Erfahrungsbericht

Der etwas andere Nebenjob: Wie ich im Lockdown zur Reinigungskraft wurde

Lara Schwalb

Die Corona-Pandemie hat viele Studierende den Nebenjob gekostet. Gleichzeitig haben sich durch Lockdown und steigende Infektionszahlen aber auch neue Einsatzmöglichkeiten ergeben. fudder-Autorin Lara berichtet von ihrem etwas anderen Nebenjob.

Es ist November 2020, neue Ausgangsbeschränkungen sind vor kurzem von der Bundesregierung beschlossen worden: Restaurants müssen wieder schließen, Kontakte werden erneut reduziert, das öffentliche Leben wird Stück für Stück heruntergefahren und in meinem Posteingang landet ein Angebot, das mich den Epizentren der Pandemie näherbringen wird, als ich jemals erwartet hätte.
"Ich habe ich gelernt, welche Menschen hinter dem Begriff systemrelevant stecken."

Für die nächsten Wochen bietet sich mir die Möglichkeit, das Reinigungsteam auf der Chirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Freiburg zu unterstützen. Ich werde hautnah mitbekommen, wie der Kampf gegen das Virus für manche Menschen enden kann und erfahren, welchen Mehraufwand die Corona-Pandemie für die Gesundheitsversorgung nach sich zieht.

Helfende Hände in den Reinigungsteams gesucht

Das Angebot, im Universitätsklinikum auszuhelfen, kommt nicht von irgendwo her: Eigentlich arbeite ich nebenberuflich für die Freiburger Agentur Zentgraf Team Support, für die man mich in der Regel beim Flyer verteilen an Messeständen oder beim Kellnern auf Hochzeiten und anderen Events findet. Die Corona-Pandemie hat dieser Art der Beschäftigung allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Stattdessen ist die Agentur eine Kooperation mit dem Universitätsklinikum Freiburg eingegangen: Auf Grund steigender Infektionszahlen und der Ungewissheit, wie diese Pandemie weiter verlaufen wird, hat das Klinikum bereits im ersten Lockdown Anfang des Jahres helfende Hände in den Reinigungsteams, bei den Logistikarbeiten und Einlasskontrollen der Besucherströme gesucht.

Für viele Studierende sind in dieser Zeit Nebenjobs in der Gastronomie oder Kulturbranche weggefallen. So haben sich schnell Freiwillige gefunden, die im Namen der Agentur Zentgraf angefangen haben, in der Klinik auszuhelfen. Auch ich habe bereits Anfang des Jahres das Reinigungsteam auf der Intensivstation unterstützt.

Auf einmal stand ich mitten im Geschehen

Eigentlich studiere ich ein geisteswissenschaftliches Fach an der Uni. Meine Erfahrungen mit Krankenhaus, Medizin und allem was so zur Gesundheitsversorgung dazu gehört, halten sich dementsprechend in Grenzen. Nicht ohne Grund bin ich also ziemlich aufgeregt und gespannt gewesen, was mich in diesem neuen Umfeld erwartet. Doch für Bedenken oder ähnliches ist mir nicht viel Zeit geblieben: Gleich an meinem ersten Tag bin ich mit Einmalhandschuhen ausgestattet, dem Desinfektionsspender vertraut gemacht worden und schneller als ich gucken konnte, stand ich mitten im Geschehen und habe einen Wischmopp in der Hand gehalten.

Wie sich herausstellt, die beste Methode, um mich mit meiner neuen Arbeit vertraut zu machen: Bekanntlich lernt man ja auch schneller, wenn man einfach ins kalte Wasser geworfen wird. Dass die Patienten hier an jede Menge Kabel, Monitore und Infusionen angeschlossen sind, hat mich anfangs jedoch leicht panisch gemacht. Kaum auszumalen, was wohl passiert, wenn ich aus Versehen mal den falschen Knopf drücke. Die Stummschalte Taste in einer Zoom-Konferenz versehentlich zu deaktivieren erschien mir plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Doch im Laufe der Wochen habe ich gelernt, von welchen Kabeln und Knöpfen ich mich lieber fernhalten sollte, welches Material weggeschmissen werden darf und welches nicht und mit wem man sich gut stellen muss, um gratis Kuchen abzustauben.

Den Boden wischen neben Menschen an Maschinen

Persönlich ist es anfangs eine große Herausforderung gewesen, mich nicht von den Patienten ablenken zu lassen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl neben einem Menschen den Boden zu wischen, der an eine Maschine angeschlossen ist, die für ihn das Atmen übernimmt. Außerdem habe ich gelernt, was es bedeutet unter starkem Zeitdruck zu arbeiten. Durch Notfälle, die auftreten können, aber auch durch festgelegte Routinen, wie Zeitbegrenzungen, in denen Zimmer gereinigt sein müssen, habe ich immer mit einem Blick auf die Uhr meine Aufgaben erledigen müssen.

Hier habe ich auch gemerkt, dass meine Arbeit wirklich von Hilfe ist, da diese Zeitpläne sonst nicht eingehalten hätten werden können: durch den Hygienemehraufwand, der durch die Corona-Patienten zustande kommt, wäre es für unser Team sonst schwierig geworden, rechtzeitig fertig zu werden. Neu für mich und ebenso herausfordernd ist auch der frühe Arbeitsbeginn gewesen: Um sechs Uhr heißt es "antreten" in der Uniklinik; durchaus früh, wenn Vorlesungen in der Regel nicht vor zehn Uhr beginnen.
"Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Kampf gegen das Virus aussehen kann."

Persönlich kann ich heute sagen, dass dieser etwas andere Nebenjob eine totale Bereicherung für mich gewesen ist. Zum einen habe ich einen ganz anderen Blick auf die Auswirkungen erhalten, die eine Infektion mit dem Corona-Virus nach sich ziehen kann: Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Kampf gegen das Virus aussehen kann, beatmet und allein in einem sterilen Krankenhausbett. Und ich habe miterlebt, wie dieser Kampf enden kann, sowohl positiv als auch negativ. Zum anderen habe ich gelernt, welche Menschen hinter dem Begriff "systemrelevant" stecken: Es sind Ärzte und Pfleger die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen, aber ohne die Arbeit der Reinigungskräfte würde auch deren Arbeit erschwert werden.

Meine ehemaligen Kollegen müssen für Reinigung und andere hauswirtschaftliche Arbeiten genauso die Zimmer der Covid-Patienten betreten und setzen sich damit ebenso dem Infektionsrisiko aus. Sie haben genauso einen erhöhten Mehraufwand in ihrem Arbeitsalltag und erschwerte Arbeitsbedingungen, die durch das Tragen von FFP2-Maske oder Schutzkleidung entstehen.

Heute bin ich sehr froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe und, auch wenn es eine etwas andere Arbeit war, den Entschluss gefasst habe, mich darauf einzulassen. Wenn ich heute mit dem Fahrrad an der Uniklinik vorbeifahre, nehme ich diesen Ort anders wahr, denn ich weiß: Dort kämpfen Menschen um das Leben von Patienten; angefangen beim Oberarzt auf der Intensivstation, über die Hauswirtschaftskraft im Bettendienst, bis hin zum Logistiker im Materialtransport. Jeder Einzelne von ihnen trägt seinen Teil dazu bei, dass unsere Gesellschaft diese Pandemie überstehen wird.

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