Demokratie in der Frühstückstüte

Martin Jost

Montagmorgen um sechs im Hochhaus: Klingeling, Tür auf, Tüte Milch geschenkt. Was soll das denn? – Die Einwohner von Freiburg-Weingarten könnten politischer sein, findet die Landeszentrale für politische Bildung und klingelt sie raus, um Milch und demokratisches Selbstbewusstsein zu verteilen. Martin war für fudder dabei.



Im Eingangsbereich des Wohnhochhauses Krozinger Straße 58 in Freiburg-Weingarten. Es ist Montagfrüh, kurz nach sechs Uhr. Susanne Hilpert sichert den Nachschub. Die 27-jährige Politikwissenschaftlerin bewacht zwei Einkaufswagen voll brauner Papiertüten. In jeder Tüte: Ein Stück Demokratie.

Gewissermaßen. Auf den Tüten steht: „Demokratie leben“. Drin stecken eine Packung frischer Milch, eine Brezel, ein Flyer, ein Baden-Württemberg-Puzzle und ein Taschenbuch mit Grundgesetz und Landesverfassung. Susannes Kolleginnen und Kollegen von der Freiburger Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) haben die Stockwerke des Hochhauses unter sich aufgeteilt. Sie klingeln an jeder Tür und verschenken die Frühstückstüten – vorausgesetzt, jemand macht auf und nimmt das Geschenk an.



Haben die Kollegen schon viel Nachschub abgeholt? „Es hält sich in Grenzen“, sagt Susanne, „bis jetzt haben ihnen die Tüten gereicht, die sie mit einem Mal tragen konnten.“ Oben auf dem Gang klingeln Cyrill Otteni und Nina Hanželic. Manchmal zweimal, manchmal dreimal. Manchmal geht die Klingel nicht. Wenn sie eine Weile gewartet haben, gehen sie weiter.

Eine Tür geht auf. Ein älterer Mann in Feinripp-Hemd schaut misstrauisch. „Wir schenken Ihnen Frühstück!“, sagt Cyrill. Der Mann sagt nichts. „Es ist umsonst, Sie können es einfach – “, die Tür schlägt zu. Ob die Menschen, die ihnen nichts abnehmen, sie wohl für Zeugen Jehovas halten, fragen sich Cyrill und Nina. Sie sind 22 und 30 Jahre alt und genau wie die 13 anderen Klingelmännchen im Haus als freie Mitarbeiter für die Landeszentrale im Einsatz. Sie wollen Menschen in Freiburgs Wahlbezirk mit der geringsten Wahlbeteiligung (29 Prozent bei der Landtagswahl in diesem Jahr) durch das frühe Klingeln stören, aber sie tun ihnen nichts. Sie bringen ja nur Milch und gültige Verfassungsschriften, in denen unter anderem Grund- und Menschenrechte geregelt sind. So Grundgesetz-Artikel 13 Absatz 1: „Die Wohnung ist unverletzlich.“
 

Churchill und der Milchmann

Kurz mal Geschichten von früher: Früher tranken die Leute jeden Tag Milch. Sie kauften sie aber nicht im Supermarkt, sondern wenn sie am Morgen die Tür aufmachten, standen schon Flaschen mit frischer Milch davor. Manchmal klingelte der Milchmann und ließ sich die Lieferung für die nächste Woche bezahlen. Dieser Milchlieferservice war im deutschsprachigen Raum nicht unbekannt, aber längst nicht so verbreitet wie in den USA oder in Großbritannien.

In Großbritannien regierte bis genau zum Ende des Zweiten Weltkriegs Premierminister Winston Churchill. Während der Verhandlungen darüber, was man mit dem besiegten Deutschland anfangen sollte, wurde er abgewählt. Er schrieb ein sechsbändiges Buch über den Krieg. Er schrieb aber besser als die meisten Politiker und erhielt später den Literaturnobelpreis. Churchill konnte sich auch kurz fassen und prägte viele knackige Sätze. Zum Beispiel: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, aber es gibt keine bessere“, oder „wenn es morgens um sechs an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe.“ Letzterer Satz ist auf jede der 500 in Weingarten verteilten Milchtüten geklebt.



Bis 1989 gab es mit der Deutschen „Demokratischen“ Republik einen diktatorischen deutschen Staat, in dem man nicht sicher sein konnte, dass nur der Milchmann früh und unangekündigt klingeln würde. Die DDR war kein Rechtsstaat und wer die (nicht frei gewählte) Regierung kritisierte oder einfach nur ausreisen wollte, musste befürchten, dass der Geheimdienst ihn bespitzelte oder dass er ohne Anklage entführt, eingesperrt und verhört wurde. Auf ein Grundrecht wie die Unverletztlichkeit der Wohnung konnte man nicht vertrauen.

Die Bewohner der Hochhäuser in der Krozinger Straße dürften überrascht sein, dass jemand Fremdes früh am Morgen bei ihnen klingelt. Das ist einkalkuliert. Im Idealfall erkennen sie aber im nächsten Schritt, dass ihre Wohnung ihnen gehört und dass sie selbstbewusst darauf vertrauen können, dass ihnen niemand ihre Privatsphäre streitig macht. Danach erkennen sie, wie wertvoll dieses als selbstverständlich angesehene Grundrecht ist.

„Trotz möglicher persönlicher Problemlagen wie z. B. Arbeitslosigkeit oder Alleinerziehendenstatus kann der Bezug auf die Werte des Grundgesetzes ein Gefühl der persönlichen Wertschätzung, Zusammengehörigkeit und Identität auslösen.“

So steht es im ausformulierten Konzept der Landeszentrale für politische Bildung. „Natürlich erreichen wir mit dieser Aktion nicht, dass jeder angesprochene Bürger tief über Politik nachdenkt“, sagt Michael Wehner, Leiter der LpB in Freiburg. Es sei aber wichtig, die Wähler zu niederschwelliger Beteiligung – also mindestens wählen gehen – zu bewegen. „Wenn Weingartner nicht wählen gehen, dann verzichten sie auf ihre Stimme und jemand anderes entscheidet für sie. Mit unseren sonstigen Angeboten erreichen wir nur Menschen, die sich sowieso für politische Bildung interessieren. Unser Auftrag ist aber auch die Breitenwirkung.“



Und die erziele man ein bisschen mit dem Austeilen der Milchtüten – aber vor allem, wegen der Resonanz und den Gesprächen über die Aktion. Wenn du das hier liest und zum Nachdenken über Grundrechte angeregt wirst, bist du schon Teil der Zielgruppe. Vielleicht mehr noch als die Bewohner der Krozinger Straße.

Es erscheint viel Presse. Mindestens zwei Fernsehteams, zwei Radioleute und vier weitere Journalisten geben sich die Ehre – insgesamt vielleicht mehr Leute als Milchmänner und -frauen. Der erste Fahrstuhl im ersten Haus ist mit einem Fernsehteam und einem fudder-Reporter zusätzlich zu zwei Zweierteams der LpB überladen und kämpft sich mit kurzen Rucks gerade so bis ins erste Obergeschoss. Die Pausen zwischen den Rucks sind so lang, dass die Insassen jedes Mal glauben, jetzt sei der Lift endgültig stecken geblieben. „Das ist nicht schlimm, wir haben ja genug zu essen und zu trinken dabei“, sagt jemand.

Saskia Tröndle ist 20 und Christoph Döbele ist 23. Weil Sie beim Drücken auf den Klingelknopf nichts hören, klopft Saskia einfach an. Die Tür geht auf und die beiden wechseln sich ab wie in der Drei-Wünsche-auf-einmal-Werbung: „Wir haben Ihnen was mitgebracht!“ – „Was zu essen …“ – „… was zu trinken …“ – „… und was zu denken!“

 

"Wir geben einen Impuls zum Nachdenken"

Michael Wehner findet es nicht überheblich, dass seine Mitarbeiter – meistens junge Politikstudenten – bei mündigen Bürgern vorstellig werden und sie anregen, bitte mehr über das Gemeinwesen nachzudenken. „Überheblich anzukommen wäre am Ziel vorbei. Aber wir geben hier einen Impuls zum Nachdenken.“

Bei Nexhneje Falenxa kommt die Geste gut an. Die Mieterin einer Hochhauswohnung prüft den Inhalt der Tüten für ihre Familie und entscheidet, dass ihr Kind heute zwei davon in die Schule mitbekommt. Um den Flyer und das Taschenbuch zu studieren, reicht jetzt aber die Zeit nicht, sonst kommen sie zu spät.

Es ist inzwischen nach sieben und die Krozinger Straße ist endgültig aufgewacht. Menschen mit Aktentaschen oder in Kluft eilen die Gänge entlang und lassen sich ungern im Gehen ansprechen. „Ich kann jetzt nicht essen! Ich muss zur Arbeit!“ „Aber mitnehmen können Sie es doch! Hallo? Kein Frühstück?“ (Und verschluckt vom Rascheln der Tüte:) „Alles weitere können Sie nachlesen!“

Saskia und Christoph haben ihre Etagen abgearbeitet. Im Fahrstuhl treffen sie eine Frau mit zwei Kindern – alle drei haben schon eine Frühstückstüte in der Hand. Vor dem Haus treffen sie Nina, Cyrill und die anderen. Sie brauchen zusammen ungefähr eine Stunde pro Hochhaus und sammeln sich dann wieder draußen. In dem aufkommenden stürmischen Wind, der einige Tüten aus den Einkaufswagen pustet.

Die Demokraten tauschen sich über ihre Erfolgsquote aus. Weniger als die Hälfte der Besuchten hat aufgemacht und eine Tüte angenommen. Erst waren noch nicht alle wach, jetzt sind schon alle weg. In einem Hausflur hing eine Kopie von Michael Wehners Interview über die geplante Milchmann-Aktion in der Badischen Zeitung. Kommentar auf dem Flugblatt: „Sie haben sich vorgenommen, mit ihrer Aktion aus uns gute Demokraten zu machen.“ Immerhin kein Aufruf, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Am schwarzen Brett daneben hängt ein kleines Poster. Es ist überschrieben mit: „Bohren in Beton leicht gemacht!“ Wer in einem Hochhaus wohnt, hat es mit harten Wänden zu tun. Es braucht besondere Mittel und besonderes Geschick, um hier etwas zu erreichen.



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Foto-Galerie: Martin Jost

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