Dauerlächeln mit dem Dalai Lama

Carolin Buchheim

Gelächelt wurde viel, als der Dalai Lama, das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter, am vergangenen Samstag von Oberbürgermeister Dieter Salomon im Rathaus empfangen wurde. Caro war dabei und hatte Muskelkater im Gesicht.



Am Samstag Mittag um viertel vor zwölf befindet sich die härteste Tür der Stadt am Durchgang zum Innenhof des Rathaus.  Dort stehen keine fies dreinblickenden Türsteher, sondern zwei nette, lächelnde Rathaus-Damen. Sie haben die Clipboards mit den Listen, die bestimmen, wer heute rein darf, ins Rathaus, und wer nicht.

"Tut mir leid, pro Einladung heute nur eine Person." Die beiden Damen mit den Clipboards sagen diesen Satz, in freundlichem, aber bestimmtem Ton heute gleich mehrfach: Manche der geladenen Gäste haben nicht nur ihre Ehepartner, sondern gleich die ganze Familie mitgebracht, alle im besten Sonntagsdress. Der Dalai Lama! In Freiburg! So hohen Besuch gibt es im Freiburger Rathaus schließlich nicht jedes Wochenende.

Sonst scheint es hier lockerer zuzugehen, aber die Abgewiesenen reagieren zumeist gefasst. "Geh' Du, Schatz", überlässt ein älterer Herr seiner Tochter seinen Eintritt ins Rathaus; Ein Paar entscheidet sich jedoch tatsächlich, nicht am Empfang teilzunehmen, weil sie nicht beide hinein dürfen, und ziehen mit angesäuerten Mienen von dannen.

Mit ihrer schlechten Laune sind die beiden heute ziemlich alleine, denn heute ist lächeln angesagt; Auf dem Rathausplatz herrscht entspannte Vorfreude. Die wartenden Freiburger Bürgerinnen und Bürger lächeln, die Fotografen und Journalisten lächeln und relaxte Polizisten vertreiben sich die Wartezeit, indem sie einem herumkriechenden Kleinkind eine ihrer Mützen aufsetzen: Lautes Gelächter bricht aus.



Um zwei Minuten vor zwölf fährt der Wagen mit dem Dalai Lama vor. Er steigt, natürlich lächelnd, aus dem Wagen und ist sofort von einer Traube aus Kameramännern und Fotografen umringt, seine Leibwächter werden kurzerhand weggedrängt. Obwohl sie Seine Heiligkeit wohl kaum richtig sehen können, hinter den Absperrungen wird geklatscht, Menschen recken mit aneinander gelegten Handflächen zum Gruß ihre Arme in die Höhe. Alternativ streckt man die Digitalkamera hoch.

Ein kleines Mädchen und ihr Vater sind von den Absperrungen nach vorne gekommen und reichen dem Dalai Lama einen weißen Schal. Der Dalai Lama, er wirkt zugleich älter als 72 und jünger. Er ist nicht so klein, wie man erwartet, und zugleich hat er etwas Zerbrechliches an sich, und etwas sehr starkes.

Noch bevor der Dalai Lama von Oberbürgermeister Dieter Salomon begrüßt werden kann, verwickelt ein Mann ihn und seine Übersetzer in ein Gespräch und schildert ihm ein scheinbar dringendes Anliegen. Es ist eine Situation, die jedem Personenschützer den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte.

Schließlich kann Oberbürgermeister Dieter Salomon den Dalai Lama mit einer  Verbeugung begrüßen und bekommt ebenfalls einen weißen Schal gereicht. Mit Frau Salomon zu seiner Rechten und dem Bürgermeister zu seiner Linken betritt der Dalai Lama schließlich den Innenhof des Rathauses. "What kind of building is this?" fragt er, und der Oberbürgermeister erklärt, dass das Rathaus früher ein Teil der Universität war. "When was this?" "Over 500 years ago!" erklärt Salomon, und fügt einige Sätze zum Uni-Jubiläum hinzu, denen der Lama  interessiert zuhört.

Gemächlichen Schrittes geht es die Treppe zum Ratssaal hinauf. Am Fenster Richtung Gerichtslaube bleibt der Dalai Lama kurz stehen. "They got married today", erklärt der Oberbürgermeister das Offensichtliche und der Dalai Lama winkt hinunter. Eine der Bräute schaut vollkommen fassungslos hinauf und läuft dann hektisch umher, ein Handy am Ohr. Mit einem Gruß des Dalai Lama an ihrem Hochzeitstag scheint sie nicht gerechnet zu haben. Im Treppenhaus wird gekichert.

Oben im rappelvollen Ratssaal wird der Dalai Lama mit tosendem Applaus begrüßt. Draußen ist es schwülwarm und sonnig, drinnen noch viel schwülwärmer und stickig. Es wird gedrängelt, freundlich lächelnd, und geschwitzt, auch freundlich lächelnd. Wie gut, dass die netten Damen mit den Clipboards so streng waren: Noch mehr Leute hätten wirklich keinen Platz.

Oberbürgermeister Salomon begrüßt den Dalai Lama mit einer kurzen Rede in ordentlichem Schulenglisch. Er wünscht ihm einen schönen Aufenthalt in Freiburg, weist auf die Probleme des tibetischen Volks hin, drückt sein Mitgefühl aus und verweist auf die Rolle des Buddhismus für Menschen aller Glaubensrichtungen. Der Dalai Lama hört zu, schaut sich im Saal um, einzelne Leute direkt an und richtet sein Gewand, als es ihm auseinanderutscht. Vom Rathausplatz tönt immer wieder klatschen hinauf. Der Dalai Lama scheint den Trubel um seine Person gewöhnt zu sein, und dieser Trubel scheint ihm ziemlich egal. Der alte Mann im roten Gewand, er scheint das alles nett zu finden, aber nicht übermäßig wichtig. Genau das macht seinen Charme aus.



Schließlich darf seine Heiligkeit ans Mikro. "Wir sind alle Brüder und Schwestern", erklärt er in Englisch mit charakteristischem Akzent gleich in der Begrüßung eine der Grundannahmen des Buddhismus. "Viel weniger unterschiedlich, als wir meinen." Direkt neben ihm steht einer seiner Leibwächter. Er nickt bei jeder Aussage zustimmend. Er bedankt sich für die freundliche Aufnahme und die guten Wünsche und erklärt, dass alle Leute immer lächelten, wenn er in der Nähe sei. "Ich glaube, sie wollen mir nur ihre Zähne zeigen, selbst die ganz alten Leute, die keine Zähne mehr haben."

Im Ratssaal wird jetzt nicht nur gelächelt, sondern lauthals gelacht.

Auch seine Standardsätze fehlen in der Rede nicht. "Ich bin nur ein einfacher buddhistischer Mönch, ich habe mich entschieden, den Rest meines Lebens, ob es jetzt noch zehn Jahre sind, oder zwanzig, oder dreißig, für andere Menschen zu leben." Es sind einfache Wahrheiten, denen jeder zustimmen kann. "Frieden fängt im Kleinen an", erklärt er. "Man muss mit sich im Frieden sein, in seiner Familie, in seiner Stadt, in seinem Land, schließlich in der ganzen Welt."

Schließlich kommt der Friedensnobelpreisträger auch auf das Schicksal seines Volkes zu sprechen. Er drückt seine Hoffnung aus, dass die Repressionen durch China ein Ende haben würden. "China will eine Weltmacht sein, in der Wirtschaft," erklärt er. "Aber sie sind eine Weltmacht ohne moralische Autorität." Diese sei jedoch notwendig, um eine wahre Weltmacht zu sein. Das müsse auch China bald erkennen, und sich dementsprechend verhalten. Dabei lächelt er.



Nachdem er sich in das Goldene Buch der Stadt eingetragen hat, geht es raus auf den Rathaus-Balkon, wo der Dalai Lama von Jubel begrüßt wird. Er verneigt sich vor den Freiburgern, wirft Kusshände und scheint es kaum glauben zu können, dass so viele Leute auf ihn warten.


Und dann ist er schon vorbei, der kurze Empfang. Euphorie liegt wie eine wuschige Decke schwer über dem Ratsaal, man schaut allerortens in glückliche, leicht ungläubige Gesichter, angefixt von der Ausstrahlung Seiner Heiligkeit. Geleitet von seinen Leibwächtern und begleitet vom Oberbürgermeister und einigen Mönchen, geht es die Treppe hinunter und aus dem Rathaus hinaus. Der Dalai Lama wird, zusammen mit dem Bürgermeister, die kurze Strecke zum Colombi Hotel laufen. An der Gerichtslaube steht eine Braut, ob es die Gleiche ist wie zuvor, ist unklar, der der Dalai Lama Glückwünsche in ein Buch schreibt. Sie bricht in Tränen aus.

Und der Dalai Lama, er lächelt.


 

Mehr dazu:

  • Der Dalai Lama in Freiburg: Website

Foto-Galerie: Carolin Buchheim