Freiburg

Das Easy Street Festival fand am Samstag als Notausgabe statt

Anja Bochtler

Freiburger Künstler und ein idyllischer Ort: Die Corona-Variante des Straßentheater-Festivals Easy Street Festival entwickelt am Samstag im Sternwaldeck einen ganz besonderen Charme.

Viel Platz statt Gedränge, ein festes Publikum statt wechselnden Gästen, nur Freiburger Künstler statt internationalen Auftritten: Die "Tiny-Edition" des Easy-Street-Festivals in Corona-Variante war völlig anders, als Straßentheater sonst ist. Doch dafür hatte sie ihren eigenen, ganz besonderen Charme. Zu den sechs ausgebuchten Auftritten kamen am Samstag und Sonntag insgesamt 600 Menschen zum Sternwaldeck.


Es ist ein guter Platz in diesen Zeiten der Abstandsregeln: Im großen Halbkreis auf der idyllischen Lichtung am Sternwaldeck können sich alle gut verteilen. Vor allem Familien und kleine Gruppen sitzen am Samstagnachmittag auf ihren eigenen Picknick-Decken, den vom Organisationsteam ausgebreiteten Teppichen oder einfach im Gras unter den Bäumen. So wie Anne Nau, Martin Musch und Lena Breuninger, die gespannt sind, was sie erwartet. Anne Nau war vor zwei Jahren beim ersten Freiburger Easy-Street-Festival dabei, in der Vor-Corona-Normalität mit Tausenden Menschen in mehreren Stadtteilen, zu denen jederzeit spontan Passanten dazu stoßen konnten. Das alles ist jetzt nicht mehr möglich. "Aber an der schönen Atmosphäre hat sich nichts geändert", findet sie.

Vorne bei der Bühne stehen Theater-Requisiten, ein antikes Sofa, eine Stehlampe, Blumen. Los geht’s mit der Band Philadelphia, die auch für das Bürgerbegehren für eine Fußgänger- und Radfreundliche Verkehrswende wirbt. Dann erzählt Shiva Grings, Freiburger Straßenkünstler und Gründer des Festivals, das seit Herbst 2018 zwei Mal stattfand, wie es zur "Tiny-Edition" kam.

Der Spendenaufruf hat eine neue Brisanz

Normalerweise sei es allen Künstlern wichtig, "in schicken und nicht so schicken" Ecken aufzutreten, sagt er: "Diesmal sind wir nur in einer schicken Ecke." Auch der Verweis aufs Spendensammeln am Schluss hat jetzt eine neue Brisanz. Während die Auto- und die Flugindustrie angesichts der Corona-Verluste schnell aufgepäppelt würden, gälten Künstler, denen schlagartig alle Auftritte und Einkünfte entzogen wurden, als "nicht systemrelevant", sagt Shiva Grings. Was ihn zur Frage führt: "Ist das System überhaupt systemrelevant?" Viel Applaus.

Dann entführt Anita Bertolami das Publikum in eine Welt weit weg von Corona. Als alte Dame im schwarzen Kleid humpelt sie an einem Stock auf die Bühne und schaut sich überrascht um. Sie verbeugt sich, nimmt den Hut ab und schüttelt ihre Haare vors Gesicht: Da stecken zwei Plastikaugen. Genau wie an ihrem Hintern, als sie später allen den Rücken zudreht und in die Hocke geht. So verharrt sie, und während sie ihre Arme nach vorn pendeln lässt, entsteht dadurch ein zweites Wesen mit einem ganz eigenen Leben, das Teig in einer Schüssel anrührt.

Der zweite Künstler, Günter Klingler, ist beständiger: Er ist und bleibt der schwäbische Heinz Herrmann, der mal mit Schustertanz-Schuhplattler loslegt, mal umständlich sieben Treppenstufen hinaufklettert, aber auch sehr akrobatisch mit Hula-Hoop-Reifen auf einem Brett balanciert, das auf einer Teigrolle herumpendelt. Beim Publikum kommt alles gut an. "Es war so angenehm, entspannt, einfach schön", schwärmt Daniela Steiner, als sie nach dem Ende mit ihrer Tochter Katalin (3) aufbricht. Daniela Steiner findet es gut, dass es trotz Corona stattfinden konnte: "Die Künstler haben keine Lobby, ganz anders als die Autoindustrie. Dabei finden viele Kunst systemrelevant.