Drei Länder

Das sind 5 Highlights der Regionale 20 in Freiburg

Martha Martin-Humpert

Bis zum 19. Januar zeigt die Regionale zeitgenössische Kunst im Dreiländereck und bietet Künstlern aus der Gegend eine Plattform. Auch in Freiburg sind mehrere Institutionen dabei – fudder hat 5 Highlights rausgesucht, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

E-WERK

Es surrt, fiept, flackert und blinkt: Unter dem Titel "I and the Machine" zeigen 17 Künstler im Untergeschosse des E-Werks Werke, die sich mit dem digitalen Wandel und technologischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte auseinandersetzen. Denn klar, auch an der Kunstwelt sind die Veränderungen nicht spurlos vorbeigegangen und zur anfänglichen Euphorie gesellt sich mittlerweile handfeste Kritik und Skepsis.

Reality island is elsewhere, game 1– Katrin Niedermeier
Die Darstellung von Weiblichkeit in Computerspielen ist ja mitunter äußerst fragwürdig, weil oft auf großbusige und knappbekleidete Superfrauen reduziert. Katrin Niedermaier setzt sich in ihrer Animation mit dieser Präsentation auseinander und hinterfragt die stereotype männliche Betrachtung. Auf der großen Leinwand vor uns räkelt sich der Avatar "Sexy Girl Tessa" in gewohnter Videospiel Ästhetik. Gekauft von der fiktiven Künstlerin Rose, dient er dazu, den weiblichen Körper in verschiedenen Leveln zu erkunden. Es treten auf: Palmen aus Plastik, eine Badewanne, viele bunte Neonröhren und amorphe Gewächse. Das bunte Szenario wird begleitet von den nachdenklich bis hysterischen Kommentaren von Rose, die die Erfahrungen ihrer Schöpfung Tessa hinterfragt. Schön verstörend, verstörend schön.

Escape Route– Dirk Koy
Ein virtueller Flug durch Basel? Klingt erstmal nicht so aufregend. Doch sobald man das Virtual Reality Headset aufsetzt, taucht man ein in eine abstrakte schwarz-weiße Welt ein, die einen direkt in den Bann zieht. Begleitet von Musik schwebt man durch die Häuserschluchten einer dystopischen 3D-Stadt, deren Formen sich im Takt des Klanges verändern, verformen, zerfallen und ineinander falten. Sofort fällt einem der Film Inception ein, in dem Leonardo DiCaprio im Traum Großstädte nur durch die Vorstellungskraft verbiegt. Ganze drei Minuten lang kann man sich in der 360-Grad Animation umschauen und sich mal schneller, mal langsamer durch das faszinierende Panorama tragen lassen. Nach dem Absetzen der Brille fühlt man sich leicht benommen, aber glücklich.

Kunstverein Freiburg

Die Räumlichkeiten des Kunstvereins sind selbst schon fast ein eigenes Highlight. Das ehemalige Schwimmbad mit seinem wunderbar weitläufigen weißen Raum lässt auf zwei Etagen genug Platz für große Installationen und Entdeckungen. Unter dem Motto "The sun to come" fragt die Ausstellung, wie die Sonne unser Leben auf der Erde beeinflusst und ob nicht auch alles ganz anders sein könnte.

Pioneer Plaques 13-23, Anina Müller
Auf den ersten Blick eher unauffällig, zeigt sich die Arbeit von Anina Müller beim genauen Hinsehen als nachdenklich stimmende Reflektion über unser Selbstbild als intelligente Spezies und Krone der Schöpfung. 1972 schickte die Nasa eine Raumsonde in die Weiten des Orbits, bestückt mit Plaketten, die Außerirdischen einen Einblick in das Leben von uns Menschen geben sollten. Die junge Künstlerin ergänzt den damaligen Kommunikationsversuch und stellt scheinbar einfache Fragen, die auf Aluminiumplatten im Raum verteilt sind.

Höflich, aber etwas naiv und selbstbezogen – so wie wir nun mal sind – fragt die Menschheit hier die fremden Lebewesen Dinge wie: "Dear Aliens, will we ever be happy? Yours sincerely, Humans". Ob wir selbst, oder doch eher extraterrestrische Lebensformen darauf jemals eine Antwort finden, steht in den Sternen.

Künstlerhaus L6

Die Kunst muss raus aus der Komfortzone: In Zähringen weitet sich die Regionale zur Lokale 01 aus. Der gesamte Stadtteil wird von den Kuratoren als Ausstellungsraum interpretiert, weswegen die Werke den eigentlichen Kunstraum L6 verlassen und an extra ausgewählten Orten wie Kneipen oder der örtlichen Sparkasse gezeigt werden, was durchaus zu überraschenden Begegnungen führen kann.

Zurück zur Malerei – Jonathan Mink
Diffuses Licht, leere Bierflaschen, volle Aschenbecher und ein rustikaler Tresen, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, dazu Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden. Die begehbare Installation in der Garage des L6 wirkt auf den ersten Blick wie das Überbleibsel eines tristen Kneipenabends und versetzt einen automatisch in melancholische Katerstimmung. Was hier wohl in der Nacht passiert sein mag? Der glatzköpfige junge Mann auf den kontrastreichen Fotografien an den Wänden will uns keine Antwort geben. Doch der vergangene Rausch, der Exzess, die Freiheit, sie sind in dieser Tristesse überall spürbar und erinnern uns daran, dass auf die schönsten Nächte oft das grausamste Erwachen folgt.

Kann man sich dran gewöhnen – Istihar Kalach
Auf der Suche nach dem nächsten Werk stolpert man ins Zähringer Stüble hinein. Samstag Mittag, es läuft Fußball, der Raum ist voller Qualm und trinkender Menschen, hauptsächlich Männer. Als gefühlt einzige Frau, (dann auch noch mit Stadtplan in der Hand und Kamera um den Hals) wird man angestarrt, als käme man gerade mit einem Truthahn auf dem Kopf hereinspaziert. Warum man sich denn hier her verirrt habe, wird man gefragt. Auf die Antwort "Kunst" ist wohl niemand so recht gefasst, es herrscht Verwirrung.

Tippen auf den Ausstellungsplan, einziger Hinweis, dass hier wirklich irgendwo ein Werk versteckt sein muss. "Ahja, da haben sie doch was nachgemalt, was früher hier hing! Und deswegen kommsch hier her? Willsch ’ne Schorle?" Zwanzig Minuten später kennt man nicht nur die jeweiligen Lebensgeschichten, sondern auch die Vornamen und hat das Versprechen abgegeben, beim Wiedersehen die nächste Runde zu zahlen. Kunst verbindet, kann man sich dran gewöhnen!