedarf, sondern eher verminderte Möglichkeiten, unser Angebot wahrzunehmen. In unserer Beratungsstelle ist die persönliche Beratung vor Ort nur eingeschränkt unter Wahrung der Hygienevorschriften möglich. Viele Klientinnen möchten das im Moment auch gar nicht. Bloß ist auch das telefonische Angebot für manche nicht oder nur schwer wahrzunehmen. Da überlegen wir schon, wie wir Betroffene gerade jetzt erreichen können. Zum Beispiel über unseren Instagram-Account @wildwasserfr, haben wir derzeit aktuell eine spezielle Aktion gestartet. Unter dem Hashtag #gemeinsamfürmädels soll unser Beitrag mit Hinweis auf die Online-Beratung geteilt werden und User selbst ein Bild von sich und einer Person, die für einen da ist posten. Der Sinn dahinter ist, dass im eigenen Umfeld auf die Online-Beratung aufmerksam gemacht wird und so vielleicht Betroffene erreicht werden.

Sandrina: Ein ganz großer Faktor ist auch die Scham und Schuldgefühle. Oftmals sind diese Gefühle die Hürde, sich jemandem anzuvertrauen. Ganz wichtig ist uns, dass die Betroffenen wissen: Ihr habt keine Schuld, ihr braucht euch für absolut nichts schämen.Wir wissen, es ist jetzt gerade besonders schwierig. Und wir wünschen allen, dass sie es gut durchstehen. Aber ihr müsst da nicht alleine durch. Wir sind da.

Wie kann man als Außenstehender oder Angehöriger helfen? Sowohl euch in eurer Arbeit, als auch Betroffenen im Freundes- und Bekanntenkreis?

Stefanie: Zum Einen gibt es durch die sozialen Kanäle, wie eben Instagram oder Facebook, die Möglichkeit, an die Frauen und Mädchen heranzukommen, die den Bedarf haben. Wenn man uns also folgt, teilt und bei unserer Fotoaktion mitmacht, erhöht das schonmal unsere Reichweite. Gleichzeitig ist es aber immer wichtig, jetzt ganz besonders, achtsam mit seinem Umfeld umzugehen. Sich zu erkundigen, nachzufragen und zu signalisieren "Du kannst Dich an mich wenden".

Sandrina: Generell gilt: kein Tabuthema daraus machen. Wenn das Thema sexuelle Missbrauchserlebnisse weniger totgeschwiegen werden würden, wäre unendlich vielen Betroffenen schon sehr geholfen.