Deichkind im Güterbahnhof: Grelle Materialschlacht

Alexander Ochs & Stephan Elsemann

War das ein Konzert oder eine Freakshow? Einen 90-minütigen, bunt durchgestylten Trubel liefert der Kasperlehaufen allemal, inklusive aller Hits. Aber die Deichkind-Zeiten der Massen-Tanz-Ekstase mit hypnotischen Beats sind vorbei, meint Alex.



Ein Konzert ist das nicht, ein Konzert ist etwas Anderes. Da ist keine Musik drin – oder vielmehr drauf, auf der Bühne. Denn jemand, der Musik macht, sucht man bei einem Deichkind-Gig vergebens. Kein Flow, nirgendwo.

Wo früher Style drin war, ist heute von hinten bis vorne alles durchgestylt. Während in den früheren Phasen der Band Chaos und Anarchie sympathisch rüberkamen, herrscht jetzt straffe Ordnung, die locker wirken soll, aber komplett durchgeplant ist. Wie andere durch-choerographierte Bühnenshows von Boygroups oder auch vom „Schockrocker“ Marilyn Manson ist es eine einzige selbstverliebte Selbstinszenierung.

Wieso?



Knapp anderthalb Stunden lang wird die Crowd mit Musikvideos von Rage against the Machine über Beastie Boys bis hin zu Fatboy Slim aufgewärmt. Tanzflächenbrände aus der Konserve, die nicht zünden. Immer wieder bringen einige Fans ihren Unmut zum Ausdruck, indem sie „Deichkind!“ oder „Aufhören!“ rufen. Doch dank ausgiebiger Vorfreude ist die Stimmung gut, sobald der Deichkindergarten auf den Plan tritt.

Es wird dunkel. Elektrobeats rollen auf die Menge zu. Endlich tritt die Deichkind-Crew auf in schwarzen Ganzkörperoveralls mit neonfarbenen Leuchtbuchstaben. Einer schwebt als Vogel verkleidet am Seil über der Bühne. „Alle Vögel sind schon da / Sie fliegen hoooooch!“ 23 Dohlen, und alle johlen. Die Meute hüpft, reckt die Arme, tobt. Bratzige Technobeats künden den Über-Hit „Remmidemmi“ an, der das Motto des Abends liefert: Krawall und Remmidemmi!



Doch was machen die Jungs? Fläzen sich in pinkfarbene Strandliegen und bleiben dort gelangweilt und ungerührt liegen wie erschöpfte Partyurlauber an der Playa de Palma, am Ballermann. Stille. Vereinzelte Buhrufe – die Jungs rühren sich nicht. Bereitwillig wird geklatscht und gerufen – die Jungs rühren sich nicht. Vielleicht zündet Ironie? Die Fans brüllen „Zu-ga-be, Zu-ga-be!“ – die Jungs rühren sich nicht.

Schon geschafft nach zwei Songs? Weit gefehlt! Ein bisschen Provokation lodert noch in ihnen, doch im Grunde läuft alles nach Plan, wie bei jedem Deichkind-Auftritt seit der öffentlichen Generalprobe in Hamburg. Seitdem spulen sie die immergleiche Setlist und monotone Dauerbeschallung routiniert bis gelangweilt ab. Wie in einem grellen Musical.

Die Vier postieren sich erstmals so, dass man auf ihren Rücken Y-E-A-H lesen kann. Und „Dicker Bauch“, diese Ansammlung von Aufzählungen, fegt durch die Boxen. Apropos Aufzählung. Dank einer aufwändigen Materialschlacht setzen sie kurze, schnelle Reize. Dazu zählen unter anderem Trampoline, Heimtrainer, Perücken und Kopfbedeckungen aller Art, Masken, Kostüme, Schlauchboote, Lichterketten, Wunderkerzen, Luftballons, Konfettikanone, grellbunte Regenschirme, Laptops, Megaphon, Kasperletheater-ähnliches LKW-Fahrerhaus – und natürlich die Zitze als zentrales Element.

Phono, früher Tour-DJ, ist nun Regisseur eines kleinen Ensembles aus sieben, acht Mitgliedern. Das Konzept kommt an: Alles hüpft und tobt, die Halle wackelt und bebt. Leuchtstäbe erobern den Luftraum, die besten Stagediver meistern eine halbe Saaldurchquerung und die Jungs von der Bühne lassen sich gleich zweimal in einem Schlauchboot übers Partyvolk tragen.



Zum Glück ist noch Platz für ein wenig Selbstironie. Bei „Ich und mein Computer“ stehen in Kniehöhe Laptops vor den „Tech-Rappern“. Kein Gezappel, da stehen sie ausnahmsweise mal reglos da. Das Ganze wirkt wie eine kindgerechte Schwundstufe von recycletem Kraftwerk auf Deichkind-Art. Fester Bestandteil der Show sind außerdem eine verulkte Travestienummer und eine lauwarme homosexuelle Inszenierung.

Immerhin sind alle Hits Bestandteil der 90-minütigen Show, so auch die groteske Saufgröl-Hymne „Hört ihr die Signale!“ und, sehr lobenswert, die entspannte HipHop-Nummer „Bon Voyage“ aus den Zeiten, als Deichkind noch anders besetzt waren, andere Musik machten und Konzerte gaben. Ein Konzert war das nicht, ein Konzert ist etwas Anderes.

Foto-Galerie: Stephan Elsemann

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