Aufregen ist ihr Hobby

Das Gesetz zum Verbot von Konversionstherapien greift nicht hart genug durch

Dita Whip

Therapien zur "Heilung" von Homosexualität sollen künftig verboten werden. Ein guter Ansatz, der aber nicht weit genug reicht. Denn es wird homophoben Eltern weiterhin möglich sein, ihre Kinder in Therapie zu schicken, meint fudder-Kolumnistin Dita Whip.

Endlich! Das Gesetz zum Verbot von Konversionstherapien in Deutschland ist beschlossene Sache. Man schmeiße Konfetti, hänge die Regenbogenflagge aus dem Fenster und stoße mit Sekt auf diese wunderbare Nachricht an. Blöd nur, dass der Sekt warm und schal und das Konfetti aus ist, und die Regenbogenflagge auf Anordnung des Ordnungsamts (der Dativ ist dem Genitiv sein Tod) wieder abgehängt werden muss. Eigentlich braucht man auch nicht so richtig zu feiern, denn das Gesetz ähnelt einem löchrigen Stück Käse.


Okay, Polemik mal beiseite gelegt: Es ist sehr gut, und wichtig, das es endlich einen handfesten Vorstoß von Seiten des Gesetzgebers zu dem Thema gibt. Nach dem neuen Gesetz sind "Konversionsbehandlungen an Minderjährigen [Personen] generell sowie an Volljährigen [Personen], deren Einwilligung auf einem Willensmangel (z.B. Zwang, Drohung, Täuschung, Irrtum) beruht, wenn z.B. [die behandelnde Person] sie nicht über die Schädlichkeit der Behandlung aufklärt" wird sowie das "Bewerben, Anbieten und Vermitteln solcher Behandlungen" verboten.
Konversionstherapie

Konversionstherapien sind "[m]edizinische Interventionen, die darauf gerichtet sind, die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt zu verändern oder zu unterdrücken". Diese sind nicht nur umstritten, sondern haben gesundheitliche negative Folgen. "Keine der bekannten Studien lässt den Schluss zu, dass die sexuelle Orientierung dauerhaft verändert werden kann. Wissenschaftlich nachgewiesen sind aber schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche ’Therapien’ – wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko. Nachgewiesen sind zudem Stigmatisierungs- und Diskriminierungseffekte auf Dritte in Form von Minderheitenstress."

Das Gesetz schützt vor allem minderjährige Personen, eine Gruppe Menschen, die sich in der Phase der Identitätsfindung befindet und dementsprechend besonders vor solchen "Therapien" zu schützen ist. Das ist nicht nur gut, sondern enorm wichtig. Konversionstherapien sind nachweislich schädlich für die geistige Gesundheit von (vor allem jungen) Menschen. Zudem begeben sich minderjährige Personen meist nicht freiwillig und selbstständig in solch eine Therapie, sondern werden von ihrem sozialen Umfeld dazu gezwungen – oder mit ordentlich Druck verleitet.

Eine minderjährige Person in einem toleranten Umfeld muss sich weniger mit Menschen rumschlagen, die sie für seine sexuelle Orientierung, geschlechtliche Fluidität oder Ähnliches verurteilen. Daher ist der Weg in solch eine "Therapie" fast immer durch das Umfeld gesetzt. Auch hier gehört der Hebel angesetzt.

Erziehungsberechtigten ist es jetzt zwar explizit verboten, eine minderjährige Person in solch eine Konversionstherapie zu stecken, allerdings ist es nicht verboten, sein Kind zum Psychologen zu schleppen. Unzählige Dokumentationen und Artikel belegen exemplarisch, dass es an "Expertinnen und Experten" dieses Betätigungsfeldes, die sexuelle Umpolung für möglich, sowie Homo-, Trans- und Bisexualität für heilbare Krankheiten halten, nun wirklich nicht fehlt.

Das Angebot dieser "Therapien" darf zwar nicht mehr beworben werden, allerdings ist es zu bezweifeln, dass diese Leistung bei expliziter Nachfrage nicht angeboten wird. Wer vor dem Verbot, eine Verletzung der geistigen Gesundheit einer anderen Person, als "Therapie" anbietet, den wird das Gesetz in Zukunft auch nicht davon abhalten. Eine Änderung der Abrechnungsziffer auf, sagen wir Depression, und zack, ist die Leitung als solche nicht nur verschleiert, sondern im Falle eines Psychologen, sogar von der Krankenkasse übernehmbar.

"Die Stimmgewalt von minderjährigen Menschen oder Jugendlichen ist nach wie vor nicht die gleiche wie von Erwachsenen."

Wie soll ein Gesetz durchgesetzt werden, wenn zum Beispiel eine 13 Jahre alte Person zu solch einer Therapie gezwungen wird und Druck aus dem familiären und sozialen Umfeld bekommt? In diesem Alter ist Einschüchterung durch Ältere oder Schutzbefohlene eine Klemme, aus der man sich nur schlecht befreien kann. Sollte das Kind dennoch den Mut haben, sich Hilfe zu suchen, so muss dem Hilfegesuch auch noch Gehör geschenkt werden. Die Stimmgewalt von minderjährigen Menschen oder Jugendlichen ist nach wie vor nicht die gleiche wie von Erwachsenen.

Auch Menschen, die ohne "Zwang" (Inwiefern kann man von zwangsfrei sprechen, wenn das Umfeld stark queerphob ist?) – ein solches Angebot "freiwillig" suchen, werden – trotz des Werbeverbotes – sicherlich fündig. Auch das wird exemplarisch durch Dokumentationen bewiesen. Dabei sind die Gründe für die Suche nach einer "Therapie" mannigfaltig. Glaube,Religion, sozialer Druck, internalisierte Homophobie, Selbsthass, Unzufriedenheit, Unsicherheit oder schlichtweg das Vertrauen in die richtige Einstellung der Familie – das alles sind Faktoren, die dazu beitragen, dass sich queere Menschen in die Hände von Konversionstherapeuten begeben. Teils auch in dem unrealistischem Glauben, dass diese wirksam sind.

Ein alarmierendes Bild

Das Gesetz greift bei Weitem nicht hart genug durch. Egal, wie hoch die Strafen sind (Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr, Geldstrafen bis zu 30.000 Euro), wird durch die Hintertüren nicht verhindert, das Konversionsangebote unter der Hand weiterhin bestehen bleiben. Diese Therapien werden nicht nur aus finanziellen Interessengründen heraus angeboten, Ausübende handeln hier teils aus purer Überzeugung. Egal, ob diese wissenschaftlich gesehen komplett haltlos ist. Speziell im Bereich des Glaubens, organisierter Religion, kirchlicher oder Religionsorganisationen nahe stehender Organisationen sehe ich auch eine doktrinär-motivierte Intention nicht ausgeschlossen.

Die Schwammigkeit des Verbotes gepaart mit den noch real existierenden falschen Vorstellungen, zeichnen ein alarmierendes Bild. Die indirekte, wenn auch bald illegale, Verfügbarkeit einer solchen "Therapie" sorgt dafür, dass diese nachgewiesen schädliche Art von Pseudo-Therapie weiterhin Bestand haben wird. Die Hintertüren geben zu viele Anreize und Möglichkeiten für Ausübende, als auch für "Hilfesuchende". Es wäre viel begrüßenswerter gewesen, wenn das Verbot absolut wäre.
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Deshalb halte ich den Sekt mal lieber noch geschlossen und hoffe auf eine Nachbesserung mit klarer Linie. Das aktuelle Gesetz ist ein wichtiger Teilerfolg. Allerdings geht es and er systematischen Realität der Konversionstherapien um einiges vorbei.

PS: Ist es nicht eine Ironie, dass wir beim Gesetz zum Schutz von Konversionstherapien, also ein Gesetz was Menschen vor etwas negativem schützen will, ein Werbeverbot bekommen, es aber beim Thema der Abtreibung, also eine individuelle Entscheidung über den eigenen Körper und Gesundheit, ein Werbeverbot weiter existiert?
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.