Nach Schließung

Der Freiburger Tafelladen hat wieder auf – und die Wartezeiten sind lang

Anja Bochtler

Der Tafelladen an der Schwarzwaldstraße hat nach dem Corona-Lockdown seinen Betrieb wieder aufgenommen. Jeden Tag ist zu sehen, wie wichtig das ist. Und die Kunden müssen viel Zeit mitbringen.

Früher war er mal Sozialarbeiter. Jetzt steht er mit der Nummer 102 in der Hand vor dem Tafelladen an der Schwarzwaldstraße. Es ist Nachmittag, rund 25 Menschen warten im Freien. Seit der Wiedereröffnung nach der Corona-Pause vor eineinhalb Wochen dürfen neben sechs Beschäftigten an den Theken und der Kasse nur vier Kundinnen und Kunden gleichzeitig hinein. Bis auf Einzelne, die sich über die Wartezeiten beschweren, klappt das gut.


Der Mann mit der Nummer 102, der anonym bleiben will, ist mittags um 12 Uhr gekommen. Als er die 102 bekam, wusste er, dass es länger dauern würde: 14 bis 15 Uhr steht auf der Nummer. Pro Stunde können 25 Menschen rein, alle ab der Nummer 100 haben frühestens um 14 Uhr eine Chance. Kein Problem, findet der Mann mit der 102. Er hat die zwei Stunden für andere Besorgungen genutzt. Manchmal bringt er sich auch was zum Lesen mit. Er ist froh, dass er im Tafelladen günstig einkaufen kann, seine Rente ist klein; davor hat er länger von Arbeitslosengeld II gelebt. An diesem Nachmittag hofft er auf Tomaten und Erdbeeren. Doch was es noch geben wird, wenn er an der Reihe ist, das weiß er nicht.

Kartoffeln, Tomaten und Paprika sind knapp

Die Frau, die ein paar Meter weiter im Laden beim Obst steht, wählt statt Erdbeeren lieber drei Äpfel. Es gibt auch Trauben, Melonen und Orangen, doch jede Einzelperson darf nur eine Obstsorte aussuchen. Dazu kommen fünf Bananen für jeden, denn von denen gibt’s an diesem Tag viele. Ähnlich ist es beim Gemüse: Kartoffeln, Tomaten und Paprika sind knapp, davon dürfen Alleinlebende eine Art aussuchen, Karotten dagegen bekommen alle. Auch Salate, Kräuter, Kohlrabi, Lauch und grünen Spargel gibt’s genug.

Ortrud Speck (78) steht hinter der Gemüse-Plexiglasscheibe, die an allen Bereichen Mitarbeiter und Kunden trennt. Sie ist eine der 150 von insgesamt mehr als 200 Ehrenamtlichen, die nun wieder im Einsatz sind – obwohl die meisten so wie sie wegen ihres Alters zur Corona-Risikogruppe gehören.

Molkereiprodukte sind meist Mangelware

Karin Binz (56) an der Kasse ist eine der Jüngeren, seit neun Jahren engagiert sie sich im Tafelladen: "Das ist eine sinnvolle Sache", findet sie. Durch die Kundenbegrenzung ist es ruhiger als früher. Vereinzelt beschwert sich jemand, so wie ein Mann beim Gemüse, der über dreieinhalb Stunden Wartezeit schimpft. Doch den meisten ist klar, dass es in Corona-Zeiten nicht anders geht. An Einschränkungen sind die Tafelladen-Kunden gewöhnt, denn hier gibt es immer nur das, was die zwei Fahrer zwischen 5.30 und 15 Uhr bei rund 35 Geschäften einsammeln und was sonst weggeworfen würde.

Molkereiprodukte sind meist Mangelware, an diesem Nachmittag sind nur noch einzelne Joghurtbecher übrig, außerdem H-Milch. Statt Fleisch ist nur Wurst da. Wer will, kann aber Tofu kaufen. Oder bis zu zehn Lindt-Osterhasen pro Person – die sind immer noch übrig, weil der Laden an Ostern geschlossen war, sagt Hatto Müller, der stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins "Freiburger Tafel". Ein Osterhase koste 20 Cent, die üblichen Preise seien immer ein Zehntel des Ladenpreises.

In den sieben Wochen Corona-Pause wurden die Kunden mit abgepackten Tüten versorgt. Und der Laden wurde geputzt und nach Corona-Regeln umgestaltet: Statt Holztischen gibt’s neue Edelstahl-Tische, die sich gut reinigen lassen. Plexiglas-Scheiben, Masken und Wartenummern sollen möglichst viel Schutz bieten. Wer im Lager arbeitet, hat ohnehin wenig Kontakt zu anderen: Emilia Kolmorof (71) steht mit Abstand neben vier anderen, die gelieferte Waren vorbereiten. Sie sortiert Erdbeeren aus und ist froh, dass sie nun wieder unter Menschen kommt. Ihr Mann ist vor zehn Jahren gestorben, umso wichtiger ist ihr die Arbeit im Tafelladen. Der Tafelladen, Schwarzwaldstraße 58 a, ist montags bis freitags von 10 bis 15.45 Uhr geöffnet. Alle müssen eine Nummer ziehen, die festlegt, wann sie den Laden betreten können. Einkaufen können Menschen mit wenig Geld, die eine Kundenkarte haben. Sie kann beantragt werden, wenn Unterlagen vom Jobcenter oder Einkommens- und Mietnachweise oder Wohngeldbescheide vorgelegt werden. Zurzeit kommen täglich rund 150 Kunden, vor Corona waren es bis zu 250. Vermutlich hätten viele Angst vor Ansteckung, vermutet Hatto Müller vom Trägerverein Freiburger Tafel. Seit Beginn der Corona-Pandemie seien bisher rund 20 neue Kundenkarten ausgestellt worden. Kontakt: Tel. 0761/ 2927246
www.freiburger-tafel.de