Musik

Das Fingerhut Kollektiv bringt die Stille verlassener Nachtorte zum Schwingen

Martha Martin-Humpert

Verlassene Orte in Musik verwandeln: Das Fingerhut Kollektiv hat ein Knarren, Brummen oder Klatschen aus verlassenen Spielstätten aufgenommen. Daraus haben andere Musiker dann Stücke komponiert.

Wie Freddy Mercury schon in seinem Welthit "The Show must go on!" schlussfolgert, dachte sich auch das Heidelberger Fingerhut DJ-Kollektiv: es muss weitergehen. Durch Corona waren ihnen jegliche Möglichkeiten für kulturelles Engagement weggebrochen. 2017 als Zusammenschluss aus Nachtschaffenden gegründet, hat auch sie die Pandemie kalt erwischt. Was die Gruppe von DJs vereint und begeistert, das Fallenlassen im Bass, das ausgelassene Aufeinanderprallen von Menschen, der Kontakt von Haut und Körpern – das passt alles nicht in eine eher kühle Zeit von Abstand und sozialer Distanz.

Wie aber soll man diese Lücke füllen, die nicht nur haptisch in den Räumen der Nacht, sondern irgendwie auch in einem selbst eine große Leere hinterlässt? Am besten mit Klang. So entstand die Idee des "Empty Spaces"-Projekts. An den Orten, wo sonst getanzt wird und das Wummern oft die eigenen Worte verschluckt hat, bleiben nach Auszug des Basses und der ekstatischen Körper doch noch kleine Klänge an den verlassenen Orten zurück. Ein Türeknarren, ein hallendes Klatschen, ein brummender Lautsprecher.

Knarren, Klatschen und Lautsprecher zum Ausprobieren

An sieben Heidelberger Spielstätten, manche drinnen, manche draußen, haben der aus Freiburg stammende Benni Matern und seine DJ Kollektivkolleginnen und- kollegen Nadine Tress, Felipe Lehman und Lorenz Luger das Mikrofon draufgehalten, um zwischen der Stille die Erinnerungen an durchlebte Nächte einzufangen. Die aufgenommen Klänge wurden online veröffentlicht und für eine weitere Verarbeitung zur Verfügung gestellt.



Wer sich ausprobieren wollte, konnte sich seine persönlichen Lieblingsgeräusche heraussuchen und daraus Tracks basteln, frei und ohne Vorgaben. Eine Auswahl nach eigenem Geschmack treffen wollte das Kollektiv ebenfalls nicht, weil es ihnen wichtig war, die Diversität der kreativen Herangehensweisen in der vollen Bandbreite abzubilden. Herausgekommen ist eine vielfältige Setlist von 38 Einreichung – viele aus der Region und der Szene vor Ort, manche aber auch als Gruß aus der weiten Welt eingesandt, wie aus Nairobi. Für die Fingerhüte kam diese breite Resonanz durchaus überraschend. "Wir wären auch mit fünf Tracks zufrieden gewesen!"

Vernetzung ist auch unter den Teilnehmenden gelungen

Dass auch während der Pandemie ein gemeinschaftliches Projekt zwischen auch untereinander Unbekannten entstehen könne, habe sie besonders gefreut, erzählt Nadine Tress. Musikalisch bewegt sich das meiste im Bereich der elektronischen Musik, Techno, Down-Tempo, alles durchaus angenehm abwechslungsreich und mit persönlicher Note, oft auch emotional behaftet: "Manche sind sehr düster, andere eher hoffnungsvoll." Unter den Einreichenden sind alt-bekannte Hasen, aber auch einige Wagemutige, die ihre erste selbst produzierte Arbeit präsentieren. So unterschiedlich die einzelnen Songs auch sein mögen, wie ein roter Faden ziehen sich die einzelnen Töne als wiederkehrendes Element durch das gesamte digitale Album.

Aus vielen kleinen Momentaufnahmen entsteht so ein großes Ganzes machen, kleine Punkte verbinden sich miteinander und aus diesen Verstrickungen und Querverbindungen bildet sich ein dichtes Geflecht. Einer der schönen Nebeneffekte des Projekts: Die Vernetzung ist auch unter den Teilnehmenden gelungen. Während des Prozesses haben sie sich gegenseitig beim Mastering geholfen, Feedback gegeben und so über die Entfernung hinweg Bande geknüpft. Für das Fingerhut Kollektiv ist klar, dass sie die neu entstandenen Kontakte und Kooperationen auf jeden Fall auch in Zukunft nutzen möchten. Denn: Corona wird irgendwann vorbei sein, doch - so Felipe Lehmann- : "Durch die Musik ist etwas für die Ewigkeit entstanden."

Info:

Das Album kann ab diesem Freitag, 12. März, gegen eine Spende unter folgendem Link herunter geladen werden: https://fingerhutkollektiv.bandcamp.com/releases
Alle Einnahmen kommen dem IKUMU Verein zugute, der künstlerische, musikalische, interkulturelle Initiativen unterstützt.