Online-Hilfe

Das Sorgen-Tagebuch aus Bad Krozingen hat 45.000 Einträge

Zie Quann Wu

Ein Tagebuch, das nicht nur zuhört, sondern auch antwortet: Mit dieser Idee startete der Verein Sorgen-Tagebuch aus Bad Krozingen vor fünf Jahren. Inzwischen umfasst die Online-Hilfe mehr als 45.000 Einträge und rund 60 Ehrenamtliche wirken mit.

"Liebes Tagebuch,
Tom hat mich heute verlassen. Was soll ich jetzt nur tun?"
Tagebücher helfen uns in schwierigen Situationen. Wir können ihnen unsere größten Ängste und Geheimnisse anvertrauen, doch leider geben sie uns keine Antworten oder Ratschläge. Die Internetplattform "Sorgen-Tagebuch", hinter der ein gemeinnütziger Verein aus Bad Krozingen steht, schon.


Auf der Internetseite "www.sorgen-tagebuch.de" können Nutzerinnen und Nutzer anonym ihre Probleme schildern. Wer möchte, bekommt danach innerhalb von zwei Tagen eine Antwort von einem der rund 60 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Niemand außer den Verfassern kann die Einträge und Antworten sehen. Die Antwort soll ohne persönliche Meinung aus der Sicht des Tagebuchs geschrieben sein und soll den Nutzerinnen und Nutzern bei ihren Sorgen helfen sowie sie durch Rat oder Verständnis unterstützen. Da ein gemeinnütziger Verein hinter dem Angebot steckt und zurzeit etwa 60 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Arbeit übernehmen, ist das Sorgen-Tagebuch kostenfrei nutzbar.

Ehrenamtliche aus ganz Deutschland wirken mit

Die Einträge verfassen Nutzer über einen anonymen Account, seinen echten Namen muss man nicht angeben. Der Account ist mit keinen persönlichen Daten wie beispielsweise der E-Mail-Adresse verknüpft, sodass Anonymität gewährleistet ist. Jeder kann die Tagebucheinträge nach eigenem Geschmack gestalten. Damit es dem klassischen Tagebuch möglichst ähnelt, können die Autoren das Büchlein individuell durch Schriftarten oder Farben gestalten. Auch einen persönlichen Motivationsspruch kann man zur zusätzlichen Unterstützung eintragen.

Verantwortlich für die Antworten sind die derzeit 18- bis 78-jährigen ehrenamtlichen Mitglieder aus ganz Deutschland. Wer im Verein Sorgen-Tagebuch Mitglied werden will, muss sich bewerben und ein psychologisches Auswahlverfahren durchlaufen sowie mehrere Schulungen online absolvieren. Von der Bewerbung bis zur Arbeit als Mitglied dauert es etwa anderthalb Monate. Jedes ehrenamtliche Mitglied nimmt sich etwa zwei bis drei Stunden Zeit pro Woche, um mindestens zwei bis drei Einträge zu beantworten. Falls die Ehrenamtlichen selbst vor Problemen bei der Beantwortung stehen, können sie Kontakt zu einem Facharzt für psychotherapeutische Medizin, der den Verein berät, aufnehmen.

Sorgen-Tagebuch existiert seit 2015

"Das Sorgen-Tagebuch richtet sich an Menschen, die niemanden haben, mit dem sie über ihre Gedanken und Probleme sprechen können oder sich noch nicht trauen, sie anzusprechen", erklärt Daniel Kemen aus Bad Krozingen, der zusammen mit Elisabeth Rohde und Simon Gehri den Verein Sorgen-Tagebuch im September 2015 gegründet hat. Sie haben sich in der Schule kennengelernt und waren bei der Gründung Anfang 20. Nachdem Simon Gehri den Verein verlassen hat, hat Anna Weikert seine Position im Vorstand übernommen. Das Konzept, das Auswahlverfahren und die Schulungen haben Gründerinnen und Gründer mithilfe von Fachleuten wie Psychologen und Rechtsanwältinnen ausgearbeitet.

Daniel Kemen betont, dass das Sorgen-Tagebuch keine therapeutische oder medizinische Behandlung ersetzt. Wie bei einem echten Tagebuch sind die Seiten irgendwann alle voll, die Anzahl der möglichen Einträge für einen Account nimmt mit jedem neu erstellten Eintrag ab. Dadurch sollen Nutzer und Nutzerinnen nicht dazu verleitet werden, das Sorgen-Tagebuch als langfristiges Mittel zu verwenden. Denn nach mehreren Einträgen zum gleichen Problem kann ein Tagebuch auch nicht mehr weiterhelfen. Wenn hingegen erhebliche Probleme erkannt werden, klären die Ehrenamtlichen Mitarbeiter über mögliche Hilfestellen oder Therapien auf.

Bisher umfasst das Sorgen-Tagebuch mehr als 45.000 Einträge, die in den letzten vier Jahren verfasst wurden. Das entspricht 14-mal der Länge aller Harry-Potter-Bände. Davon wurden über 40.000 beantwortet. Folglich wollen mehr als 85 Prozent der Nutzerinnen und Nutzern eine Antwort erhalten. Die meisten Verfasserinnen und Verfasser befinden sich im Teenager-Alter oder zwischen 50 bis 60 Jahren. Dass das Tagebuch missbraucht wird, komme selten vor, sagt Daniel Kemen. Die Hürde sei vermutlich durch die Anmeldung zu groß. Mit einer Bewertung von 4,55 aus 5 Punkten auf der Website ist die Reaktion auf das Sorgen-Tagebuch unter den Nutzerinnen und Nutzern sehr positiv.
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